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Regional Polizei-Eskorte zum Finale nach Denver
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19:35 25.04.2012
„We are the champions“: Leonie Plaisir (links) mit ihren Teamkameradinnen Leia und Val. Quelle: EF
Göttingen

In einer weltoffenen Universitätsstadt gestartet und mitten im Nirgendwo gelandet. So lässt sich der erste Eindruck von Austauschschülerin Teresa Seitz auf den Punkt bringen, als sie vor acht Monaten in Black Hawk, einem 50 Kilometer von Denver entfernten 120-Einwohner-Kaff in den Bergen von Colorado, eintraf.

Teresa Seitz

Zwar gehen dreimal mehr Schüler auf die dort ansässige High School des Gilpin County, doch auch deren Größe erscheint der 16-Jährigen, von der IGS Geismar 2000 Mitschüler gewohnt, fast zwergschulmäßig. „Man kann hier gar nicht anders, als jeden zu kennen, aber zum Glück verstehe ich mich mit allen gut und habe engen Kontakt zu meinen Teamgefährtinnen“, erzählt sie.

Als pulsierend, hektisch und teilweise chaotisch empfindet Teresa dagegen das Leben in ihrer siebenköpfigen Gastfamilie. Fünf Kinder (der 13-jährige Jonathan ist der einzige Junge), zwei Hunde, drei Katzen: Da kommt ihr das Familienleben in Göttingen mit zwei Brüdern wie ein Hort der Ruhe vor. „Das war ein krasser Unterschied für mich, man gewöhnt sich aber dran. Ich habe meine kleinen Schwestern Faith (4) und Skyle (7) ins Herz geschlossen, und Andromeda (15) und Katura (17) sind inzwischen gute Freundinnen. Auch wenn es zwischen mir und Katura mal Streit gab, ist es doch immer cool und witzig“, versichert Seitz.

Herrscher unter den Körben: Enosch Wolf (r.) im NCAA-Match seiner Uconn-Huskies gegen die Hartford Pioneers.

Als „anfangs richtig hart“ empfand die Spielerin der BG 74 das Basketballtraining mit dem Schulteam und die intensive Spielvorbereitung. „Jede muss sich drei Teamziele und drei persönliche Ziele notieren, die sie im Spiel erreichen will“, so Seitz. Gewöhnen musste sie sich auch an andere Regeln (keine 24 Sekunden für den Angriff, hochsteigen zum Rebound erst nach Ringberührung). Trotzdem schaffte sie es schnell in die Starting Five und hatte großen Anteil daran, dass ihre Mannschaft mit 22 Siegen und zwei Niederlagen die erfolgreichste in der Geschichte des Gilpin County war. Unter riesiger Anteilnahme der Bevölkerung und mit Sirenen-unterstützter Polizeieskorte fuhr der Bus zum landesweiten Turnier nach Denver, wo die Gilpin High School den fünften Platz belegte.

„Total absurd“ kommt ihr indes vor, dass vor jeder Partie die Nationalhymne gespielt und der Eid auf die US-Flagge geleistet wird. Da ihr auch der Unterricht an der IGS besser gefällt, ist für Seitz klar, dass „ich nicht in Amerika studieren werde. Ich würde aber nicht nein sagen zu einem weiteren Auslandsjahr – wie sieht es mit Frankreich, Spanien oder Afrika aus?“

Das familiäre Kontrastprogramm zu ihrer BG-Teamkameradin erlebt Leonie Plaisir bei Diane und Dan Casselman in Athens, einer Kleinstadt in Michigan, im Nordosten gelegener US-Bundesstaat, 170 Kilometer von Detroit entfernt. „Am Anfang war es schwer für mich, keine Geschwister hier zu haben und die ganze Aufmerksamkeit zu bekommen. Das bin ich nicht gewohnt mit vier Geschwistern zu Hause. Mittlerweile weiß ich die Einzelkind-Vorteile aber zu schätzen“, gesteht die 17-Jährige.

Als „offener, aber auch kontrollierender“ als in Deutschland charakterisiert Plaisir den Unterricht an der kleinen Athens High School, als ein wenig eintönig das rund zweistündige Basketball-Training. „Zehn Runden um das Spielfeld, dann Stretchen, Einwerfen, Korbleger und Spielsituationen, Rebounddrill, Fastbreak-Übungen, drei gegen drei“, zählt die frühere Spielmacherin im Göttinger U-17-Bundesligateam auf. „Ich denke aber schon, dass ich viel Neues gelernt habe. Das war jetzt meine zweite Saison als Point Guard, und ich denke, ich mache große Fortschritte im Organisieren des Spiels.“

Obwohl sie mit ihrem Team beim Michigan-State-Turnier Constipation Champion geworden ist, nach Ende der Basketballsaison Erfolge als Leichtathletin gefeiert und schon ein Basketball-Stipendium von einem College angeboten bekommen hat, möchte sie nicht noch länger in den USA bleiben. „Ich glaube, dass ich nicht noch ein Jahr so weit von zu Hause entfernt leben kann“, verrät sie.

Kulturschock

Einen Kulturschock erlebte Philipp Lieser, als er vor zwei Jahren an die Central Washington University (CWU), in der 20     000-Einwohner-Stadt Ellensburg im Nordwesten der USA gelegen, kam, um für die Wildcats in der NCAA II zu spielen. „Man denkt, wenn man aus einer westlichen Kultur, kommt, sind die Unterschiede nicht so groß. Ich habe aber festgestellt, dass eine Menge Dinge sehr verschieden sind“, sagte der 22-jährige frühere Hainberg-Schüler sowie Spielmacher des ASC 46 und des Göttinger NBBL-Teams Anfang Februar der College-Zeitung Observer.

„Die Leute verhalten sich anders, die Sitten und Gebräuche sind fremd. Vor allem aber vermisse ich das Essen. Ich habe Leute, die nach Deutschland zurückgekehrt sind, angefleht, mir einen Döner zu schicken – aber niemand hat es getan.“

Inzwischen aber gefalle es ihm ganz gut. Das Studium an der CWU (12     000 Studenten) sei ziemlich leicht, und die Rundumversorgung des Basketballteams recht angenehm. Das Training unterliege einem minutiösen Zeitplan, das Spiel sei viel schneller und athletischer – da habe er viel Neues gelernt. „In meinem ersten Jahr waren wir sehr erfolgreich und haben unsere Conference gewonnen“, erzählt er stolz. Nach Ende seines Studiums – voraussichtlich in zwei Jahren – „habe ich auf jeden Fall vor, nach Deutschland zurückzukommen und dort in der 1. Liga oder der Pro A zu spielen“, versichert Lieser, der bereits vor seinem USA-Trip Erfahrungen in der 2. Bundesliga (Karlsruhe, Speyer, Crailsheim) gesammelt hatte.

Athletisch und durchsetzungsstark: Yasin Kolo (oben rechts), hier noch im ASC-Dress gegen den Regionalligisten aus Bramsche.

Höhere Ziele hat sich 2,15-Meter-Center Enosch Wolf gesteckt. Der frühere norddeutsche U-20-Meister mit der BG 74 studiert seit Oktober 2010 an der renommierten University of Connecticut (Uconn; 25    000 Studenten) Kommunikation und Psychologie. Gleich in seinem ersten Jahr wurde er mit den Huskies NCAA-Champion, kam allerdings nur zu einigen Kurzeinsätzen. Inzwischen ist der 21-Jährige auf gutem Weg zum Stammspieler, eine Position, die er bis zum Ende des Studiums in zwei Jahren festigen und ausbauen will.

Ein wenig stört ihn die Oberflächlichkeit vieler Amerikaner, ansonsten aber findet er alles super: das Verhältnis zu seinen Kommilitonen und Mitspielern (mit drei von ihnen wohnt er in einem Appartement) und die Intensität und Härte in Training und Spiel, die seine Entwicklung  stark gefördert hätten.

„Ich hoffe, dass mich meine weitere Basketballkarriere nicht nach Deutschland führt. Der Plan ist, in den USA zu bleiben. Wenn’s nicht reicht, aber auf jeden Fall nach Europa“, skizziert Wolf seine Zukunftspläne.

Als Profi in den USA zu spielen ist auch der große Traum von Yasin Kolo. Der 19 Jahre alte gebürtige Göttinger und frühere Hoffnungsträger des ASC 46 sorgte schon für Furore, als er in der Saison 2010/11 als überragender Spieler mit dem Team der Fayette Christian High School das State-Final-Four von North Carolina erreichte. Der athletische Flügelspieler (Kolo: „Seit ich in Amerika bin, habe ich zwölf Kilo zugenommen und gelernt, viel härter zu spielen“) wurde zum Conference-Spieler des Jahres und zum All-State-Player sowie in die North-Carolina-Auswahl gewählt und damit begehrtes Jagdobjekt der College-Scouts.

Will nach seinem Studium an der Central-Washington-Universität wieder in Deutschland spielen: Philipp Lieser (rechts).

Kolo entschied sich für die East Carolina University in Greenville, mit 29    000 Studenten North Carolinas drittgrößte Uni, wo er seit Juli 2011 Sportmanagement studiert und für das NCAA-I-Team der Pirates spielt. Allerdings stoppte ihn im zweiten Test ein Ermüdungsbruch im Fuß. Kolo verpasste bis auf zwei alle Ligaspiele, will aber in der neuen Serie wieder angreifen. „Ich liebe es, hier zu sein. Die Fangemeinde ist großartig, die Leute behandeln mich alle sehr nett, und mit meinen Teamkameraden, mit denen ich mir ein Vierzimmer-Appartement auf dem Campus teile, komme ich hervorragend aus“, berichtet er.

Zwar vermisse er seine Freunde in Göttingen, doch für Kolo steht fest, dass er nach Ende seines Studiums 2015 am liebsten in der NBA, zumindest aber bei einem Euroleague-Klub spielen würde.

Von Michael Geisendorf

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