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Regional Mein Spiegelbild schreit mich an: Haltung annehmen!
Sportbuzzer Sportmix Regional Mein Spiegelbild schreit mich an: Haltung annehmen!
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17:40 11.08.2011
Bewegung macht durstig: Eine Wasserflasche gehört zur Grundausrüstung jedes Hip-Hoppers. Quelle: Pförtner
Göttingen

Durch Kleidung können Menschen den Eindruck von Kompetenz erwecken. Das weiß ich spätestens seit Kellers „Kleider machen Leute“. Heute will ich diese Erkenntnis einmal für mich nutzen und zumindest mit meinen äußeren Erscheinungsbild nicht aus dem Beginner-Kurs hervorstechen. Eine gute Idee, wie sich später herausstellen sollte. In den Tiefen meines Schrankes habe ich dicke weiße ziemlich hip-hoppige Schuhe hervorgewühlt, die einst in einer Stilkrise zu mir gefunden haben. Wie praktisch. Jetzt passen sie – zum ersten Mal – perfekt ins Bild. Dazu noch meine schwarze, extraweite Trainingshose und ein gleichfarbiges Top. So darf ich mich, glaube ich, angemessen assimiliert unter die hippen Hüpfer mischen. Meine ungelenken Tanzversuche werden schon Alleinstellungsmerkmal genug sein.

Zum Glück darf ich mir das Ganze erstmal in „klein“ anschauen. Der Kids-Kurs trainiert vor den Beginnern und vermittelt mir einen ersten Eindruck von dem, was mich erwartet. Wäre ich mir nicht so sicher, dass mein Termin erst um 17 Uhr ist, würde ich denken, ich wäre schon bei den Masters gelandet. Das sieht alles so locker und flockig aus, dass ich mittlerweile bedauere, mir nicht ein Album von Rapper „Halber Euro“ zugelegt zu haben. Dann hätte ich jetzt vielleicht etwas mehr Übung und würde mir nicht wie ein kickboxender Elefant vorkommen. Aber zu spät.

Und der Gedanke „Yesim hat ja auch mal klein angefangen“ hilft weder bedingt noch überhaupt weiter. Denn bereits im Alter von vier zarten Jahren hat die gebürtige Hannoveranerin ihre Tanz-Karriere gestartet. Tänzerische Früherziehung, Ballett, Jazz, Dance-Floor, Salsa... Von wegen Graffiti sprayen, Rumhängen, die Hose tiefer schnallen und nebenbei ein bisschen Hip-Hop dancen.

„Disziplin ist sehr wichtig“, sagt Demiran. „Viele denken Hip Hop, das sind nur nackte Frauen im Bikini. Aber es ist viel mehr. In Deutschland ist der Trend ziemlich im Rennen. Amerika ist noch die Nummer eins, aber auch Schweden, Frankreich und die Niederlande sind gut dabei.“ Soweit die Frau vom Fach. Und wie sieht es aus mit den Bewertungskriterien? Worauf achtet die Jury im Wettkampf beim Locking-, Popping- oder Street-Style? Synchronität, Ausdauer, Stil, Aufstellung und die Formation der Reihen, zählt die 24-Jährige auf. Vielleicht schaffe ich es, heute einen dieser Aspekte zu berücksichtigen, denke ich mir. „Man darf nicht zu viel Schamgefühl haben“, versucht die junge Trainerin mich zu animieren. „Mut zur Hässlichkeit!“ (Danke!) „Nicht zu introvertiert, sich nicht zu viele Gedanken machen, frei im Kopf sein.“

Wenn man fleißig trainiere, viel Spaß und Taktgefühl mitbringe, könne man es durchaus in drei bis vier Monaten schaffen, bei einer Meisterschaft dabei zu sein. Mein Ziel ist da wohl etwas bescheidener. Ich möchte nur die nächsten 60 Minuten überstehen. Demiran hat sich extra für mich eine „einfache“ Choreographie überlegt. 1, 2, 3, 4... Die ersten Schritte scheinen machbar zu sein. Vor und zurück schwingen, Ausfallschritt, eine unsichtbare Wand abtasten, okay, und wie war das noch mit der Drehung? Diese Kniebeuge erinnert mich an die Ballettpose „Grand-Plié“ mit der ich schon mal im Sportunterricht gequält wurde. Sieht ziemlich einfach aus, ist es aber nicht.

Muskelpartien, die mir ihre Existenz bisher verschwiegen haben, melden sich nun mit dezenten Hinweisen: Piek piek piek. In den kurzen Pausen wird der Weg zu meiner Wasserflasche auf der Fensterbank immer stacheliger. Aber hier wird nicht gejammert – meine 30 (größtenteils jüngeren) Mitstreiter zucken nicht mal mit der Wimper. Ich frage meine Hinterfrau: „Findest du das schwer?“ - „Neeee“, ist die Antwort. Alles klar. Ich sehe eine imaginäre Jury amüsiert die Lippen kräuseln. Vielleicht habe ich einen neuen „Ausdruck“ erfunden: Fahne im Wind. Demiran hat mich ungnädigerweise in die erste Reihe gestellt. Jetzt schreit mein Spiegelbild mich an, ich soll die Schultern nicht so hängen lassen. Keine Frage mehr, das hier ist „richtiger“ Ausdauersport. Meine Freunde konnte ich am nächsten Tag zwar mit einer kleinen Kostprobe meiner Tanzkunst nicht vom Hocker reißen, aber das Training bei der GDC hat großen Spaß gemacht. Mein Telefon lasse ich jetzt jedenfalls erst mal nicht mehr aus den Augen – vielleicht braucht mich „50Cent“ ja für sein nächstes Video.

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