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Hexenstieg: Lars Donath gewinnt einen der härtesten Ultramarathons

216 Kilometer am Stück Hexenstieg: Lars Donath gewinnt einen der härtesten Ultramarathons

216 Kilometer zu laufen – am Stück: das ist die Aufgabe beim Hexenstieg, einem der härtesten Ultramarathons, die es in Deutschland gibt. Die Strecke führt von Osterode über den Brocken nach Thale und zurück. 30 Stunden regnet es, auf dem Brocken sinkt die Temperatur um 20 Grad. Dann der Schnee in der Nacht, Nebel. 18 von 31 Läufern steigen aus.

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Am Morgen gehts durch den Wald: Donath läuft schon früh an der Spitze, noch hat er Gesellschaft.

Quelle: Stephan Zirbus

Göttingen. Lars Donath sieht alles noch vor sich: Es ist kurz vor Einbruch der Dunkelheit, er steht irgendwo im Harz allein an einem Stausee, weiß nicht, wo er ist. Mit dem GPS-Gerät, das ihm ein Freund lieh, ist der Göttinger nicht zurechtgekommen. Aus Unkonzentriertheit vielleicht, vielleicht wegen der Müdigkeit, Donath ist seit dem Morgen unterwegs. Auf dem Bildschirm leuchtet noch immer eine weiße Linie, die sich über einen grünen Untergrund schlängelt. Ein Cursor blinkt, aber Donath weiß jetzt, dass er nicht seine aktuelle Position anzeigt.

31 Stunden, 40 Minuten

Donath läuft weiter und gewinnt nach 31 Stunden und 40 Minuten. Warum tut sich einer so was an? Donath sagt: „Man braucht die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich zu quälen.“ Und er sagt das so locker, als spräche er von etwas Alltäglichem. Seit 2005 läuft Donath „Ultras“, Strecken, die länger sind als 42,195 Kilometer, länger als die normale Marathondistanz - so wie den Hexenstieg.

Wir verabreden uns zu einem Spaziergang am Sportzentrum, wo er oft trainiert. Donath wird demnächst 30, er wirkt jugendlich, ein drahtiger Typ. Auf einen Mauervorsprung hat er sich gesetzt, dort baumelt er mit den Beinen, während er wartet. Hier in der Nähe wohnt Donath, meist läuft er in den Bergen, oft auf der Laufbahn unter uns am Hang. Frühmorgens dreht er seine Runden, bevor die anderen kommen, die Gelegenheitssportler. Donath ist keiner von ihnen, nicht mehr.

Ultramarathonläufer viel allein

Zwischen 90 und 120 Kilometern läuft er in der Woche, 200 vor den Wettkämpfen. Um fünf Uhr steht er auf, anders lassen sich die vielen Trainingseinheiten nicht mit dem Beruf vereinbaren. Donath ist Rechtsreferendar und steht kurz vor dem Zweiten Staatsexamen.

Wenn er die Haustür im Morgengrauen hinter sich schließt, entscheidet er sich, wo er lang laufen will. Als Ultramarathonläufer ist man viel allein. Allein beim Training, weil nur wenige so früh trainieren. Allein auf der Wettkampfstrecke, denn zwischen den Läufern liegen oft große Abstände. Donath nimmt bei „Ultras“ immer das Handy mit. Wenn er müde wird, ruft er zu Hause an. „Reiß dich zusammen, mach’s nicht so spannend“, hört er seine Frau sagen, die dann wieder sehr nah ist. „Du musst einfach schneller laufen als die anderen“, hört er seinen fünfjährigen Sohn sagen. Und Donath joggt weiter.

„Wie im Zen“ fühlen

Im Gespräch mit ihm merkt man: Jemand, der allein durch Wald und Berge läuft, den ganzen Tag und weiter in der Nacht, im Laufen das Zeitgefühl verliert und morgens gegen die Müdigkeit kämpft, der gewinnt eine andere Einstellung zu sich selber, seinem Alltag.
„Man erkennt, was wichtig ist“, sagt Donath. Wenn er laufe, gebe es diese Momente, in denen er sich „wie im Zen“ fühle. Wenn der Kopf ausschaltet, wenn auch die Schmerzen in den Beinen und im Rücken nicht mehr zu spüren sind. „Das ist Freiheit.“

Darum nimmt Donath immer wieder teil: An der Brocken-Challenge, die von Göttingen auf den Brocken führt, dem Chiemgauer in Süddeutschland, dem Rennsteiglauf im Thüringer Wald. Vier bis fünf „Ultras“ und zwei Marathons läuft er im Jahr. 

Und die Schmerzen?

Wir drehen die erste Runde ums Sportgelände, dunkle Wolken hängen über uns, jeden Moment kann es regnen. Andere hätten vorgeschlagen, sich lieber drinnen zu unterhalten, Donath marschierte sofort los. Hinter der Fensterscheibe des Fitnessstudios rennen Sportler auf Bändern.
Und die Schmerzen? Donath lacht ein bisschen. Es gebe da dieses Vorurteil, „Ultras“ seien extrem schädigend für die Gelenke, das stimme aber gar nicht. Es gibt Menschen, die immer einschüchtern wollen, Donath läuft ständig Gefahr, unterschätzt zu werden.

Donath ist ein Tiefstapler

Im Kampf mit dem Hexenstieg: Lars Donath. © Zirbus

Unterhält man sich eine Stunde mit ihm, hat man am Ende beinahe das Gefühl, ein Ultramarathon sei so etwas wie eine lange Wanderung. Donath ist ein Tiefstapler. „Da bin ich blauäugig hineingegangen“, ist so ein Satz. Den sagt Donath mehrfach.Von Kreislaufproblemen, dem Zittern des Körpers und dem Halbschlaf unterwegs erzählt er nur kurz. Als sei die Rebellion des Körpers eine Nebensächlichkeit. Donath lacht viel, oft über sich selbst.

Vielleicht ist das eine notwendige Voraussetzung, um Langstreckenläufe dieser Größenordnung zu bewältigen – sich nicht so wichtig zu nehmen. Vielleicht sind es aber auch die Grenzerfahrungen auf der Strecke, die prägen.

Donath jedenfalls sagt, mit einer Armbewegung, die wie ein Schulterzucken wirkt: „Ich mag das: alleine vor einer Felswand zu stehen und zu merken, wie klein man ist.“

Von Telse Wenzel

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