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Deutsche Sitzvolleyball-Exoten schocken Konkurrenz

Paralympics: Überraschungsteam steht im Viertelfinale Deutsche Sitzvolleyball-Exoten schocken Konkurrenz

"Unglaublich, dieses deutsche Team!“ Der britische Hallensprecher beim Sitzvolleyball ist begeistert und hörbar erstaunt. „Nice!“, kommentiert er eine Abwehraktion der Deutschen und „Fantastic“ die nächste.

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Zusammenhalt als Erfolgsrezept: In der Vorrunde feiert die deutsche Mannschaft Erfolge gegen Marokko, Ägypten und Russland.

Quelle: dpa

London . In der letzten Vorrundenpartie geht es für die deutschen Sitzvolleyballer gegen Ägypten, den Angstgegner. Seit zehn Jahren hat das deutsche Team nicht gegen die Afrikaner gewonnen. Gestern beendete die Mannschaft von Bundestrainer Rudolf Sonnenbichler die Negativserie mit einem imposanten Auftritt. Beim 25:16 im ersten Satz, „haben wir super und souverän gespielt“, sagt der Celler Torben Schiewe. Auch den zweiten Satz gewannen die Deutschen und hatten die Ägypter auch im dritten Satz im Griff. Zwar ging es trotz 15:9-Führung noch in den vierten Durchgang, am Ende aber machen die Sitzvolleyballer die Überraschung mit dem 3:1 (25:16, 25:22, 23:25, 26:24) perfekt, schockten die Konkurrenz und beendeten die Gruppenphase als Erster.

Exotensport in Deutschland

Als letztes Team hatte sich die deutsche Mannschaft für die Paralympics qualifiziert. Sitzvolleyball ist in Deutschland ein Exotensport. „Rund 20 Sitzvolleyballer gibt es hierzulande. In der iranischen Hauptstadt Teheran sind es allein 48 Sitzvolleyball-Vereine“, sagt Bundestrainer Sonnenbichler. Iran sei da der klare Anwärter auf die Goldmedaille. „Dort ist der Sport professionell, und die Spieler verdienen damit Geld“, sagt der Coach. Ähnlich sieht es in Bosnien und in Ägypten aus. Und doch hat es das deutsche Team geschafft, die Afrikaner zu schlagen.
Vielleicht liegt es an der Stimmung im Team, „die ist unglaublich“, sagt der Leipziger Christoph Herzog, „und der Trainer pusht uns sehr.“ Nach dem knappen 3:2-Sieg gegen Russland – ein weiterer hoher Favorit, den das deutsche Team nach acht sieglosen Jahren in der Vorrunde überraschend bezwang – war die Lockerheit und der Zusammenhalt in der Mannschaft auch im Training spürbar.

Beim Aufwärmen machten sich die Spieler einen Spaß daraus, Volleybälle in einen Basketballkorb, der unter die Hallendecke gefahren war, zu schießen – eigentlich ist es streng verboten, Volleybälle zu schießen. Als sich ein Ball in der Deckenkonstruktion verfing, war das Gelächter groß. Wenn es im Training dann doch zu locker zuging, wurde der sonst eher gelassene Trainer mal deutlich. „Regenerationstraining heißt leichte Belastung, und nicht alles zu leicht nehmen. Doah muss der Ball her“, schimpfte Sonnenbichler dann auf bayrisch.

Trainigshalle ist echter Glücksfall

Die Trainingshalle, die zehn Minuten vom Olympiapark entfernt ist, ist ein echter Glücksfall für die deutschen Volleyballer. Denn die offizielle Halle liegt rund eine Stunde Fahrtzeit entfernt. Zu verdanken haben die Sitzvolleyballer die extra angemietete Halle Alexander Schiffler. Der Volleyballer wusste von seiner Frau („einer US-Sitzvolleyballerin, die ich mir vor zwei Jahren bei der Weltmeisterschaft in Oklahoma geschnappt habe“), dass das US-Sitzvolleyballteam in der Halle trainiert, und so mietete sich auch das deutsche Team dort ein.

Schiffler ist einer von zwei Leipzigern im Team, die meisten Spieler kommen aus Leverkusen. Nur dort und in Leipzig gibt es  genug Spieler für ein Sitzvolleyballtraining. Als Schiffler acht Jahre war, wurde bei ihm Knochenkrebs diagnostiziert, mit elf Jahren verlor er seinen rechten Unterschenkel. Als er 14 Jahre alt war, sah er in einem Sanitätshaus den Aushang einer Sitzvolleyball-Truppe. Der frühere Schwimmer ging zum Training und blieb dabei, „weil es wahnsinnig Spaß macht“. Nach Sydney und Athen ist der 30-Jährige nun zum dritten Mal bei Paralympischen Spielen.

Für Mitspieler Christoph Herzog ist es dagegen eine Premiere. Der zweite Leipziger ist der einzige mit Minimalschädigung, „einer Knie-Instabilität, die ich vom Fußball habe“, sagt Herzog. Seit er zehn ist, schaut er schon beim Sitzvolleyball zu. „Mein Onkel ist beinamputiert und spielt in Leipzig“, sagt der 29-Jährige, der in den Sporthallen als Kind zunächst nur Bälle holen half. Jetzt ist er mittendrin im paralympischen Leben, erzählt vom Athletendorf, wo das Team über dem deutschen Frauen-Rollstuhlbasketballteam wohnt. „Die haben wir gegen die USA angefeuert“, sagt Herzog. Und er schwärmt von dem Spaß mit den Jungs, „mit denen man auch viel Mist machen kann“.

Vielleicht sind es gerade dieser Zusammenhalt, der die deutschen Sitzvolleyballer wie auf einer Welle ungeschlagen durch die Vorrunde getragen hat. Oder der Erfolg erklärt sich einfach damit, „dass wir hart gearbeitet haben“, sagt Bundestrainer Sonnenbichler wirsch. Zuspieler Torben Schiewe glaubt: „Wir sind einfach echt gut drauf und auf den Punkt fit.“ Vor den Paralympics hatte er von seinem Traum von einer Medaille erzählt. Im Viertelfinale geht es für das deutsche Team nun voraussichtlich gegen China. „Die haben wir zuletzt zweimal geschlagen“, sagt Schiewe, der beim TuS Bröckel mit Nicht-Behinderten zusammenspielt und mit ihnen den Aufstieg in die Regionalliga geschafft hat. Der Traum könnte wahr werden.

Von Manuel Becker

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