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Nach drei Jahren erstmals wieder Profi-Basketball in Lokhalle Göttingen

Keine Schickimicki-Hochglanz-Arena Nach drei Jahren erstmals wieder Profi-Basketball in Lokhalle Göttingen

Für drei Partien der 1. Basketball-Bundesliga kehrt die BG Göttingen zurück in die Lokhalle, Stätte ihrer größten Triumphe. Das Tageblatt beschreibt die Faszination des Industrie-Denkmals als Sport-Arena.

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Zurück in der Lokhalle: Für die Mannschaft und ihre Fans ist die Lokhalle das Wohnzimmer, für Gastmannschaften oft ein ungemütlicher Ort.

Quelle: Pförtner

Göttingen. Von der BG Göttingen und ihren Fans wird sie innig geliebt, von den Gegnern gefürchtet: die Göttinger Lokhalle. Keiner anderen Arena in der Basketball-Bundesliga wohnt ein derartiger Mythos inne wie dem Industriedenkmal aus dem Jahr 1920. Sie ist mit ihrer Ursprünglichkeit und dem proletarischen Charme der absolute Gegensatz zu den in den vergangenen Jahren zahlreich aus dem Boden geschossenen Hochglanz-Schickimicki-Arenen.

Der Generaldirektor des Basketball-Weltverbandes FIBA, Nar Zanolin, schwärmte 2010 in den höchsten Tönen, als er sagte, dass die Lokhalle Maßstäbe gesetzt habe, wie sie in der Euro-Challenge nie da gewesen seien.

Nach fast auf dem Tag genau drei Jahren ohne Basketball bietet die alt-ehrwürdige Arena heute erstmals wieder den beeindruckenden Rahmen eines Basketball-Events. Zwei weitere werden in den nächsten elf Tagen folgen. „Football is coming home“ singen die Engländer inbrünstig. Göttingen fiebert kaum minder euphorisch den großen Tagen in der Lokhalle entgegen.

Die Rückkehr in die alte Spielstätte ist für viele BG-Fans ein wenig wie das Wiederfinden eines verloren geglaubten Stückchens Heimat. Hier, in der weltweit einmaligen Sport-Arena, wuchs endgültig zusammen, was zusammen gehört: Göttingen und der Basketball. Groß und unvergessen sind die drei deutschen Meisterschaften, die Göttingen in den 1980er Jahren gewann.

Dass sie in der Godehardhalle erkämpft wurden, spielt dabei allerdings eine eher untergeordnete Rolle. Ganz anders stellt sich das beim größten Erfolg in der Göttinger Basketball-Historie dar. Der Triumph der BG Göttingen 2010 in der Euro-Challenge ist ohne die Erwähnung der Lokhalle unvorstellbar. Hier wurde gezittert, gelitten, gefeiert und geweint. Favoriten gestürzt und Geschichte geschrieben. Nicht nur das Team war schließlich Euro-Challenge-Sieger, sondern alle Lokhallen-Besucher, denn die Fans hatten erheblichen Anteil an der Sensation.

Tiefe Depression und unbeschreibliche Glücksgefühle

„Die Lokhalle ist immer noch die Arena, in der ich am liebsten Basketball gespielt habe“, twitterte Euro-Challenge-Held und Ex-BG-Publikumsliebling Jason Boone am vergangenen Wochenende, als er gehört hatte, dass sein jüngerer Bruder Malcolm mit der BG in der Lokhalle trainiert hatte. Es sind diese gemeinsam erlebten unvergessenen Erinnerungen: die Dramen und Triumphe, die sich im denkmalgeschützten Gemäuer abgespielt haben und sich ins kollektive Veilchen-Gedächtnis eingebrannt haben.

So lösen bei einigen Veilchen-Gängern die Schlagworte BBL-Playoff-Viertelfinale 2010 und Andrew Drevo noch immer heftige körperliche Reaktionen aus – vom Kopfschütteln über Wutanfall bis hin zur Schockstarre. Der Forward warf die BG trotz zwischenzeitlicher hoher Führung mit einem Hakenwurf in letzter Sekunde aus dem Wettbewerb.

Andere Stichwörter wie Euro-Challenge-Halbfinale gegen Roanne oder McNaughton, Finale, Krasnye Krylia Samara bewirken hingegen wahre Endorphinschübe. Diese setzen derart viele Glückshormone frei, dass sogar der Termin beim Finanzamt oder der Zulassungsstelle den Tag nicht trüben kann.

Warum es sich als Auswärtsmannschaft so enorm unkomfortabel anfühlt, in der Lokhalle zu spielen, hat wohl mehrere Gründe. Zum einen ist da dieses tiefe Schwarz, in das man hineintritt, wenn man als Spieler durch die schweren Türen des Nebeneingangs zur ersten Trainingseinheit in die Halle kommt.

Und inmitten dieser scheinbar undurchdringlichen und bedrohlich wirkenden Schwärze liegt der hell erleuchtete Court – umrahmt von kolossalen, schweren Stahlträgern. Unverrückbar stehen sie da und spannen einen Raum, als wollten sie das Spielfeld vor dem hereinbrechenden Dunkel schützen.

Unbehaglich wie eine Wurzelbehandlung

Und dann sind da die begeisterungsfähigen Fans, die in der Lokhalle scheinbar mit den Füßen auf der Spielfeldmarkierung stehen – so dicht, so eng und laut. Sie erzeugen eine Nähe, die unangenehm ist. Die Fans sind stetig da, wo man sie nicht haben möchte mit ihren Anfeindungen und Hilfen für das eigene Team. Sie sind mitten in der Privatsphäre der Spieler. Können helfen und hemmen und werden so zu einem wesentlichen Faktor.

In der Lokhalle spürt man zudem förmlich noch die harte Arbeit, die hier geleistet wurde, als sie noch im Besitz der Bahn war. Wenn Muskel bepackte Männer die schweren Lokomotiven reparierten. Mit harter Arbeit ist auch immer der Spielstil der BG-Teams umschrieben worden. Das Veilchen-Kollektiv bestand immer aus Akteuren, die etwas zu beweisen hatten, weil die Spieler aus verschiedenen Gründen keinen Vertrag bei einem Top-Klub bekamen.

Und so entstand das Bild der hart, bisweilen überhart für ihre Chance arbeitenden BG-Profis. Ex-Veilchen-Coach John Patrick sprach einmal von „40 Minuten Hölle“, die die Gegner überstehen müssen, wenn sie gegen die BG in der Lokhalle antreten müssen. Es ist also keine Überraschung, dass der im Kalender eingetragene Auswärtstermin gegen die BG Göttingen in der Lokhalle bei zahlreichen Gegnern noch mehr Unbehagen hervorrief als der anstehende Zahnarzt-Termin zur Wurzelbehandlung.

Am heutigen Sonnabend ist es nach drei Jahren also wieder soweit. Erstmals nach dem sieglosen Euro-Challenge-Aus im Dezember 2011 gegen Besiktas Istanbul wird aus der basketballfreien Zone Lokhalle wieder der Basketball-Tempel, um den Göttingen von zahlreichen Basketball-Standorten beneidet wird. Binnen elf Tagen haben drei Klubs das „Vergnügen“, in der Lokhalle auf die BG Göttingen zu treffen. Den Auftakt macht heute um 15.30 Uhr Ratiopharm Ulm.

Erwartungsgemäß ist die Partie bereits seit Wochen ausverkauft, ebenso das Duell am Montagabend mit den Brose Baskets Bamberg. Zum Abschluss der Lokhallen-Trilogie 2014 versuchen am Dienstag, 30. Dezember, noch die EWE Baskets Oldenburg den Gang durch die „Lokhölle“ unbeschadet zu überstehen und mit einem Happy-End zu versehen. Auch für dieses Match sind längst keine Tickets mehr verfügbar. Göttinger Basketball in der Lokhalle begeistert die Menschen spürbar.

Vom Reparatur-Betrieb zum Event-Tempel

  • 1855 : Unter dem Namen Maschinenwerkstatt nimmt ein Eisenbahn-Ausbesserungswerk den Betrieb auf dem Gelände hinter dem Göttinger Hauptbahnhof auf.
  • 1920 : Nach dreijähriger Bauzeit wird auf dem Gelände des Ausbesserungswerks das Gebäude der Lokrichthalle eröffnet, in der vor allem Dampflokomotiven repariert werden.
  • 1976 : Der gesamte Ausbesserungswerk-Komplex wird stillgelegt und rottet zwei Jahrzehnte vor sich hin. Unterdessen wird über die Nutzung des riesigen Areals diskutiert.
  • 1981 : Das niedersächsische Institut für Denkmalpflege nimmt das Lokhallen-Gebäude in die vorläufige Liste der Baudenkmäler auf.
  • 1983/84 : Bauunternehmer Ebel kauft das 85    000 Quadratmeter große Gelände und lässt außer der Lokhalle alle anderen Gebäude abreißen.
  • 1986 : Die Stadt Göttingen erwirbt das gesamte Areal zwischen Bahnhof und Leine inklusive der Lokhalle. Der Göttinger Architekt Jochen Brandi entwirft ein nie realisiertes Nutzungskonzept, in dem ein wesentlich größer ausgestalteter Westeingang des Bahnhofs, eine Turmbrücke über die Bahnhofshalle als Verbindung zur Lokhalle, ein Freizeitbad und ein Ladenzentrum in der Lokhalle vorgesehen sind.
  • 1992 : Der Rat der Stadt beauftragt die Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung (GWG), das Areal „zu einem eigenständigen, vitalen, städtischen Bereich mit attraktiven, öffentlich ausstrahelnden Nutzungen zu entwickeln“.
  • 1995 : Die Stadt überträgt das in Otto-Hahn-Zentrum umbenannte Grundstück an die GWG. Sie wird Projekt- und Erschließungsträger und stellt wenig später den sogenannten Masterplan II vor.
  • 1996 : Im Dezember öffnet das Kino CinemaxX seine Pforten im nördlichen Teil der Lokhalle.
  • 1998 : Im Dezember wird die Lokhalle mit rund 5400 Quadratmetern Veranstaltungs- und 3000 Quadratmeter Foyer eröffnet. Erste sportliche Events sind das Internationale A-Junioren-Fußballturnier und das Feuerwerk der Turnkunst, die dort bis heute ihren festen Standort haben . Bis 2010 finden laut GWG 683 Veranstaltungen mit 2   476   417 Besuchern statt.
  • 1999 : Im August wird der Neubau der Volkshochschule bezogen, im September das Medienhaus. Darüber stehen auf dem Gelände des ehemaligen Ausbesserungswerkes eine Außenstelle der Agentur für Arbeit und ein Intercity-Hotel.
  • 2007 : Am 19. September hat Basketball-Erstliga-Aufsteiger BG Göttingen den ersten Auftritt in der Lokhalle. 2000 Zuschauer verfolgen den 87:74-Sieg gegen den Mitteldeutschen BC. Zwei Tage später bezwingen die Veilchen an gleicher Stelle den Zweitligisten USC Heidelberg mit 104:75. Zum Triumphmarsch wird  die Pflichtspiel-Premiere in der neuen Arena. Am 9. Oktober schlägt die Mannschaft von Coach John Patrick den deutschen Rekordmeister Giants Leverkusen vor 3100 begeisterten Besuchern mit 91:85. Bis zum Abstieg der Veilchen nach der Saison 2011/12 erleben die Fans in der „Lokhölle“ viele denkwürdige Partien. Höhepunkt ist Anfang Mai 2010 die Ausrichtung des Euro-Challenge-Final-Fours mit dem Sieg der BG im Endspiel gegen den russischen Klub Krasnye Krylia Samara.
  • 2011 : Durch den Umbau der Lokhalle vergrößert sich die 8400 Quadratmeter große Fläche um 1000 Quadratmeter. Bei Basketballspielen bietet die Arena jetzt 3700 Zuschauern 3700 Platz. Vorher passten nur 3400 hinein.
 
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