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Die Geschichte der Paralympics

Größer, schneller, weiter Die Geschichte der Paralympics

Paralympics? Das Wort gab es 1948 noch nicht. Ebenso wenig tausende Sportler aus aller Welt, die wie in London in 20 Sportarten und 503 Disziplinen an elf Tagen um die Medaillen kämpfen, vor einem Millionenpublikum an den Wettkampfstätten und TV-Bildschirmen.

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„Die besten Spiele aller Zeiten“: Die Paralympics in Peking 2008 waren die bislang größten Spiele für Menschen mit Behinderungen.

Quelle: Italian Paralympic Committee

Göttingen. Drei Jahre nach dem 2. Weltkrieg ging es darum, querschnittsgelähmte Kriegsveteranen wieder ans Leben heranzuführen. Und das, so dachte sich der jüdisch-deutsche Neurologe Sir Ludwig Guttmann, erreicht man am besten mit Sport.

Guttmann, der 1899 in Oberschlesien geboren und 1939 nach Großbritannien emigriert war, arbeitete seit 1944 rund 70 Kilometer vor den Toren Londons in Aylesbury. Im Hospital Stoke Mandeville setzte der Neurologe die positiven Wirkungen des Sporttreibens für Gelähmte im Rollstuhl für den Heilungsprozess ein. Um den Wettkampfcharakter zu fördern, hatte Guttmann die Idee der „Stoke Mandeville Games“, die 1948 Vorreiter der Paralympics waren.

Am 29. Juli 1948 nahmen 14 Männer und zwei Frauen mit Rückenmarksverletzungen an den ersten Sportspielen für Rollstuhlfahrer teil. Es gab damals lediglich eine Disziplin: das Bogenschießen. Das besondere der ersten „Stoke Mandeville Games“ war, dass sie Guttmann ganz bewusst auf den Tag gelegt hatte, an dem auch die Olympischen Spiele 1948 in London begannen. Die Spiele für Behinderte und Nichtbehinderte am selben Ort auszurichten und in enge Verbindung zu bringen, war eine visionäre Idee – die jedoch ein wenig früh kam.

Die Wettkämpfe wurden zwar in den folgenden Jahren weitergeführt, und vier Jahre später waren mit den Niederländern erstmals auch Nicht-Briten unter den nun 130 Teilnehmern. Doch bis zu den ersten Paralympics war es noch ein weiter Weg.

1960er: Nur im Rollstuhl

Auch wenn der Begriff Paralympics erst rückwirkend eingeführt wird – 1984 erkennt das Internationale Olympische Komitee (IOC) den Begriff „Paralympische Spiele“ an – und die Spiele in Rom noch als „9. Stocke Mandeville Games“ bezeichnet werden, ist Rom 1960 erstmals gleichzeitig offiziell Austragungsort der Olympischen Spiele und der Paralympics. 400 Sportler aus 23 Ländern kämpfen in Rom um Medaillen. Basketballer, Bogenschützen, Fechter, Leichtathleten, Schwimmer und Tischtennisspieler sind dabei allesamt auf den Rollstuhl angewiesen – die Spiele sind zunächst ausschließlich für Gelähmte.

In zwei Sportarten, die später nicht mehr zum Programm gehören, können die Sportler 1960 noch Medaillen gewinnen:  Dartchery, eine Art Zielwerfen mit Dartpfeilen, und Snooker. Bei den Spielen in Tokio 1964 ersetzen Gewichtheben und das Rollstuhlrennen über 60 Meter die weggefallenen Disziplinen.

Die Paralympics 1968 sollen eigentlich in Mexiko stattfinden. 1966 zieht sich die mexikanische Regierung jedoch aus der Verantwortung. „Technische Gründe“ werden angeführt. Andere sprechen von Bedenken der Ärzte, die von einem gesundheitlichen Risiko von Spielen in 2350 Metern Höhe in Mexiko-Stadt warnen. Israel springt mit Tel Aviv ein. Die Teilnehmerzahl hat sich mit 750 Sportlern aus 29 Ländern fast verdoppelt.

Als neue Disziplinen werden Lawn Bowling (eine Art Boccia), das 100-Meter-Rollstuhlrennen sowie Frauenbasketball eingeführt. Das Basketballturnier der Männer ist eines der Highlights: Israel bezwingt im Finale vor 5000 Zuschauern die USA.

1970er: Heidelberg springt ein

Weil das olympische Dorf in München nach den Sommerspielen teils abgerissen, vermietet und umgebaut wird, benötigt Deutschland 1972 eine Alternative. Anstelle von München wird Heidelberg Gastgeber der Spiele, an denen 1004 Athleten aus 41 Ländern teilnehmen. Mit Goalball und dem 100-Meter-Rennen für Sehbehinderte werden neue Disziplinen vorgestellt.

Schon 1968 ist das Klassifizierungssystem massiv verändert worden, nach den Spielen 1972 werden nun Komitees gegründet, die ein einheitliches Regelwerk der Sportarten erarbeiten.

1976 in Toronto dürfen erstmals nicht nur Rollstuhlfahrer bei den Paralympics starten. Auch Amputierte, Blinde und Sehbehinderte gehören zu den rund 1600 Athleten. Sitz- und Standvolleyball werden neu ins Programm aufgenommen, und es gibt erste TV-Live-Bilder. 1976 finden im schwedischen Ornsköldsvik erstmals auch Paralympische Winterspiele statt.

1980er: Streit um Austragung
Wieder gibt es Streit um die Ausrichtung. Weil die Sowjetunion, wo 1980 in Moskau die Sommerspiele stattfinden, nicht bereit ist, die Paralympics durchzuführen, werden sie ins niederländische Arnheim vergeben. Dort dürfen keine Sportler aus sozialistischen Ländern an den Start gehen. Die Finanzierung der Spiele, an denen 2000 Athleten teilnehmen, wird durch ein Telebingo gesichert.

Sir Ludwig Guttmanns Vision von Olympischen Spielen und Paralympics in einer Stadt wird 1984 ad absurdum geführt. Statt die Paralympics ebenfalls in Los Angeles durchzuführen, finden sie in New York statt, die Wettbewerbe der Rollstuhlfahrer, darunter erstmals Marathon, sogar jenseits des Ozeans an der Ursprungsstätte Stoke Mandeville – die unterschiedlichen Verbände hatten sich entzweit. Nach den Spielen gehen die Einzel-Verbände im International Coordinating Committee (ICC) auf, das fortan die Spiele organisiert.

28 Jahre nach den Wettkämpfen für Behinderte in Rom finden sowohl die Olympischen Spiele als auch die Paralympics wieder an einem Ort, in Seoul, statt. Seoul ist ein erster Meilenstein der paralympischen Bewegung. Die Athleten können erstmals die Wettkampfstätten der Nichtbehinderten nutzen, zudem wird für sie eigens ein behindertengerechtes Athletendorf gebaut.

In Rom 1960 wurden die Sportler noch in Häusern im ersten Stock untergebracht – ohne Rampe und Fahrstuhl. 3000 Sportler aus mehr als 60 Ländern nehmen an den Spielen in Seoul teil. Neu im Programm sind Radsport und Goalball.

1990er: Rückschlag Atlanta

Die Paralympics etablieren sich im Bewusstsein von Sportlern, Medien und Besuchern. Die Spiele 1992 in Spanien sind perfekt organisiert, begeisterte Zuschauer feiern die Athleten aus mehr als 90 Ländern, und das Medieninteresse ist gewachsen. Zur Eröffnungsfeier in Barcelona kommen 65 000 Besucher, darunter König Juan Carlos und Königin Sofia von Spanien. Deutschland holt 61 Goldmedaillen und wird wie in Seoul Zweiter der Nationenwertung. Erstmals ist Rollstuhltennis mit dabei.

1996 sind die Spiele erneut in den USA zu Gast. Aber Atlanta ist ein Rückschritt und bleibt von den Besucherzahlen und der Medienpräsenz hinter den Erwartungen zurück. Die Paralympics wirken nach den Olympischen Spielen wie hinterher geschoben, und Wettbewerbe finden teilweise in schon halb-abgebauten Wettkampfstätten statt. Gunter Schumann, der mit dem Medizintechnikunternehmen Ottobock von 1988 bis 2008 bei den Paralympics mit dabei war, erinnert sich an „unvorstellbare Szenen.

Die Spiele waren lustlos organisiert und schlecht besucht.“ Erstmals nehmen geistig-behinderte Athleten teil – zunächst in Vorführwettbewerben.

2000er: Spiele der Superlative

Im Jahr 2000 werden die Spiele in Sydney als „die besten Paralympics aller Zeiten“ gelobt. 4000 Athleten aus mehr als 120 Ländern nutzen dieselben Wettkampfstätten wie bei den Olympischen Spielen, ebenso das Ticket- und Transportsystem. Weil für die Spiele im Vorfeld groß Werbung gemacht wurde, vor allem an den Schulen, werden am Ende 1,2 Millionen Tickets verkauft – doppelt so viele wie für Atlanta.

Neue Sportarten sind Rugby und Segeln. Für einen Skandal sorgen die geistig behinderten spanischen Basketballer. Nach dem Gewinn der Goldmedaille stellt sich bei Untersuchungen heraus, dass zehn der zwölf Spieler keine Behinderungen aufweisen. Der Fall sorgt dafür, dass die Wettkämpfe für geistig Behinderte wieder aus dem Programm gestrichen werden – bis London 2012. Bei den Spielen der Nicht-Behinderten sorgt zuvor eine stark sehbehinderte Läuferin für Furore: Marla Runyan wird im Finale über 1500 Meter sensationell Achte.

In Athen 2004 müssen die Athleten erstmals nichts für ihre Teilnahme bezahlen – etwa die Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Transport. Aus den 4000 Athleten aus 140 Ländern sticht ein Deutscher hervor. Der Unterschenkelamputierte Wojtek Czyz gewinnt Gold im 100-Meter- und 200-Meter-Lauf sowie im Weitsprung.

„Über Peking kann man nur in Superlativen sprechen“, sagt Gunter Schumann nach den Paralympics in Peking 2008. Die Spiele würden als „perfekte Spiele in die Geschichte eingehen“, ist sich Schumann damals sicher und spricht von fantastischen Sportstätten, einer ergreifenden Begeisterung des Publikums und einer perfekten Organisation. „Das waren die besten Paralympischen Spiele aller Zeiten“, sagt auch IPC-Präsident Sir Philip Craven. Die TV-Übertragungszeit ist noch einmal enorm angestiegen, zudem werden 1,82 Millionen Tickets verkauft.

Auch wenn sich der mit zwei Sportprothesen startende Südafrikaner Oscar Pistorius ins Rampenlicht läuft und über 100 Meter, 200 Meter und 400 Meter Gold gewinnt, stehen vor allem die chinesischen Paralympioniken im Fokus. Sie gewinnen 211 Medaillen, darunter 89-mal Gold. „Diese Spiele kann man nicht toppen“, glaubt Schumann.

Und jetzt London

Am 29. August kehren die Paralympics nach England zurück, in unmittelbare Nähe ihres Ursprungs Stoke Mandeville. Und wieder wird es Rekorde geben: 2,5 Millionen Zuschauer werden erwartet und rund 4200 Athleten aus 165 Nationen. Großbritanniens Premierminister David Cameron ist sich schon im Vorfeld der Spiele sicher: „Wir stehen vor dem Start der größten Paralympics in der Geschichte.“

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Paralympics

Wie bei Olympia wird bei den Paralympics das Herz der Spiele im Olympiapark schlagen. Seit den Sommerspielen 1988 in Seoul werden die Olympischen und Paralympischen Spiele von einem gemeinsamen Organisationskomitee geplant und durchgeführt. Seitdem finden die Wettkämpfe der Paralympioniken in den Olympischen Sportstätten statt.

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