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So dreht sich das Transfer-Karussell beim Basketball

Thema des Tages So dreht sich das Transfer-Karussell beim Basketball

Kaum ist Chris Jones bei Basketball-Bundesligist BG Göttingen über das Parkett gewirbelt, war er schon wieder weg. Die-Ultra-Kurzverpflichtung des jungen US-Amerikaners ist ein Beispiel dafür, wie schnelllebig das Basketball-Business geworden ist und mit welch bizarr-rapidem Tempo sich das Transfer-Karussell drehen kann. Doch was ist im Basketball eigentlich alles möglich? Wie tickt der Transfermarkt? Es lockt nicht nur die große Karriere, sondern auch das große Geld. Denn: An den Millionen-Gehältern, die in der US-amerikanischen Profi-Liga NBA oder von den europäischen Top-Klubs bezahlt werden, verdienen auch die Vermittler mit. Eine Spurensuche mit BG-Cheftrainer Johan Roijakkers und dem gebürtigen Göttinger Spieler-Agenten Gerrit Kersten-Thiele.

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Kaum da, war er schon wieder weg: Chris Jones (l.).

Quelle: Pförtner

Göttingen. So scoutet Johan Roijakkers

Göttingen. In den Phasen, in denen Johan Roijakkers auf dem Transfermarkt tätig ist, summt eigentlich ständig sein i-Phone. Hier eine Nachricht von einem befreundeten Assistenztrainer, dann eine weitere Mail mit Infos zu einem verfügbaren Spieler. Gefühlt vibriert das Smart-Phone des Cheftrainers und sportlichen Leiters des Basketball-Bundesligisten BG Göttingen  zwischen zwei Cappuccino-Schlücken zehn Mal. „Ich weiß immer, welche Spieler auf dem Markt sind. Ich pflege mein Netzwerk regelmäßig, denn das ist enorm wichtig“, betont Roijakkers.

Das Scouten von Spielern, um ein neues Team zusammenzustellen, prägt in der Regel die sogenannte Offseason, also die spielfreie Zeit im Sommer. Roijakkers schuftet dann allerdings am meisten, 18-Stunden-Tage sind da keine Seltenheit. Weil ein Großteil der Agenten und potenziellen Spieler in den USA leben, sind Nachtschichten für den Niederländer in dieser Zeit die Regel. Um die zehn Profi-Positionen im BG-Team zu besetzten hat Roijakkers bisher gut 300 Spieler unter die Lupe genommen.

Seine Suche hat Roijakkers in vier Kategorien eingeteilt:
1. Spieler, die für ihn gespielt haben und mit denen er erfolgreich war.
2. Spieler, gegen die er mit seinen Team gespielt hat und die ihn geschlagen haben.
3. Intensive Auseinandersetzung mit mehreren europäischen Ligen.
4. Angebot von Agenten.

„Die Zusammenarbeit mit Agenten und Agenturen verändert sich. Je höher dein Budget für Spieler ist, desto professioneller arbeiten auch die Agenturen. Wenn ich weiterhin mit den Agenten zusammenarbeiten würde, mit denen ich als Trainer in der Slowakei gearbeitet habe, würde ich wohl kaum ein BBL-taugliches Team zusammenstellen können“, sagt Roijakkers. Mit College-Trainern spreche Roijakkers eher nicht so gerne, weil sie über ihre Ex-Spieler meist viel zu gut reden. Wichtige Informanten sind dagegen Scouts wie Brent „B.J.” Johnson. Mit dem Talentsichter der Houston Rockets arbeitete Roijakkers gemeinsam für deren D-League-Team Valley Vipers. Großes Vertrauen genießt auch Roijakkers‘ eigener Agent Patrick King.

Dass sich die Kaderzusammenstellung in diesem Jahr so weit in die Saison hineinzieht, passt Roijakkers erwartungsgemäß nicht ins Konzept. „Natürlich wünscht man sich, dass alle Transfers passen. Doch dieses Jahr hatten wir Pech und Verletzungen und mussten reagieren“, sagt der BG-Coach.

Das vermutlich letzte Mosaiksteinchen hat Roijakkers am vergangenen Dienstag hinzugefügt. Mit Terrell Everett verpflichtete der 35-Jährige den Nachfolger des verletzt abgewanderten Ricky Minard. Dass die Mannschaft in dieser Formation die Saison zu Ende spielt, ist aber nicht verbrieft. Bis Ende Februar haben die Klubs in der BBL jederzeit die Möglichkeit, Verpflichtungen zu tätigen.

Jones-Transfer im Zeitraffer

! Dienstag, 6. Oktober: „Ich wusste von einem Agenten, dass Chris Jones auf dem Markt ist. Er hatte einen Kurzzeitvertrag in der Türkei mit Option auf Verlängerung. Doch der Klub nutzte dies nicht. Chris war bei einem Freund in Litauen, was ein Glück für uns war, denn aus den USA hätte ich ihn wegen der Kosten nicht einfliegen lassen. Ich konnte ihm ein Angebot zum Vorspielen machen“, sagt Johan Roijakkers.

! Dienstag, 13. Oktober: Jones trainiert erstmals mit der BG.   

! Freitag, 16. Oktober: Roijakkers ist von Jones überzeugt und entscheidet sich, ihn auf die Spieler-Liste für das Bamberg-Spiel zu setzen. Die Spielgenehmigung ist pro forma schon im Vorfeld beantragt worden.

! Sonntag, 18. Oktober: Jones ist gegen Brose bester BG-Spieler.

! Montag, 19. Oktober: Noch in der Nacht begonnen konkrete Verhandlungen mit dem Agenten – „auf Basis einer ursprünglichen Verabredung, die nach dem sehr guten Spiel von Jones anscheinend keinen Bestand mehr hatte“, so BG-Geschäftsführer Frank Meinertshagen.

! Dienstagmorgen, 20. Oktober: Es sieht so aus, dass Jones einen Vertrag in Italien unterschrieben hat. Daher trainierte er nicht mehr mit. In einem Gespräch mit Jones stellt sich dann heraus, dass er erstens gerne in Göttingen bleiben möchte und zweitens noch ein zweiter Agent im Spiel ist.

! Dienstagnachmittag: Roijakkers nimmt Verhandlungen mit dem neuen Agenten auf. Haupt-Mitbewerber ist plötzlich ein Team aus Paris. Weil der BG-Headcoach nach dem Bamberg-Spiel beim GT-Talk im VIP-Bereich um Unterstützung zur Verpflichtung von Jones geworben hatte, gab es Signale von Sponsoren, eine mittlere fünfstellige Summe zusätzlich bereitzustellen. Mit diesem Wissen entschließt das BG-Management, ein begrenztes Risiko einzugehen und die zu diesem Zeitpunkt bereits höheren Forderungen des Agenten mitzugehen.

! Dienstagabend: Paris hat sein Angebot deutlich erhöht. Die BG muss aussteigen – rien ne va plus. Die Summe liegt beim Drei- bis Vierfachen der BG-Offerte. bam

Interview mit Gerrit Kersten-Thiele

Welche Aufgaben übernimmt eine Agentur oder ein Spielervermittler?

Das ist keine leichte Frage, weil die Anforderungen sehr unterschiedlich sind. Für junge Talente und ihre Familien bieten wir mittlerweile ein sehr viel umfassendes Paket an und für bereits gestandene Profis oder Spieler kurz davor muss man auch immer genau gucken, was benötigt wird. Ich interpretiere die Aufgabe einer Agentur so, dass es unser Job ist, Spielern bei der Karriereplanung und -entwicklung zu helfen und ihnen und ihren Familien zu helfen, wichtige Entscheidungen zu treffen. Dafür müssen kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen geplant und Ziele gesteckt werden. Diese muss man im Laufe der Zeit natürlich mit dem Spieler besprechen, anpassen und weiterentwickeln. Dazu gehört auch der ständige Kontakt mit Vereinen, denn wir wollen ja einen guten Überblick haben, wie unsere Spieler im Basketball-Markt gesehen und eingeschätzt werden. Nur so können wir den von uns betreuten Spielern den Rücken frei halten und ihnen die Möglichkeit geben, sich auf das Training und die Spiele zu konzentrieren.

Haben die Verträge zwischen Agentur und Spieler feste Laufzeiten?

Unsere Verträge sind immer für ein Jahr. Laut Fiba-Statuten sind auch zwei Jahre möglich, aber in diesem Geschäft geht es um Vertrauen. Ist das nicht mehr da, dann ist es auch mit Vertrag schwierig, erfolgreich zu arbeiten.

Wie verdienen Sie Ihr Geld? Stimmt es, dass ein Spielervermittler 10 Prozent des Spielergehalts erhält?

Ja, als Spielerberater bekommt man 10 Prozent von der Netto-Summe des Spielers.

Bei der Fiba sind knapp 500 lizenzierte Spieler-Agenturen gelistet. Das muss doch ein Hauen und Stechen um die größten Talente sein. Wie scouten Sie Spieler und wie überzeugen Sie sie davon, dass Sie der richtige Partner sind?

Schwieriges Thema. Neben den etwa 500 lizenzierten Beratern gibt es ja auch noch ein paar andere, die mitmischen. Ich selbst versuche, so viele Spiele wie möglich zu sehen. Mittlerweile muss man da – leider – schon sehr früh anfangen, sich Talente anzusehen, um eine Chance zu haben.

Stichwort Schwarze Schafe: Der Ruf des Spielervermittlers ist gemeinhin nicht der beste. Es gibt Berichte davon, dass einige Agenturen den Top-Talenten am College hohe sechsstellige Beträge zahlen, damit sie sich an die Agentur binden. Kennen Sie solche Praktiken?

Jeder hat eine andere Vorgehensweise. Man hört schon abenteuerliche Geschichten zu dem Thema. Für uns ist das Kaufen eines Spielers kein Thema. Wir wollen mit Inhalten überzeugen und jedem Spieler helfen, sich maximal individuell zu entwickeln und seine Ziele zu erreichen. Ich glaube nicht, dass man das mit einem Geldkoffer regeln kann.

Haben Sie einen festen Kundenstamm von Vereinen oder deren sportlichen Leitern, mit denen Sie zusammenarbeiten, oder suchen Sie für jeden Spieler nach dem passenden Verein?

Sicherlich hat man zu einigen Klubs und Coaches einen engeren Draht als zu anderen, aber das wichtigste ist, dass man offen ist und jede Situation für seinen Spieler richtig analysiert, um eine für den Spieler und Club gute Situation zu schaffen. Mein Ziel ist es eigentlich immer, eine „Win-Win“-Situation zu schaffen.

Wie groß ist Ihre Agentur „Scorers first“ im internationalen Vergleich und haben Sie ein Vorbild, an dem Sie sich orientieren?

Mittlerweile hat sich Scorers 1st zu einer international agierenden Agentur entwickelt mit einem Berater-Netzwerk in einigen europäischen Ländern und den USA. Ein Vorbild bei anderen Agenturen habe ich nicht. Es gibt aber Berater, mit denen ich mich regelmäßig austausche und vor deren Arbeit ich Respekt habe.

Wie sind sie auf die Idee gekommen, Spielervermittler zu werden und erinnern Sie sich noch an den ersten Spieler, den Sie unter Vertrag genommen haben?

Ich selbst habe es als Spieler nicht über die Regionalliga hinaus geschafft, wollte aber auf jeden Fall im Basketball aktiv bleiben. Als ich angefangen habe, gab es mit Michael Schröder und Jorge Schmidt einige interessante Spieler in Göttingen und sie waren die ersten Spieler, mit denen ich gearbeitet habe.

Sie hatten Ex-Veilchen Matt Bauscher unter Vertrag, ihr aktuell bekanntester Akteur dürfte Larry Gordon sein. Haben Sie ein Talent, dass den Sprung in die NBA schaffen kann? Ist das Ihr Ziel?

Larry Gordon ist sicherlich ein Paradebeispiel für Karriereplanung. Er kam aus der NCAA 2 und hat sich über die Jahre zu einem All-Star in einer der stärksten Ligen Europas entwickelt. Aber auch die Entwicklung von Danilo Barthel (Frankfurt) oder Niklas Geske (Hagen), die sich in die Nationalmannschaft gearbeitet und zu Führungsspielern ihrer Klubs gespielt haben, sind tolle Erfolge einiger unserer Klienten. Ob einer unserer Spieler den Sprung in die NBA schaffen kann, halte ich für vermessen und will darüber ungern urteilen. Ich denke schon, dass einige unserer Spieler eine Chance auf große Karrieren haben. Was das bedeutet, hängt am Ende aber von vielen Faktoren ab. Sicherlich träumt jeder Spieler, und auch ich, davon in der NBA zu spielen, oder in meinem Fall, dort Spieler zu vertreten. Wenn wir alle hart arbeiten, dann haben wir gemeinsam die Chance, tolle Dinge zu erreichen. Ob es die NBA ist oder nicht, ist dann zweitrangig.

96 lizensierte Agenten in der BBL

Göttingen. Seit der Saison 2012/13 gibt es in der BBL ein Lizenzverfahren für Spieler-Agenten. Aktuell sind 96 Personen und Agenturen gelistet. Im Weltverband Fiba sind 498 Agenten lizenziert. Die BBL möchte mit dem Verfahren den Transfermarkt transparenter gestalten.

Das Lizenzierungsverfahren der BBL und des Deutschen Basketball-Bundes, das in Kooperation mit den Partnern 2. Liga und der Nachwuchsbasketball-Bundesliga konzipiert wurde, lehnt sich an die Regelungen der Fiba an. Die Klubs sind angehalten, nur mit lizenzierten Spielervermittlern zusammenzuarbeiten. Verpflichten sie einen Spieler von einer nichtlizenzierten Agentur, fällt eine Strafzahlung an. „Spielervermittler können sich aber noch in einem zeitlich angemessenen Rahmen nachträglich lizenzieren lassen. Den deutschen Klubs soll bei Verpflichtungen, bei denen es ja manchmal sehr schnell gehen muss, kein Nachteil entstehen. Bisher sind auch nur sehr selten Strafen ausgesprochen worden“, berichtet BBL-Mitarbeiter Florian Gut.

Unter den 96 lizenzierten Vermittlern finden sich zahlreiche kleinere Agenturen oder Vermittler, die ein bis fünf Profis in den Ligen haben. Durch die starke Entwicklung der BBL und den wachsenden Etats sind aber mittlerweile auch große Agenturen wie die Wasserman Group oder Octagon mit ihren Vermittlern lizenziert.

Transferfenster in der BBL

Göttingen. In der Basketball-Bundesliga ist es während der laufenden Spielzeit möglich, bis zum 28. Februar Spieler zu verpflichten. Jeder Klub darf in einer Saison maximal 18 verschiedene Akteure  einsetzen. Bis drei Werktage vor Saisonbeginn – in der Regel der 30. September – muss jeder Klub mindestens zwölf Spieler bei der BBL melden.  Bis zum 28. Februar sind dann noch maximal vier Transfers möglich.

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