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„Laufen ist für mich Freiheit“

Gefängnis-Marathon „Laufen ist für mich Freiheit“

Ein Marathonlauf in außergewöhnlicher Umgebung wurde am vergangenen Sonntag in der Justizvollzugsanstalt Rosdorf ausgetragen. Etwa 70 Teilnehmer – darunter 30 Häftlinge – begaben sich auf den ein Kilometer langen Rundkurs, um die Viertel-, Halb- oder Gesamtmarathondistanz hinter sich zu bringen.

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Abgehängt: Die Spitzengruppe zieht an einem überrundeten Läufer vorbei.

Quelle: Theodoro da Silva

„Nicht zu schnell loslegen“, warnt Sidney Kessler, neben Mike Sapara Hauptorganisator der Marathon-Premiere. Drei Monate lang haben die beiden Übungsleiter die Insassen auf den Wettkampftag vorbereitet. Die meisten Häftlinge bewältigen in Vierer-Teams jeweils 10,5 Kilometer, einige in Zweierteams die Halbmarathondistanz. Zwei Häftlinge versuchen sich gar über die volle Distanz von 42,195 Kilometer.

Einer von ihnen ist Sven Schulz, langes, braunes Haar, 39 Jahre alt. Die Zahl Acht, die auf seiner Wade schimmert, ist nicht etwa eine Sträflingsziffer, es ist seine Startnummer. Seine weißen Laufschuhe blitzen, als er losrennt, vorbei an Metallzäunen und den meterhohen Betonwänden. 37 Runden von 1130 Meter Länge wird er im Sicherheitstrakt zurücklegen. Sein Ziel? „Eine Zeit um die 4:15 Stunden“, sagt er.

Nach gut einer Stunde ruft Frank Neumann, Inhaber der Firma Laufline, der im Vorfeld eine Trainingseinheit mit den Häftlingen absolviert hat: „Sechser-Schnitt.“ Soll heißen: Sechs Minuten pro Runde. Doch Sven Schulz zeigt keine Reaktion, sein Blick bleibt kalt. „Ich war extrem fokussiert“, erinnert er sich. Ohnehin kennt der 39-Jährige seine Rundenzeiten selbst am Besten: Immer wieder wandert sein Blick auf die Pulsuhr, die sein Handgelenk ziert. „Laufen ist für mich Freiheit“, sagt er, und es scheint paradox: Etwas, das auf die Läufer von außerhalb wirken mag wie Gefangenschaft, ist für die Insassen das exakte Gegenteil.

„Sport im Justizvollzug ist wichtig, um die Gefangenen anzuleiten, für ihre Gesundheit zu sorgen“, sagt Anstaltsleiterin Regina Weichert-Pleuger. „Und auch, um ein Ziel zu erreichen, auf das sie stolz sein können“, fügt die passionierte Läuferin hinzu. Genau deshalb haben 30 Häftlinge der JVA auf den Marathon hingearbeitet – am intensivsten Schulz, der in der Trainingsphase ein Dutzend Kilogramm Körpergewicht verlor.

25 Runden hat er absolviert, doch er wird langsamer: Sieben Minuten benötigt er inzwischen pro Runde. Seine flachen Schritte tragen ihn voran – langsam, aber unaufhaltsam. Sven Schulze sei ein sehr guter Sportler, habe früher Fußball gespielt, erzählt ein Mithäftling. „Sven wird den Marathon schaffen“, sagt er voraus, „und wenn er auf allen Vieren ins Ziel kriecht.“ An einer Neuauflage der Veranstaltung im nächsten Jahr zweifelt er ebenso wenig wie die Anstaltsleiterin. „Es gab nur positive Reaktionen, einige Insassen haben sich sogar bedankt“, resümiert Weichert-Pleuger.

Nach 3:37 Stunden kommt der Sieger über die Marathondistanz, Michael Kiene (Northeim), ins Ziel. Die Stoppuhr von Sven Schulz zeigt 4:16 Stunden an, als er sich unter Beifall auf die Zielgerade begibt. Er küsst seine Faust, reckt sie in den Himmel. Seine Entschlossenheit hält an – bis zu jenem Augenblick, als er über die Ziellinie trabt und sein starrer Blick sich in ein sanftes Lächeln verwandelt.

Von Timo Holloway

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