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Julius-Hirsch-Preis 2015 an die Supporters Crew 05

Für Niedersachsen ein "Leuchtturmprojekt" Julius-Hirsch-Preis 2015 an die Supporters Crew 05

Die Supporters Crew 05, der Dachverband der Fans des Fußball-Landesligisten 1. SC Göttingen 05, ist Jubiläums-Preisträger: Der Julius-Hirsch-Preis des DFB ging bei dessen zehnter Verleihung an die Göttinger Fußballfans.

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Göttingen. Der Preis honoriert das Engagement für Toleranz und gegen Rassismus, er wird jährlich vergeben von der Egidius-Braun-Stiftung des DFB.

Bei der Preisverleihung in Leipzig war Bundesinnenminister Thomas de Mazière Festredner, die Laudatio hielt der ehemalige Fußballprofi Thomas Hitzlsperger.

Es wurde gefeiert am Freitagabend im 05-Fanraum, und die Supporters Crew 05, der Dachverband der Anhänger des Fußball-Landesligisten 1. SC 05, hatte allen Grund dazu: Nicht alle Tage wird einem der Julius-Hirsch-Preis, der wichtigste Preis des DFB im Bereich Antidiskriminierung, verliehen.

Die Göttinger Fans waren unter 199 Bewerbungen ausgesucht und in Leipzig mit dem ersten Preis ausgezeichnet worden. „Wir alle sind Julius-Hirsch-Preisträger“, rief Philipp Rösener im Fanraum am Göttinger Platz der Synagoge und erntete dafür tosenden Applaus.
Der Dank der Supporters Crew 05 gilt unter anderem Heiner Willen vom Verein für christlich-jüdische Zusammenarbeit. „Es war für uns eine neue Erfahrung, und ich kann mir gut vorstellen, dass es auch umgekehrt so war, nämlich mit Fußballfans zusammenzuarbeiten“, sagte Rösener und erntete von Willen Zustimmung.

„Euch kenne ich doch“, habe Thomas Hitzlsperger, ehemaliger Fußballprofi und Laudator, am Vorabend der Verleihung in Leipzig die 05-Fans begrüßt, berichtete Rösener. In seiner Laudatio verriet Hitzlsperger, dass ihm bei dieser Gelegenheit von den 05ern ein Innenverteidiger-Posten angeboten wurde. „Ich musste ihnen aber sagen, dass ich noch nie Innenverteidiger gespielt habe.“ Sein Bonmot von den Gemeinsamkeiten („Wir sind ja beide aus der Provinz“) sei nicht auf Gegenliebe gestoßen: „Da hätten Sie mal deren Gesichter sehen sollen“, erzählte er. Hitzlsperger sagte außerdem zu, in Göttingen von seinem Kampf gegen Homophobie zu berichten.

Gastredner Patrick Neumann vom Landessportbund, der über die soziale Wirkung von Sportvereinen sprach, unterstrich im Fanraum, die Auszeichnung habe „einen ganz besonderen Stellenwert in der Sportlandschaft von Niedersachsen“. Die 05-Initiative sei ein „leuchtendes Beispiel“ und ein „Leuchtturmprojekt“. Rösener mahnte an, der DFB müsse in Zukunft die Landesverbände in höherem Maße bei ihrer antidiskriminatorischen Arbeit unterstützen, und schlug die stärkere Einbindung von Netzwerken vor.

Bevor die Party losging wurden noch zwei vom DFB produzierte Filme über die Preisverleihung gezeigt. Unter Applaus der Fans hielt während der Vorführung die Mannschaft mit Interimstrainer Phillip Portwich an der Spitze Einzug. Zu den Gratulanten zählten außerdem der Vizepräsident Neels Lamschus und der Sportliche Leiter Jan Steiger.Auch sie lauschten Röseners Erinnerungen an eine „Großkopferten-Veranstaltung“ mit zahlreichen Büffets, bei der die 05-Fans sich treu geblieben seien. „Nächstes Jahr zeichnen sie sicherlich wieder seriösere Projekte aus. Wir haben Eindruck hinterlassen“, sagte Rösener mit einem Augenzwinkern.

Die Supporters Crew 05, der Dachverband der Fans des Fußball-Landesligisten 1. SC Göttingen 05, ist Jubiläums-Preisträger: Der Julius-Hirsch-Preis des DFB ging bei dessen zehnter Verleihung an die Göttinger Fußballfans. Der Preis honoriert das Engagement für Toleranz und gegen Rassismus, er wird jährlich vergeben von der Egidius-Braun-Stiftung des DFB.

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Interview mit der Supporter-Crew im Video.

„Demokratie ist immer in Gefahr“

Bei der Verleihung des Julius-Hirsch-Preises hält Thomas Hitzlsperger die Laudatio

Leipzig. Festredner bei der Verleihung des Julius-Hirsch-Preises in der Leipziger Eventhalle „Da Capo“ war Bundesinnenminister Thomas de Mazière. Er erinnerte an die großen Momente des Fußball, an 1954, an den Zettel von Torhüter Jens Lehmann bei der WM 2006 und die torreichen 18 Minuten gegen Brasilien im vergangenen Jahr, in deren Folge Deutschland Weltmeister wurde. De Mazière: „Viele Spieler erinnern sich aber auch bis heute an rassistische Rufe in Fußballstadien. Nicht nur in Italien. Auch bei uns.“

Erinnerungen seien wichtig, um sich der eigenen Geschichte zu vergewissern, betonte der Bundesinnenminister, der gleichzeitig für den deutschen Sport verantwortlich zeichnet. Beim DFB bedankte er sich für die Vergabe des Julius-Hirsch-Preises: „Der Fußball hat eine Bedeutung über den Sport hinaus.“

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach betonte, das entschlossene Eintreten gegen Antisemitismus bleibe eine besondere Verantwortung, auch für den Fußball. „Wir Fußballer müssen uns gegen jede Bewegung nach rechts einsetzen.“
Die Laudatio für die Supporters Crew 05 hielt der ehemalige Fußballprofi und Julius-Hirsch-Ehrenpreisträger Thomas Hitzlsperger, der sich vor einiger Zeit als homosexuell outete. „Die Überzeugung, dass ein Fußballklub mehr ist und mehr kann als einmal in der Woche Fußball zu spielen, macht die Göttinger Supporters Crew aus“, sagte der 52-malige Nationalspieler.

De Mazières Amtsvorgänger Otto Schily, der seit 2005 der Jury des Julius-Hirsch-Preises angehörte und nun aufhört, betonte bei seinem Abschied: „Demokratie ist immer in Gefahr. Die Vergangenheit vergeht nicht. Was junge Leute geschaffen haben, zur Verteidigung unserer Demokratie, auch angeregt durch den Julius-Hirsch-Preis, dafür kann man dankbar sein.“

„... einfach unter den Tisch gebügelt“

Der DFB hat auf seiner Homepage die Beweggründe der Supporters Crew 05 durch ein Interview mit einigen Mitgliedern dokumentiert. Das Tageblatt präsentiert Auszüge des Gesprächs.

Ihr habt an jüdische Mitglieder des Klubs erinnert, besonders an Ludolf Katz, der kurz nach der Machtübernahme der Nazis aus dem Verein geworfen wurde. Wie und wann kamt ihr auf die Idee?
Dirk Mederer: Der Ort kam auf die Idee. Vor fast drei Jahren haben wir hier in der Göttinger Innenstadt einen FanRaum bezogen. Und genau an dieser Stelle stand Göttingens Synagoge, die in der Pogromnacht 1938 niedergebrannt wurde. An dem Ort, wo wir jetzt sitzen, befand sich das hintere Kirchenschiff, hier genau der Altarraum. Uns war sofort klar, dass wir eine besondere Verantwortung tragen.

Im Zuge der Aufarbeitung mustet ihr entdecken, dass jüdische Mitglieder in der Vereinschronik nicht erwähnt wurden.
Mederer: Die Vereinschronik war in den 50er-Jahren geschrieben worden. Damals hat man das Thema einfach unter den Tisch gebügelt.

Philipp Rösener: Diese Problematik gab es in allen Vereinen, auch in anderen Sportarten.

Mederer: Schuldbewusstsein spielt bestimmt eine große Rolle. Bloß nicht drüber sprechen.

Nach 15 Jahren Mitgliedschaft warf der SC Göttingen Ludolf Katz 1933 aus dem Verein. Seine Eltern wurden später nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Mederer: Ludolf Katz‘ Neffe hat uns im Rahmen der Verlegung der Stolpersteine besucht. Ein toller Besuch. Das ist die Quintessenz des Engagements in Sachen Erinnerungskultur. Für den Neffen hat der Stadtname Göttingen durch seinen Besuch hier endlich sein Grauen verloren.

Euer Verein 05 steht nach dem Abstieg in die Landesliga schon wieder unten drin.
Rösener: Die letzten zweieinhalb Jahre sind wirklich schlimm. Bei rund 80 Spielen haben wir in der ganzen Zeit zehn Siege gesehen. Und nur weil wir uns hier auch kulturell und politisch betätigen, heißt das nicht, dass uns nicht zuerst einmal die Leidenschaft für den Fußball eint.

Das vollständige Interview lesen Sie unter dfb.de.

Ehre für Göttingen

Sportlich gibt es momentan, gelinde gesagt, nicht vieles, worauf die 05-Fans stolz sein können. Umso schöner ist es, dass sie vom DFB mit einem der bedeutendsten deutschen Preise gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ausgezeichnet worden sind.

Die Preisverleihung ist nicht nur für die Anhänger der Schwarz-Gelben, sondern auch für die Stadt Göttingen eine Ehre. In Zeiten, in denen Flüchtlinge in Teilen der deutschen Gesellschaft genauso wenig willkommen sind wie in den 90er-Jahren, wiegt die Auszeichnung besonders schwer.

Eduard Warda

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