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Das olympische Glaubwürdigkeitsproblem

Jahreswechsel Das olympische Glaubwürdigkeitsproblem

2017 wird für das Internationale Olympische Komitee ein richtungsweisendes Jahr: Wer bekommt die Sommerspiele 2024? Wie geht's weiter mit Russlands Sport? Es gilt, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.

Berlin. Auf die Chronisten des olympischen Sports wartet 2017 Arbeit.

Rekord- und Siegerlisten Olympischer Spiele und internationaler Meisterschaften müssen wohl mehr als einmal umgeschrieben werden, wenn in den Dopinglaboren die Proben russischer Athleten erneut untersucht und Betrug in großem Stil nachgewiesen werden sollte. Für das Internationale Olympische Komitee und dessen deutschen Präsidenten Thomas Bach steht gut ein Jahr vor den Winterspielen 2018 im südkoreanischen Pyeongchang vor allem die Glaubwürdigkeit auf dem Spiel.

Noch Anfang Dezember hatte sich die IOC-Führungsspitze bei ihrem Treffen in Lausanne zum beispielhaften Erfolg der Sommerspiele in Rio de Janeiro im vergangenen August beglückwünscht. Trotz Pannen und des russischen Doping-Skandals "hat die Hälfte der Weltbevölkerung die Spiele gesehen", bilanzierte Bach nicht ohne Stolz. Eine in der Geschichte bis dahin unerreichte Zahl, die "die große Anziehungskraft und Bedeutung Olympischer Spiele zeigt." Und die natürlich auch Basis für die milliardenschweren Fernsehrechte des Spektakels ist.

Doch wer fühlt sich noch angezogen von sportlichen Wettkämpfen mit Siegern und Rekorden, deren Glaubwürdigkeit inzwischen auch durch staatlich gedeckte Betrüger in Frage gestellt werden? Ein kanadischer Rechtsprofessor und Anwalt hat akribisch zusammengetragen, was die olympische Bewegung schwer trifft: Richard McLaren ermittelte im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Behörde WADA das beispiellose Ausmaß russischen Dopings. Seine im Juli und Dezember vorgelegten Berichte zeugen davon, wie ein Staat - und eben nicht nur Einzelne - olympische Werte mit Füßen tritt.

Immerhin: Erstmals haben die Russen Doping zugegeben. "Es war eine institutionelle Verschwörung", sagte Anna Anzeliowitsch, die Chefin der Anti-Doping-Agentur Rusada, der "New York Times". Sie sei schockiert gewesen von den Enthüllungen dazu, die Regierung sei jedoch nicht involviert gewesen. Wenig später wurde das Eingeständnis von der Rusada jedoch wieder einkassiert. Die Aussagen in der "New York Times" seien verfälscht und aus dem Zusammenhang gerissen worden, teilte die Rusada mit.

Zuvor hatte der russische Präsident Wladimir Putin festgestellt: "In Russland hat es nie ein staatliches Dopingsystem oder Doping-Unterstützung gegeben, das ist einfach unmöglich." Doch McLaren ist sehr wohl der Nachweis gelungen, dass Doping Teil staatlichen Handels sein kann, wenn es gilt, um jeden Preis nationale Größe wie bei den Winterspielen 2014 im russischen Sotschi zu demonstrieren.

Und das weiß auch Thomas Bach. Kurz vor Veröffentlichung des zweiten Teils des McLaren-Reports am 9. Dezember sagte er im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur: "Wir sehen, dass viele der Probleme, die auftreten, nicht Probleme der internationalen Verbände, sondern schlicht nationale Probleme sind: Russland ist ein nationales Problem, aber auch Kenia oder Spanien."

Dass Sportler, Trainer, Funktionäre - einzeln oder gemeinsam - betrügen, kann das Internationale Olympische Komitee kaum verhindern. Dass Staaten die Ideale des Sports ad absurdem führen, erfordert für Athleten und Funktionäre eine Antwort des IOC, die über umfassende Nachtests von Dopingproben russischer Olympia-Teilnehmer weit hinaus geht.

Im Fall Russland steht - wie schon vor den Rio-Spielen - ein Ausschluss der gesamten Mannschaft von den Winterspielen 2018 in Südkorea im Raum. Für Clemens Prokop, den Präsidenten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, ist die Antwort klar. "Wenn die Werte der Charta des Internationalen Olympischen Komitees ernst genommen werden, müsste das NOK (Nationale Olympische Komitee) Russlands bis zur Lösung seines Doping-Problems vom IOC suspendiert werden (...)", schrieb Prokop jüngst in einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

Individuelle Gerechtigkeit oder kollektive Verantwortung? Auf diese Frage hatten Bach und das IOC vor Rio mit Einzelfallprüfungen für russische Sportler geantwortet. Sollte die Beweiskette nun immer lückenloser werden, dass Russlands triumphales Abschneiden in Sotschi staatlich gedecktem Doping zu verdanken ist, wird der Druck größer werden. Bachs Argumente, jeder saubere - eben auch russische - Sportler verdiene Schutz, eine "politische Symbolentscheidung" ihnen gegenüber sei mithin ungerecht, dürfte weiter an Überzeugungskraft verlieren.

Denn wenn sich im nächsten September die Mitglieder des IOC in Perus Hauptstadt Lima treffen, soll wieder eine olympische Erfolgsgeschichte angestoßen werden: Budapest, Paris und Los Angeles hoffen, 2024 die Sommerspiele ausrichten zu dürfen. Um die Strahlkraft dieser Wahl mit all den lukrativen Aussichten für die Gastgeberstadt nicht zu schwächen, müssen Bach und das IOC die kommenden Monate nutzen: Im Anti-Doping-Kampf gilt es, die Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, die ihnen im Moment abgesprochen wird.

dpa

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