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Marco Pezzaiuoli leitet Nachwuchsakademie in China

„Ich lerne fürs Leben“ Marco Pezzaiuoli leitet Nachwuchsakademie in China

Marco Pezzaiuoli ist ein Mensch von ausgesprochener Höflichkeit. Und damit passt er durchaus zum chinesischen Team Guangzhou Evergrande, das beim Sparkasse & VGH-Cup sein Turnierdebüt gefeiert hat.

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Gefragter Gesprächspartner: Der ehemalige Hoffenheimer Trainer Marco Pezzaiuoli ist jetzt Direktor der Nachwuchsakademie beim chinesischen Guangzhou Evergrande FC.

Quelle: Wenzel

Göttingen. In Deutschland ist der 47-Jährige vor allem als Nachfolger von Ralf Rangnick beim Fußball-Bundesligisten TSG Hoffenheim bekannt. Bei Evergrande in der Elf-Millionen-Einwohner-Metropole Guangzhou ist er als Direktor Sport der Nachwuchsakademie tätig, an der sich 3000 Junioren zu Fußballspielern ausbilden lassen.

Als er im Herbst 2014 bei Guangzhou anfing, wurde ihm schnell klar, dass viele Nachwuchsspieler technisch gut ausgebildet, aber unter Druck anfällig für Fehler sind. „Es mangelt an Robustheit, Aggressivität und Tempo“, unterstreicht er im Tageblatt-Gespräch. Also unternahm er mit seiner Mannschaft im vergangenen Sommer eine Europa-Reise und ließ die chinesischen Junioren gegen die besten europäischen Nachwuchsteams antreten. „Man hat da schon gesehen, welche Entwicklung die Spieler genommen haben“, erzählt er.

Dieselbe Idee verfolgt Pezzaiuoli mit den Auftritten bei gut besetzten Hallenturnieren in Deutschland. „Hier lernen die Spieler außerdem, in Stress-Situationen konzentriert Fußball zu spielen“, sagt der Trainer, der in dieser Eigenschaft bereits vor 20 Jahren, wie er schätzt, mit dem Karlsruher SC beim Turnier in Göttingen angetreten ist.

Die Annahme, im großen China könne er sich aus einem großen Pool bedienen, sei jedoch falsch: „Es gibt in China nur 7000 aktive Fußballer.“ Außerdem sei noch eine etwas andere Herangehensweise an das Fußballspiel weit verbreitet: „Als ich hier ankam, wollten die Leute bei Spielen einen Pass mit dem Außenrist oder einen Hackentrick sehen und nicht so sehr Tore. Das war mehr Zirkus als Effektivität.“ Damit ihre Kinder die Evergrande-Akademie besuchen dürfen, legen die Eltern pro Jahr 3000 bis 5000 Euro hin. Kinder aus weniger begütertem Haus haben die Möglichkeit, über einen Elite-Zugang den Sprung an die Akademie zu schaffen.

Auch wenn der deutsche Trainer viele Neuerungen eingeführt hat, halten sich doch zäh Traditionen, gegen die auch er nicht ankommt: Morgens wird feierlich die Flagge gehisst, im Anschluss steht Morgengymnastik auf dem Programm. „Man kann nur Schritt für Schritt etwas ändern“, unterstreicht Pezzaiuoli, in Deutschland geborener Sohn eines italienischen Gastronomen und einer Niederländerin, der mit seiner südkoreanischen Frau und den sieben Kindern rund 80 Kilometer von der Akademie entfernt wohnt.

Umso stolzer ist der 47-Jährige auf seine Erfolge: Unter ihm wurde beispielsweise eingeführt, dass die Evergrande-Nachwuchsspieler für Titelgewinne Stipendien erhalten. „Das ist einzigartig bei uns, dass die schulische und fußballerische Ausbildung Hand in Hand gehen. Das habe ich verändert“, sagt Pezzaiuoli.

Wenn seine Junioren sich europäische Fußballtugenden aneignen und vor allem auch handlungsschneller werden, „dann sind sie sogar besser als europäische Spieler“, glaubt der Trainer. Er selbst kann sich vorstellen, auch über die nächsten Jahre hinaus im Land des Lächelns zu arbeiten. Seine Frau und die Kinder zieht es jedoch nach Deutschland.

Wenn er irgendwann bei Evergrande aufhören sollte, hat er nicht nur gegeben, sondern auch genommen, das weiß Pezzaiuoli jetzt schon. „Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, auf Menschen zuzugehen“, sagt er. „Die Kinder lernen bei mir Fußball – und ich lerne fürs Leben.“

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