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Die Triathleten des Pferdesports

Goldkandidatin Ingrid Klimke erklärt Vielseitigkeitsreiten Die Triathleten des Pferdesports

Vielseitigkeitsreiten gilt oft als Königsdisziplin unter den Reitern - denn sie vereint Dressurreiten, Springreiten und Geländereiten. Goldkandidatin Ingrid Klimke erklärt ihren Sport.

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Ingrid Klimke in Aktion: beim Vielseitigkeitsreiten.

Quelle: dpa

"Kinderleicht. Pipifax. Freundlicher geht es nicht.“ Wenn man mit Vielseitigkeitsreiterin Ingrid Klimke eine Geländestrecke abläuft, verliert der Schrecken sein Gesicht. Die meterhohen Hecken, die weiten Gräben, die schmalen Ecken – glaubt man der Olympia-Siegerin, sind die gewaltigen Hürden, die Parcourschef Mark Phillips an diesem Frühsommertag im niedersächsischen Luhmühlen aufgebaut hat, weit weniger gruselig als gedacht. „Guck, diese Bürste, da wischen die Pferde einfach durch“, sagt die 48-Jährige und streicht mit den Händen durch eine 1,40 Meter hohe Buschwand, die ihr knapp bis zum Kinn ragt. „Der Sprung ist in Wirklichkeit gar nicht so hoch.“

Die Pferde springen für Ingrid. Das war schon immer so.

Und der Weg zu Olympia-Gold vermutlich gar nicht so weit.

Die deutschen Vielseitigkeitsreiter mit Ingrid Klimke, Michael Jung, Sandra Auffarth und Ersatzreiterin Julia Krajewski sind in Rio absolute Goldfavoriten, in der Mannschaft und im Einzel (Beginn: Sonnabend, 15 Uhr). Krajewski ersetzt kurzfristig Andreas Ostholt, dessen Pferd So is et überraschend Probleme beim Gehen hat. Den Medizincheck hatte das Pferd des Warendorfers zuvor überstanden.

Locker, fleißig - und multitalentiert

Für Ingrid Klimke und ihre Kollegen gilt: Sie sind locker, fleißig – und multitalentiert. Denn die Triathleten des Pferdesports müssen ihr Können nacheinander in drei Disziplinen unter Beweis stellen: Dressur, Geländeritt und Springen. Ihren Ursprung hat die Vielseitigkeit in der Kavallerie, wo sie eine Art Abschlusstest für Ross und Reiter darstellte. Bis zu den Sommerspielen 2000 in Sydney hieß die Sportart deshalb auch Military und hatte mitunter einen brutalen Ruf. Schwere Verletzungen und Stürze, teilweise mit tödlichen Folgen, waren nicht selten – und führten zu neuen Regeln. Um die moderne Vielseitigkeit sicherer zu machen, wurde der Geländeritt kürzer und weniger kräftezehrend, dafür technisch anspruchsvoller. Gleichzeitig machte man die Dressur und das Springen schwieriger.

Geschicklichkeit, Gehorsam, Schnelligkeit – die Anforderungen an Vielseitigkeitspferde sind hoch. Vor allem Mut und Vertrauen dürfen ihnen nicht fehlen. „Buschpferde müssen gute Laune bekommen, wenn sie einen Sprung sehen“, sagt Klimke. Auf den vier bis siebeneinhalb Kilometer langen Geländestrecken sitzt den Reitern die Zeit im Nacken. Mit bis zu 48 Stundenkilometern preschen sie durch den Busch, um in Bestzeit das Ziel zu erreichen. Jede überschrittene Sekunde bringt Minuspunkte, jeder Ungehorsam an einem der 30 bis 40 Sprünge ebenfalls. Auch wenn eines der neuen, wegklappbaren Sicherheitshindernisse beim Geländeritt zu Boden geht, gibt es Abzüge.

Jeder Galoppsprung ist geplant

Nicht nur im Dressurviereck und Springparcours ist daher Genauigkeit gefragt, selbst im Gelände wird nahezu jeder Galoppsprung geplant. Fünfmal läuft Ingrid Klimke an den Tagen vor einer Prüfung die Strecke ab, beim sechsten Mal nimmt sie das Fahrrad. Ideallinie, Minutenpunkte, Absprungwinkel – bei aller Lockerheit: die schmale, durchtrainierte Frau überlässt nichts dem Zufall.

Auch nicht an diesem Frühsommertag im niedersächsischen Luhmühlen, wenige Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele. Mit Helm, Airbagweste und Stoppuhr bestückt, startet Klimke. Ihr zwölfjähriger Oldenburger Hale Bob, genannt „Bobby“, galoppiert frisch und fröhlich als Zweitbester ins Ziel – und unterstreicht einmal mehr sein Potenzial für Olympia.

„Die Pferde springen für Ingrid. Das war schon immer so.“

In Brasilien will Klimke nun noch einen drauflegen, zunächst Gold mit der Mannschaft holen, aber auch im Einzel um eine Medaille kämpfen. „Die fehlt mir noch“, sagt die Tochter des mehrfachen Dressur-Olympiasiegers Reiner Klimke. Mutter Ruth sind die Medaillen egal, sie möchte ihre Tochter bloß sicher im Ziel sehen. Aber sie weiß auch: „Die Pferde springen für Ingrid. Das war schon immer so.“ Vielleicht springt „Bobby“ ja sogar zu Gold.

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