Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Weltweit IOC kommt im russischen Dopingskandal kaum voran
Sportbuzzer Sportmix Weltweit IOC kommt im russischen Dopingskandal kaum voran
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:43 15.09.2017
In Sotschi hatte Russland die Nationenwertung gewonnen: 13 goldene, 11 silberne und 9 bronzene Medaillen. Quelle: dpa
Lima

Fünf Monate vor den Winterspielen in Südkorea fehlt dem Internationalen Olympischen Komitee weiter die Handhabe für Strafen im russischen Dopingsskandal. Auf der Vollversammlung des IOC am Freitag in der peruanischen Hauptstadt Lima gab es nur Zwischenberichte zweier Kommissionen, die nicht die drängenden Fragen beantworten, welche russischen Sportler bei den Winterspielen in Sotschi 2014 betrogen haben und ob dahinter ein staatlich organisiertes System stand. Führende nationalen Anti-Doping-Agenturen fordern vom IOC, Russland von den Spielen vom 9. bis 25. Februar 2018 im südkoreanischen Pyeongchang auszuschließen.

Die Kommission unter der Leitung des Schweizers Samuel Schmid wollte aus Gründen der Vertraulichkeit keine Namen von verdächtigen Sportlern oder Zeugen nennen und verwies auf die kriminaltechnischen Untersuchungen der Oswald-Kommission. Unter der Leitung des Schweizer IOC-Mitglieds Denis Oswald versucht diese, auch Methoden des Betrugs zu klären und Beweise zu sichern.

In Sotschi gewann Russland die Nationenwertung

Das sei sehr zeitaufwendig, sagte Oswald, der in Kürze zumindest Aufschluss darüber erwartet, ob 50 Gefäße manipuliert wurden, um Urin auszutauschen. „Wir werden dann die betroffenen Athleten zu Anhörungen einladen“, sagte Oswald und geht von ersten Gesprächen im Oktober aus. „Vor Jahresende sollten wir in Lage sein zu klären, wer nach Pyeongchang fährt und wer nicht.“

Zu Beginn der IOC-Sitzungswoche hatte Präsident Thomas Bach zugesagt, bei klarer Beweislage müssten russische Sportler und andere Verantwortliche bestraft werden. Er ergänzte nun, die Oswald-Kommission habe, um rascher voran zu kommen, die Befugnis, Maßnahmen gegen russische Sportler zu ergreifen.

In Sotschi hatten die Russen die Nationenwertung gewonnen: 13 goldene, 11 silberne und 9 bronzene Medaillen. Das IOC muss sich mit russischem Doping in großem Stil beschäftigen, seit der kanadische Rechtsprofessor Richard McLaren am 18. Juli 2016, dreieinhalb Wochen vor den Sommerspielen in Rio de Janeiro, einen ersten Bericht präsentierte. McLaren ermittelte im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA).

Forderungen nach vollständigem Ausschluss Russlands

Als Reaktion auf den zweiten McLaren-Report, der dann von systematischem und staatlich gebilligtem Doping berichtete, beschloss das IOC, die Urinproben aller russischer Athleten in Sotschi erneut zu analysieren. In dem am 9. Dezember 2016 vorgelegten Bericht kam McLaren zu dem Schluss, dass zwischen 2011 und 2015 mehr als 1000 russische Sportler in dieses System verstrickt waren. Russland weist die Vorwürfe zurück.

Die Debatte über fachte noch ein interner Bericht der WADA an, über den zuerst die „New York Times“ berichtet hatte. Aus der von McLaren identifizierten Gruppe der mehr als russischen 1000 Athleten hatten Überprüfungen in 96 Fällen ergeben, dass sich der Dopingvorwurf bei 95 Athleten nicht erhärten lässt. „Die verfügbaren Beweise waren schlicht nicht ausreichend“, sagte WADA-Generaldirektor Olivier Niggli vor den IOC-Mitgliedern. In dem Bericht wurden keine Namen genannt.

Die führenden nationalen Anti-Doping-Agenturen (NADO) kritisierten das IOC für den zögerlichen Umgang mit dem russischen Dopingproblem. Sie forderten den kompletten Ausschluss des olympischen Komitees Russlands von den nächsten Winterspielen.

Amerikas oberster Dopingjäger, Travis Tygart, fürchtet eine Verzögerungstaktik des IOC. „Es würde mich nicht überraschen, wenn die Sache schon gelaufen wäre, genauso wie in Rio“, sagte der Chef der US-Anti-Doping-Agentur.

106 positive Tests auch in London

Vor den Rio-Spielen hatte auch die WADA dem IOC empfohlen, Russland komplett auszuschließen. Das IOC entschied sich für eine Einzelfallprüfung, so dass etwa 280 russische Sportler starteten. Dafür werden das IOC und Bach persönlich bis heute kritisiert.

Um Entschlossenheit im Anti-Doping-Kampf zu demonstrieren, verankerte das IOC die Möglichkeit, Geldstrafen bei Dopingvergehen oder anderen Betrügereien zu verhängen, in der Olympischen Charta, eine Art Grundgesetz der olympischen Bewegung. Österreich musste beispielsweise 2007 wegen Dopings bei den Winterspielen in Turin 2006 eine Geldstrafe in Höhe von einer Million Dollar bezahlen. Sechs Biathleten und Langläufer waren erwischt worden.

IOC-Kommissionschef Oswald brachte die Vollversammlung auf den neuesten Stand der Ergebnisse von Nachttests bei den Spielen 2008 in Peking und 2012 in London: 1100 Proben wurden nachuntersucht. „106 waren positiv“, sagte Oswald. Die meisten Fälle betrafen Sportler aus den früheren Sowjetrepubliken, meist Leichtathleten und Gewichtheber: Russland (37 Fälle), Weißrussland (16), Kasachstan (12) und die Ukraine (11). Insgesamt 75 Sportler verloren ihre Medaillen.

Von Martin Romanczyk