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Tour d'Energie in Göttingen: Schöner als im Fernsehen, nur anstrengender

Mittendrin Tour d'Energie in Göttingen: Schöner als im Fernsehen, nur anstrengender

Völlig kraftlos steige ich in den Besenwagen. Meine Lungen schmerzen fürchterlich, ich bin nur am Husten. Was für eine dumme Idee, mit einer Erkältung sein erstes Radrennen zu fahren, denke ich mir.

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5000 Menschen jubeln bei Tour d’Energie in Göttingen 2319 Fahrern zu

Begeistert, erschöpft und vor allem sehr durstig: Hendrik Maaßen lässt sich im Ziel angekommen einen Becher Wasser schmecken.

Quelle: Pförtner

Göttingen. Mein Rennrad hebe ich mühsam wie einen Umzugskarton auf die Ladefläche des Transporters, der mich zurück nach Göttingen bringen wird.

Hätte ich die Kraft dazu, würde ich das Rad am liebsten wütend in den Besenwagen pfeffern. Doch dann klingelt irgendetwas. Es ist mein Wecker: Aufstehen, heute ist Renn-Tag. Der Albtraum lässt mich schlecht gelaunt frühstücken.

Oben am Start auf den Zietenterrassen ist die Stimmung so locker und ausgelassen, dass ich gar nicht richtig nervös werde. Noch kurz vor dem Startschuss quasseln die Radfahrer neben mir so laut, dass man den Moderator kaum verstehen kann. Ich starte im Block D. Immerzu bremsend rollen wir die Von-Ossietzky-Straße herunter.

Pechvogel mit Platten

Am linken Straßenrand steht schon der erste Pechvogel mit einem Platten. Am Rosdorfer Kreisel ist von der Ausgelassenheit nichts mehr zu spüren: „Platz machen! Rechts fahren!“, brüllen ein paar hoch motivierte Fahrer von hinten und schießen in einem ungeheuren Tempo an der Gruppe vorbei, in der ich mich befinde.

Auch „meine“ Gruppe erhöht daraufhin das Tempo, und mir wird ein wenig mulmig: Wenn wir ab jetzt so schnell fahren, bin ich schon in Jühnde raus, denke ich. Wird es vielleicht doch wie im Traum? Wir fliegen förmlich durch Rosdorf. In der Gruppe wird nicht mehr gesprochen. Nur das helle Rauschen unserer Räder ist zu hören. Ein schönes Geräusch.

Dazu kommen vereinzelt die Anfeuerungsrufe der Zuschauer am Straßenrand. Nun wird nur noch mit Handzeichen kommuniziert: Auf ein tiefes Schlagloch wird mit dem Finger hingewiesen, ein Hindernis am Fahrbahnrand mit einem Wink hinter dem Rücken angezeigt. Nur so kann die Gruppe so dicht beieinander fahren, ohne dass etwas passiert. Hinterrad an Vorderrad. Den Lenker immer ruhig in den Händen.

Angst verflogen

An der Steigung hinter Mengershausen treffe ich auf einige der besonders Schnellen vom Start. Meine Angst ist verflogen: An Steigungen kann ich also mithalten. Und davon stehen uns ja noch reichlich bevor: 900 Höhenmeter, um genau zu sein.

Der Tross an Radsportlern zieht sich wie ein buntes Band durch die Felder Richtung Jühnde hoch. Die Luft über der Straße flimmert. Es ist noch viel schöner als im Fernsehen, aber auch deutlich anstrengender. Wir fahren gerade zügig bergab, als meine Kette vom Zahnkranz springt.

Verdammt, was soll ich machen? Bremsen und in Ruhe die Kette auflegen? Das kostet viel Zeit. Kurz versuche ich mit der Hand das schmierige Ding wieder in seine Position zu bringen, doch das ist zu gefährlich. Mittlerweile rasen viele Fahrer an mir vorbei, die ich am Hügel noch mühsam überholt hatte. Was für ein Ärger!

Erst dann kommt mir der erlösende Gedanke: Einfach wieder runter schalten und vorsichtig treten. Die Kette findet den Weg zurück auf das große Kettenblatt. Ich suche mir neue Fahrer, die ungefähr mein Tempo fahren.

„Jetzt wird’s eklig“

Unglaublich schnell sind wir in Hann. Münden. Doch von der schönen Stadt sehe ich nicht viel. Ich bin damit beschäftigt, eine Packung klebriges „Energie-Gel“ in meinen Mund zu drücken, denn bald kommt die erste große Steigung. In Hemeln habe ich die einzige Unterhaltung mit einem anderen Fahrer im ganzen Rennen. „Jetzt wird’s eklig“, sage ich zu meinem Nebenmann. „Hm, ich weiß“, antwortet der.

Ich vermisse den netten Plausch, den man sonst im Training geführt hat, aber viel Reden kann ich im Flachen auch nicht. Die fünf Kilometer lange Steigung in den Bramwald komme ich gut hoch, am Hohen Hagen wird es dann aber wirklich eklig: Hier geht es auf gut zwei Kilometern fast 200 Höhenmeter bergauf.

Besonders tückisch sind zwei Stellen mit einer Steigung von mehr als zehn Prozent. Dass der 480 Meter hohe Berg bei der Niedersachsen-Rundfahrt „nur“ als Bergwertung der dritten Kategorie eingestuft wurde, ist mir völlig gleich. Er fühlt sich an wie einer der höchsten Kategorie. Egal, ob ich im Sitzen oder Stehen trete.

Gesellschaft tut gut

Der Widerstand, den mir der Hang bietet, scheint zu hoch für meine Beine zu sein. Gerade hier kommt auch noch Tageblatt-Fotograf Swen Pförtner auf dem Motorrad angerauscht und macht Bilder. Doch die kurze Gesellschaft tut mir bei meinem einsamen Ritt gut. Mühsam komme ich auf meinem kleinsten Ritzel die Steigung hinauf.

Die vielen Zuschauer tragen auch mich die letzten Meter rauf. „Super, nur noch 150 Meter, das schaffst du!“, ruft mir einer zu. Freunde und Fans haben die Namen ihrer Sportler auf die Straße geschrieben. Ein bisschen „Tour de France“-Feeling kommt in mir auf.

Oben angekommen stürze ich mich in die rauschende und gefährliche Abfahrt. Mir wird deutlich, wie gut es war, die Strecke besichtigt zu haben. Jetzt sind es nur noch 20 Kilometer und meine Uhr zeigt noch nicht einmal zwei Stunden Fahrzeit an. Während ich mit fast 60 Kilometern pro Stunde den Hohen Hagen runter brettere, freue ich mich schon über meine Leistung: All die schweißtreibenden Stunden im Winter hatten sich also gelohnt.

Training: Mit dem Fahrad zur Arbeit

Bibbernd hatte ich auf dem Rad gesessen oder war zwischen Lastern durch den Hamburger Berufsverkehr zu meinem Praktikum geradelt, weil ich sonst keine Zeit zum Trainieren hatte.

Um möglichst windschnittige zu sein, greife ich meinen Lenker auch auf der Abfahrt fast nur noch tief am Bügel. Das führt nun immer mehr zu schmerzenden Nackenmuskeln, die den Kopf hochhalten müssen. Bei Rosdorf wird die Stimmung in der Gruppe wieder rauer: Wir fahren gerade in einer langgezogenen Reihe, als mich jemand von hinten anraunt „Entweder überholen oder in die Reihe“.

Keine Luft mehr

Hätte ich noch etwas Luft übrig gehabt, hätte ich ihm gern erklärt, dass ich gerade erfolglos versuchte zu überholen. Dann geht alles ganz schnell: Wieder durch den Rosdorfer Kreisel, dann in die Wiesenstraße und schon sind wir auf der Bürgerstraße. Ich versuche inmitten meiner Gruppe zu sprinten. Doch lähmende Milchsäure schießt in meine Oberschenkel. Die Zieleinfahrt ist viel zu kurz.

Den Applaus der Zuschauer kann ich nur wenige Sekunden genießen. Im Ziel gratulieren mir ein paar fremde Fahrer. Die gute Stimmung vom Anfang ist sofort wieder da. Die Fahrer, die schon wieder bei Atem sind, diskutieren das Renngeschehen. Jetzt fangen meine Bronchien an zu brennen. Egal, meine Uhr zeigt 2 Stunden und 20 Minuten an – was für ein traumhafter Tag.

Von Hendrik Maaßen

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Die „Tour d’Energie von den Terrassen“, das von Göttinger Sport und Freizeit GmbH (GoeSF) und Tuspo Weende veranstaltete Jedermann-Radrennen, entwickelt sich zu einem regelrechten Volksfest. 2330 Fahrer – 2500 hatten gemeldet – nahmen gestern Morgen die zwei angebotenen Strecken über 46 und 82 Kilometer in Angriff, 2319 von ihnen erreichten das Ziel an der Bürgerstraße und wurden dort von rund 5000 Menschen in Empfang genommen. Auch entlang der Strecke wurden die Radfahrer von tausenden Zuschauern angefeuert.

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Tour d'Energie 2010

Impressionen von der Tour d'Energie 2010.

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