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Blindenfußball: „Das ist wie Topfschlagen“

„sporadische Berichterstattung“ Blindenfußball: „Das ist wie Topfschlagen“

Unzählige Fußballtrainer haben im Laufe ihrer Amtszeit von ihren Spielern „mehr Kommunikation auf dem Platz“ gefordert. Von herausragender Bedeutung ist die Verständigung auf dem Spielfeld in jener Form des Fußballs, die Alexander Fangmann betreibt: Blindenfußball.

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Quelle: dpa

Göttingen. „Kommunikation“ wird von Fangmann, Kapitän der deutschen Blindenfußball-Nationalmannschaft, auch prompt als Schlüsselelement seiner Sportart bezeichnet. „Auf dem Feld erkennt man sich an der Stimme“, sagt der 27-Jährige bei seinem Vortrag im Zentrum für Ethnologie der Universität.

„Und die Orientierung? Verliert man die nicht nach ein paar Drehungen“, will eine der Zuhörerinnen wissen. „Man hat ja Fixpunkte, an denen man sich orientieren kann“, unterstreicht Fangmann: der rasselnde Ball, Torwart, Trainer, die gegnerische Mannschaft. Ferner kommt dem sogenannten Guide, der hinter dem gegnerischen Gehäuse steht, eine Schlüsselrolle zu: „Wenn die Schussbahn frei ist, dann ruft der Guide ‚heiß‘. Das ist ein bisschen wie Topfschlagen“, erläutert der Bundesligaspieler des MTV Stuttgart den 20 Zuhörern.

Auch die Banden, die das Kunstrasenfeld begrenzen, dienen der Orientierung.

„Es gibt etwa 40 Länder, in denen Blindenfußball gespielt wird“, verdeutlicht Rolf Husmann vom Institut für Ethnologie der Universität. „Es ist schon Fußball, aber irgendwie ist alles auch ein bisschen anders.“ So verfügt jede Mannschaft beispielsweise lediglich über vier Feldspieler sowie einen sehenden Torwart.

Husmanns wissenschaftliches Interesse besteht vor allem darin, die Organisationsstrukturen sowie die Lebenswelt der Sportler zu erforschen. Ihm zufolge fördert das Fußballspielen die Wahrnehmung und Reaktionsfähigkeit – entscheidende Faktoren im Alltag sehbehinderter Menschen.

Dass der Blindenfußball bislang wenig wahrgenommen wird, schreiben die beiden Experten mangelnder medialer Aufbereitung zu: Zwar berichten geschulte Kommentatoren direkt vom Spielfeldrand. „Aber insgesamt ist die Berichterstattung sporadisch“ , sagt Fangman. „Und falls es sie doch gibt“, fügt der Student der Rhetorik und Sprachwissenschaften hinzu, „dann läuft sie eher unter dem Motto: Schau nur, die können ja Fußball spielen,  und nicht: Wie war denn das Ergebnis?“

Förderlich wäre ein Erfolg der deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft 2013. Dort geht es auch um die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien, wo der Blindenfußball in den 1960er Jahren entstanden ist, ehe er 1980 Europa und 2004 Deutschland erreichte.

„Die Brasilianer sind Hochleistungssportler“, sagt Fangmann über den dreifachen Weltmeister. Zudem hätten sie „das Glück“ – ein Wort, nach dem er lange sucht – viele Blinde zu haben.

Dies sei in Deutschland anders, sagt Husmann und beschreibt ein paradoxes Problem: „Der medizinische Fortschritt führt dazu, dass wir nicht genug Nachwuchs haben.“ Genau dieser Aspekt ist neben ethnischen Hintergründen und Motivationen einer seiner Forschungsschwerpunkte.

Mit der so genannten reversiblen Inklusion präsentiert Husmann aber bereits einen ersten Lösungsansatz: „Sehende können sich ja mit einer Augenbinde blind machen“, sagt Husmann, und verrät, dass er diesen Selbstversuch erst kürzlich durchgeführt habe. „Natürlich habe ich mich dabei fürchterlich blamiert. Aber es ist eine Erfahrung, die ich jedem empfehlen würde.“

Von Timo Holloway

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