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Athleten zur Selbststeuerung ausbilden

Thema des Tages Athleten zur Selbststeuerung ausbilden

Michael Gutmann ist ein vielbeschäftigter Mann. Im Juli dieses Jahres wurde der promovierte Psychologe mit der Zusatzqualifikation Heilpraktiker für Psychotherapie zum Professor für Gesundheits- und Sportpsychologie an der Privaten Hochschule (PFH) Göttingen ernannt.

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Michael Gutmann

Quelle: EF

Seit 2010 ist der 1958 in Oberhausen geborene Gutmann Leitender Psychologe des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Darüber hinaus ist er für das Nachwuchsleistungszentrum des Fußball-Bundesligisten Eintracht Frankfurt verantwortlich und betreut zudem Sportverbände und einzelne Athleten verschiedener Disziplinen. Gemeinsam mit seiner Kollegin Heike Kugler bildet er den sportpsychologischen Teil des Betreuerteams für die 66 deutschen Leichtathleten, die Sonntag bei der Weltmeisterschaft in Peking starten. Seit der WM-Vorbereitung auf der südkoreanischen Insel Jeju sind Gutmann und Kugler Ansprechpartner für die Athleten. „Neben Physiotherapeuten und Medizinern sind wir Sportpsychologen Teil des Kompetenzteams, das für eine optimale Wettkampfvorbereitung sorgen soll“, beschreibt Gutmann, der die C-Trainerlizenz Leichtathletik besitzt, seine Hauptaufgabe. „Letztlich geht es darum, dass die Athleten mithilfe der optimalen Betreuung auch das letzte Prozent ihrer Leistung abrufen können. Das kann bei den Medaillenentscheidungen ausschlaggebend sein.“ Wie wichtig eine stabile Psyche und gesundes Selbstvertrauen für das Erzielen von Spitzenergebnissen sind, weiß Gutmann aus seiner Zeit als Leistungssportler. Der deutsche Jugendhallenmeister von 1975 gehörte in den 70er-Jahren mit einer übersprungenen Höhe von 2,10 Meter zu den besten deutschen Hochspringern. mig

 

Tageblatt: Sie sind seit 2010 als leitender Psychologe für den Deutschen Leichtathletikverband tätig.  Was war Ihr erster Einsatz bei internationalen Wettkämpfen?
Gutmann: Mein erster internationaler Einsatz war die Europameisterschaft 2010 in Barcelona. Es folgten die Team-EM 2011 in Stockholm, die Weltmeisterschaft in Südkorea im gleichen Jahr, die EM 2012 in Helsinki, die WM 2013 in Moskau sowie 2014 die Team-EM in Braunschweig und die EM in Zürich. Außerdem war ich 2012 offizieller sportpsychologischer Betreuer der deutschen Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen in London.

 
Waren Sie in London für das gesamte deutsche Team zuständig oder speziell für die Leichtathleten?
Bei den Olympischen Spielen nominiert der DOSB nicht nur die Athleten, sondern auch die Betreuer. Ich war daher als einer von acht Sportpsychologen für die gesamte deutsche Mannschaft akkreditiert. Natürlich war meine Aufgabe in erster Linie die Betreuung des Leichtathletik-Teams, aber prinzipiell war jeder Sportpsychologe auch für das gesamte Team da.

 
Wie sieht die Arbeit eines Sportpsychologen konkret aus? Gehen Sie auf die Athleten zu oder treten diese oder deren Trainer an Sie heran? Sind es in der Regel Einzelgespräche oder gibt es auch Gruppensitzungen?
Bei Wettkampfeinsätzen sind wir präsent, halten uns aber im Hintergrund, um die Vorbereitung der Athleten nicht zu stören. Schließlich sind Athleten und Trainer ja selbst in der Lage, die Wettkampfvorbereitung optimal zu steuern. Wenn von Athleten oder Trainern Bedarf signalisiert wird, können wir dann eingreifen. Das sind dann in der Regel Einzelgespräche, in denen es zum Beispiel darum geht, Sicherheit zu finden, mit Nervosität umzugehen oder sich besser fokussieren zu können. Gelegentlich kommt es auch vor, dass wir aktiv Athleten oder Trainer ansprechen, wenn wir aus der Beobachtung heraus einen Anlass sehen. Dies ist aber immer mit großer Vorsicht anzugehen, da wir ja keine Verunsicherung auslösen möchten.

 
Wie eng ist die Verzahnung mit Trainern, Betreuern und Ärzten?
Diese Verzahnung ist sehr eng und sehr wichtig, muss natürlich aber immer die Vertraulichkeit und Schweigepflicht gegenüber den Athleten berücksichtigen. Die Akzeptanz unserer Arbeit durch die Trainer ist sehr wichtig, damit der Sportpsychologe in der Trainer-Athlet-Beziehung kein Störfaktor ist. Die enge Zusammenarbeit mit Physiotherapeuten und Ärzten ist wichtig, weil sich daraus Hinweise für unsere Arbeit ergeben und andererseits wir auch Hinweise für die psychologische Betreuung bei physiotherapeutischer und ärztlicher Arbeit geben können. Dieses enge Zusammenspiel macht die Teamarbeit aus.

 
Sind Erfolge messbar, zum Beispiel ablesbar an Ergebnissen?
Das ist so eigentlich kaum möglich, da die sportliche Leistung und der Erfolg von sehr vielen Faktoren abhängen. Manchmal erwähnen die Athleten die Bedeutung der sportpsychologischen Unterstützung.

 
Welchen Stellenwert hat die sportpsychologische Betreuung im Kanon der Vorbereitungsmaßnahmen auf Wettkämpfe? Wird sie von allen Beteiligten als notwendig und leistungssteigernd akzeptiert?
Im Vorbereitungstrainingslager und während der Wettkämpfe werden keine grundlegenden Dinge mehr erarbeitet. Das ist alles vorher passiert. Hier geht es darum, sich anzupassen an die Bedingungen und sich langsam zu fokussieren. Dennoch ist es wichtig, präsent zu sein, da doch immer wieder unvorhergesehene Dinge auftreten, die dann im Team bewältigt werden können.

 
Ist die psychische Stabilisierung der Athleten langfristig angelegt oder bietet sie eher Hilfestellung bei akut auftauchenden Problemen?
Beides gehört zu unserem Angebot. Idealerweise gibt es eine langfristige sportpsychologische „Ausbildung“ der Athleten hin zu einer optimalen Selbststeuerung in Wettkampfsituationen, die aber von den Athleten unterschiedlich angenommen wird. Darüber hinaus gibt es schon einige Optionen, um bei akut auftretenden Problemen handeln zu können. Aber wir möchten eher weniger „Feuerwehr“ spielen, sondern lieber im Vorfeld dafür sorgen, dass Athleten und Trainer selbständig und souverän handeln können.

 
Interview: Michael Geisendorf

 

Methode zur Leistungssteigerung
In den vergangenen Jahrzehnten hat die sportpsychologische Unterstützung von Spitzensportlern durch ausgebildete Experten als Methode zur Leistungssteigerung immer mehr an Bedeutung gewonnen. Aktivierung verschütteter Ressourcen, Bearbeitung von Krisen während und nach Verletzungen oder psychologisches Training zur Entwicklung mentaler Stärke sind einige Aufgaben der Sportpsychologie. Ziel ist es unter anderem, das Selbstbewusstsein des Sportlers zu stärken, Versagensängste zu reduzieren, Druck besser standzuhalten und die Fähigkeit auszubilden, sein Denken und Handeln auf den alles entscheidenden Punkt zu konzentrieren. Die Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp) in Deutschland, die 1969 gegründet wurde, hat aktuell rund 300 Mitglieder. Studieren kann man Sportpsychologie zurzeit als Zusatzausbildung für Psychologen und Sportwissenschaftler in Berlin und an der Uni  Halle-Wittenberg. mig
 
„So gut wie möglich helfen“

Bei den Göttinger Spitzenklubs ist die professionelle sportpsychologische Betreuung der Spieler bislang kein Thema. Die Einstellung der Trainer zur Notwendigkeit und zum praktischen Nutzen seelischer Hilfestellungen ist darüber hinaus sehr unterschiedlich.

 
„Wenn mich ein Spieler fragen würde, ob er psychologische Unterstützung bekommen kann, würde ich ihm das auf jeden Fall zugestehen und mich darum kümmern, dass er die entsprechende Hilfe erhält“, versichert Johan Roijakkers, in der vierten Saison Coach des Basketball-Bundesligisten BG Göttingen. „Bislang ist das allerdings noch nicht passiert.“ Zusätzlich zur obligatorischen  mentalen Vorbereitung der Mannschaft auf ein Spiel habe jeder BG-Profi seine eigenen Methoden entwickelt, um mit dem von außen erzeugten oder dem eigenen Druck umzugehen, Spannung auf- oder abzubauen und sich auf den Punkt genau zu konzentrieren.

 
Bei den Profis sei es inzwischen sicher gang und gäbe, dass sie sportpsychologisch betreut werden, damit sie dem permanent hohen Erwartungsdruck standhalten können, vermutet Knut Nolte, Trainer des Fußball-Oberliga-Aufsteigers SVG. „Bei den Amateuren, zu denen ja auch meine Spieler gehören, ist das eher die Ausnahme. Bei der SVG war und ist es jedenfalls kein Thema.“  Außerdem verfügten die Vereine, deren Mannschaften in nicht professionellen Ligen spielen, gar nicht über die finanziellen Mittel, um einen Sportpsychologen engagieren zu können. „Ich kriege es schon mit, wenn ein Spieler Probleme hat – sei es, weil er verletzt ist, frustriert, weil er seiner Meinung nach zu wenig eingesetzt wird, oder weil er aus persönlichen Gründen belastet ist. Ich versuche dann, so gut wie möglich zu helfen“, erzählt Nolte. „Ob ich da immer alles richtig mache, weiß ich natürlich nicht, da ich nicht die entsprechende Ausbildung habe.

 
Radikal ablehnend steht Gernot Weiss, Trainer des Handball-Oberligisten HG Rosdorf-Grone, professioneller psychologischer Unterstützung im Sportbetrieb gegenüber. „Wenn ich einen Psychologen anheuern muss, der meinen Spielern bei Problemen helfen soll, ist das für mich der Zeitpunkt,  als Trainer aufzuhören“, stellt er klar. „Heutzutage scheint es ja allgemein üblich zu sein, dass Sportler spezielle Trainer für alles mögliche brauchen. Für mich ist diese Entwicklung Schwachsinn“, nimmt Weiss kein Blatt vor den Mund. Für ihn sei es nach wie vor die originäre Aufgabe des Trainers, den Spielern bei der Lösung persönlicher Probleme zu helfen. mig

 
Eckhardt: „Ich würde die Hilfe jederzeit in Anspruch nehmen“

Gute Erfahrungen mit sportpsychologischer Unterstützung hat LGG-Dreispringerin Neele Eckhardt, Göttingens große Hoffnung für  die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro, gemacht. „Ende 2012 und Anfang 2013 hatte ich Probleme mit der Vereinbarung von Sport und Studium. Da hat mir eine Sportpsychologin vom Olympiastützpunkt Hannover sehr geholfen, das auf die Reihe zu kriegen. Sie hat Licht in die Sache gebracht“, erzählt die 23-Jährige, die nach dem Abitur 2012 vom Sportleistungszentrum Hannover zum Jurastudium nach Göttingen gewechselt war.

 
Bei Wettkämpfen oder während der Vorbereitung darauf habe sie bislang noch keine psychologische Hilfe benötigt, sagt die deutsche U-23-Meisterin und Dritte der Senioren-DM. „Ich würde eine solche Unterstützung aber jederzeit in Anspruch nehmen, wenn es nötig ist“, unterstreicht Eckhardt, die nach langwieriger Knieverletzung und einjähriger Wettkampfpause wieder vollständig genesen ist und nun mit viel Energie und Entschlossenheit ihren Olympia-Traum in Angriff nimmt. Sie fühle sich gut in Form, versichert die 23-Jährige, und sei zuversichtlich, ihre Bestweite von 13,98 Metern im Laufe der nächsten Monate steigern zu können. Um sich die Chance  auf einen Start in Brasilien zu erhalten, legt Eckhardt sogar eine zweisemestrige Studienpause ein. mig

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