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Göttingen feierte vor 100 Jahren ein Kreisturnfest

Als in der Kneipe geturnt wurde Göttingen feierte vor 100 Jahren ein Kreisturnfest

Vieles ist nicht überliefert vom 17. Kreisturnfest des 7. deutschen Turnkreises Oberweser, das vom 18. bis 21. Juli 1914 in Göttingen gefeiert wurde – immerhin brach kurz darauf der erste Weltkrieg aus. Erhalten geblieben sind einige Postkarten, dem Tageblatt von seinem Leser Reinhard Meyer-Heuser aus Obernjesa zur Verfügung gestellt. Aber wie haben die Turner vor 100 Jahren ein solches Fest begangen, welchen Stellenwert hatte das Turnen, und wie sah es aus?

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Postkarte von 1914: Der Jahnspielplatz am Haus des Sports ist noch kein Kinderspielplatz im heutigen Sinn. Geworben wird auch mit „Gauss“- und Bismarckturm.

Quelle: EF

Göttingen. „In Turnfesten wurde das Gemeinschaftsgefühl gefeiert“: Das sagt Christoph Hannig vom Turn- und Sportverein von 1895 Weende – kurz: Tuspo Weende.

Nicht dass er seit Beginn dabei gewesen wäre, aber wie Rennfahrer Benzin im Blut haben hat er Turnen im Blut. Hannig setzt im Präsidium des Niedersächsischen Turner-Bundes (NTB) und ist Vorsitzender seines Tuspo Weende. „Turnen und Feiern gehörten und gehören zusammen“, sagt er.

Bei Festen wie jenem vor 100 Jahren in Göttingen seien bis zu 20 000 Menschen zusammengekommen – so etwa beim ersten deutschen Turnfest 1860 in Coburg. „Wenn man überlegt, wie schwer es damals war, dahin zu reisen, muss man den Hut ziehen“, sagt Hannig.

„Normgebundenes Turnen entwickelte sich erst zwischen 1870 und 1900“

Für die Aktiven bot ein Fest auch die Gelegenheit, aus der Enge eines kleinen Übungssaales herauszukommen und sich zu präsentieren. „Wöchentliche Trainingsstunden wurden häufig in der Kneipe mit Ringen von der Decke abgehalten“, berichtet Hannig. „Es gab auch Säle mit Sandgruben.“

Eine Verengung auf das heutige Gerätturnen gab es noch nicht. „Normgebundenes Turnen entwickelte sich erst zwischen 1870 und 1900“, unterstreicht Hannig. Zunächst habe eher der Bewegungsaspekt, die Körperertüchtigung, das Laufen und Springen im Vordergrund gestanden.

Dazu wurde das Pferd vom Voltigieren übernommen und stand Pate für den heutigen Barren und das Seitpferd. „Damals war das Pferd als Gerät länger und hatte, glaube ich, auch einen Kopf“, sagt Hannig.

Der erste deutsche Turnverein war der TSV 1814 Friedland, allerdings das Friedland in Mecklenburg-Vorpommern. Nach einer Turnsperre, verschriftlicht in den Karlsbader Beschlüssen, gehörte der ASC Göttingen von 1846 (mit dem Vorläufer eines „Schülerturnvereins“ 1835) zu den ersten Klubs, die wieder erlaubt waren.

Die Jugend sollte nicht schwächlich sein, sondern gestählt, das Volk gesund – unter anderem um, aus der Erinnerung an die napoleonische Fremdherrschaft heraus, „den Franzosen eins auf’s Maul zu hauen“, so Hannig.

Es geht um Adipositas, um Sport für ältere Menschen

Klassendünkel gab es nicht, „Studenten und Turner passten immer zusammen“, bekräftigt der Turnexperte. Bei Turnfesten wurden sowieso nur Turnbrüder und -schwestern gesichtet. In Aktion trugen die Athleten lange weiße Hosen und ein weißes Hemd, bei einem Festumzug, wie es ihn auch beim Landesturnfest 2016 in Göttingen gibt, wird das Hemd durch eine graue Hose ergänzt.

„Das wird auch heute noch gern gesehen, aber es funktioniert nicht so bei den Jugendlichen“, sagt Hannig.

Noch 1955 waren im Göttinger Jahnstadion Recks aufgebaut, doch mittlerweile hat sich der Turnerbund umstellen müssen: Im Mittelpunkt steht nicht mehr der Wettkampf, sondern die körperliche Ertüchtigung. So gesehen kehrt das Turnen mit Fitness- und Gesundheitssport zu seinen Wurzeln zurück.

Allerdings habe der Begriff Volksgesundheit heute „eine ganz andere Bedeutung: Es geht um Adipositas, um Sport für ältere Menschen“, sagt Hannig. Eins ist jedoch geblieben, und darauf freut sich der Tuspo-Vorsitzende im Hinblick auf das Landesturnfest im übernächsten Jahr ganz besonders. „Das Faszinosum ist die Gemeinschaft.

Turner haben eine andere Bindung untereinander als andere Sportler, denn ein gemeinsames Feiern wie beim Turnfest ist ein verbindendes Element, das es in keiner anderen Sportart gibt“, sagt er mit leuchtenden Augen.

Geschichte des Turnens

„Turnvater Jahn“ – auf ihn berufen sich heute Turner, wenn sie mit einem Schlagwort auf die Anfänge der Sportart zu sprechen kommen wollen. Als Ausgangspunkt der deutschen Bewegung gilt das Jahr 1807, in dessen Folge 1811 in Berlin der erste Turnplatz entsteht: die Hasenheide. Friedrich Ludwig Jahn macht aus der Gymnastik das Turnen, auch weil er den Barren und das Reck hinzufügt.

Doch die Herrlichkeit währt nicht lange. Die enge Verbindung der Turn-Idee mit dem Burschenschaftswesen und, damit einhergehend, die nationale Ausrichtung der Jahnschen Körperertüchtigung führen zu einer Turnsperre, die von 1820 bis 1842 in den meisten deutschen Kleinstaaten verhängt wird.

Im Zuge des Wiener Kongresses wird das Turnen 1819 zunächst außerhalb der Turnplätze verboten, wobei auch die Hasenheide gesperrt wird. 1820 schließlich wird „alles Turnen schlechterdings“ untersagt. In Niedersachsen bekämpft das Königreich Hannover vehement die deutsche Einigungsbewegung. Für den österreichischen Außenminister und späteren Staatskanzler Metternich ist die Bewegung sowieso nicht mehr als „grober Unfug“.

Flächendeckender Bau von Turnhallen

Nach der Aufhebung der Sperre entstehen viele neue Vereine – die „sportlichen Betätigungen“ feiern endgültig einen „gewaltigen Aufschwung“, wie der Historiker Thomas Nipperdey unterstreicht. Seit 1880 werden flächendeckend Turnhallen gebaut, seit 1900 Sportplätze. Gehören zur deutschen Turnerschaft 1869 1546 Vereine mit 128 000 Mitgliedern, sind es 1904 bereits 7500 Klubs mit 750 000 Mitgliedern zumeist aus dem bürgerlich-kleinbürgerlichen Milieu.

Der „Niedersächsische Bezirksturnverein“ als Vorläufer des Niedersächsischen Turner-Bundes (NTB) hat sich bereits am 9. Juli 1848 gegründet, der „Oberweserbezirksverein“ in Kassel etwas später am 10. September. Die Klubs aus Göttingen und Northeim gehören zunächst dem „Oberweserbezirksverein“ an, später dem siebten deutschen Turnkreis Oberweser.

In Niedersachsen grüßen sich die Turner später mit „Frei Heil“ statt, wie in der Deutschen Turnerschaft, mit „Gut Heil“, aus „Frisch, fromm, fröhlich, frei“ wird in Niedersachsen „Frisch, frei, stark, treu“.

Zunächst weder Geräte noch Übungsräume

Den Klubs fehlt es nicht an Motivation, jedoch an Geräten. So auch dem Tuspo Weende, Klub von NTB-Präsidiumsmitglied Christoph Hannig. Gegründet am 14. Juli 1895 von „30 begeisterten jungen Männern“, wie es in einer Festschrift heißt, gibt es zunächst weder Geräte noch eine Übungsstätte. Die Satzung wird vom Männerturnverein Eintracht Bovenden übernommen.

1896 wird der Klub Mitglied in der Deutschen Turnerschaft, Weender Turner nehmen regelmäßig an Wettkämpfen wie am Kreisturnfest des Bezirks Oberweser 1914 in Göttingen teil, und es geht bergauf. Neben das Männerturnen ist mittlerweile auch das Frauen- und Kinderturnen getreten.

„Jahn hatte noch einen breiteren Bewegungsbegriff. Heute hat sich das Turnen auf das Gerätturnen reduziert“, sagt Hannig. Ein Turngerät rage jedoch heraus, ein Gerät, das Jahn eingeführt hat: „Das Reck war für die Zuschauer früher attraktiv und ist es heute immer noch.“

Von Eduard Warda

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06.12.2016 - 09:15 Uhr

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