Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Fußball vor Ort Blindenfußball: Die Waakerin Melanie Siefert im Interview
Sportbuzzer Fußball Fußball vor Ort Blindenfußball: Die Waakerin Melanie Siefert im Interview
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 13.04.2013
Gespannt auf Premiere: Melanie Siefert holt sich bei Enrico Göbel Tipps für ihren ersten Bundesliga-Einsatz. Quelle: Meyer
Anzeige

Siefert zählt bundesweit zu einer Handvoll Spielerinnen, die an der Seite von männlichen Akteuren in der höchsten deutschen Klasse dem Rasselball nachjagen. Schon länger dabei ist ihr Teamkollege Enrico Göbel. Der sehende Torhüter bestritt im März sein erstes Länderspiel für die Deutsche Blindenfußball-Nationalelf.

Frau Siefert, am 14. April startet die neue Saison. Steigt schon der Adrenalinspiegel?

Klar, ich bin schon gespannt. Vor allem freue ich mich auf die vielen fußballverrückten Kicker, die ich bei den Spieltagen treffen werde. Die Blindenfußball-Bundesliga ist ja bei allem Ehrgeiz, was man so hört, wie eine große Familie. Etwas Respekt habe ich auch, schließlich wird mein Sehrest beim Spiel mit Augenpflastern und Schwarzbrille auf Null reduziert. Wir Feldspieler rennen also ohne irgendetwas zu sehen über den Platz und orientieren uns akustisch am Rasseln des Balles. 

Wie sind Sie auf die Sportart Blindenfußball gekommen? 

Ich bin seit Geburt stark sehbehindert. Meinen Eltern war es aber immer wichtig, dass ich normal aufwachse. In der Regelschule habe ich trotz Seheinschränkung Volleyball gespielt. Auch Fußball spielen war immer ein Thema, zum Beispiel mit meinem jüngeren Bruder in unserem Garten. Blindenfußball gibt es in meiner Heimatstadt Göttingen leider nicht. Deshalb bin ich froh, dass ich seit Mitte letzten Jahres in Würzburg mit den Blindenfußballern trainieren kann.

Blindenfußball kennt nicht jeder. Wie läuft die Sportart ab?

Siefert:Blindenfußball wird auf einem Feld mit Handballgröße gespielt. An den Längsseiten gibt es hüfthohe Banden. Pro Team treten vier blinde Feldspieler und ein sehender Torwart an. Der Spielball ist innen mit Schellen versehen und rasselt, so können die Augenpflaster und Schwarzbrille tragenden Spieler ihn durch ihr Gehör orten.

Göbel: Zwei Guides pro Mannschaft geben zusätzlich zum sehenden Torwart von außen Kommandos und unterstützen die Spieler durch Zurufe. Die wichtigste Regel lautet „Voy“. Sobald der ballführende Gegenspieler angegriffen wird, ruft der Spieler „Voy“, um vor einem Zusammenprall zu warnen. Die Spielzeit beträgt zweimal 25 Minuten.

Und wie sieht Blindenfußball in der Praxis aus?

Siefert: Toll ist, dass man sich auf dem Spielfeld frei bewegen, laufen und rennen kann. Viele Blindensportarten sind an sehende Guides gebunden, die uns führen und unmittelbar an der Seite des Sportlers aktiv sind. Im Blindenfußball ist man auf dem Platz völlig auf sich gestellt. Die Guides stehen außerhalb und geben nur Kommandos.

Göbel: Viele Zuschauer, die zufällig beim Blindenfußball vorbeikommen, merken erst nach einigen Minuten, dass die Spieler blind sind. Es ist erstaunlich, mit welcher Ballsicherheit und welchem großen Mut hier gespielt wird und was für ein rasantes Match sich entwickelt. Wer sich Blindenfußball wie Rasenschach vorstellt, täuscht sich gewaltig. Den besten Spielern der Bundesliga merkt man zunächst gar nicht an, dass sie nichts sehen.

Der Sport ist offenbar nichts für Weicheier. Wie sieht es mit dem Verletzungsrisiko aus?

Siefert: Das Risiko ist nicht größer als bei anderen Sportarten. Klar, man muss auch einstecken können. Nach dem Spiel ist das aber vergessen und man versteht sich wieder blendend.

Der Torwart ist sehend, ist das nicht ungerecht?

Göbel: Nein. Für den Torhüter gelten Restriktionen, zum Beispiel darf er seinen Zweimeterraum nicht verlassen. Tut er es doch, gibt es einen Strafstoss. Den Spielern ist es also möglich, bis auf kürzeste Distanz auf das Tor zu zulaufen, ohne das der Keeper eingreifen darf. Die wirklich guten Spieler nutzen solche Freiheiten eiskalt aus.

Was war Ihr schönstes Erlebnis beim Blindenfußball?

Siefert: Im letzten Jahr trainierten wir auf unserem Platz mit Straßenfußballern aus Tansania. Die Gäste verstanden kein Wort deutsch, wir konnten die Gäste nicht sehen. Die Kommunikation war also alles andere als leicht. Es gab aber eine gemeinsame Sprache - und die heißt Fußball.

Wie kommt denn ihre Leidenschaft bei Ihren Freunden an?

Siefert: Meine Freunde finden es toll. Ihnen imponieren der Mut und die Stärke, die man braucht, um blind Fußball zu spielen. Viele Leute trauen uns sehbehinderten und blinden Menschen immer noch wenig zu. Blindenfußball ist eine gute Möglichkeit, zu zeigen, was wir alles können.

Göbel: Ab und zu höre ich Sätze wie: „Ach, du spielst doch mit diesen Behinderten.“ Das ärgert mich. Ich spiele mit gleichgesinnten Sportlern, wir haben gemeinsame Ziele.  Nur weil der eine oder andere nicht sehen kann, spricht doch nichts dagegen, dass man gemeinsam Spaß hat. Jeder der mal ein Spiel der Blindenfußball-Bundesliga miterlebt hat, weiß genau, was mich an diesem Sport so fasziniert. Wie versiert gute Blindenfußballer mit dem Ball umgehen können, ist atemberaubend.

Welche Ziele haben Sie für die anstehende Saison und das erste Spiel gegen Marburg?

Siefert: Ein paar Minuten Bundesligaluft schnuppern. Und den Männern in der Liga zeigen, dass man auch als Frau gut mit dem Rasselball umgehen kann. 

 Interview: Marcus Meyer

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige