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333 Dinge Faszinierend und verstörend
Thema Specials 333 Dinge Faszinierend und verstörend
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18:22 22.12.2011
Ein Blick in eine andere Welt: die Kopie der von Julius Klingebiel ausgemalten Psychiatrie-Zelle. Quelle: Hinzmann

Wer diese Zelle betritt, gelangt in eine andere Welt, die faszinierend und verstörend zugleich ist. Faszinierend, weil die Wände über und über detailreich bemalt sind. Verstörend, weil es die Bildwelt eines ehemaligen Psychiatrie-Patienten ist, der in der geschlossenen Abteilung des Krankenhauses saß. Die Augen der gemalten Tiere und Menschen scheinen einen überall im Raum zu verfolgen, und an den Wänden finden sich Bilder zu den beiden Vätern, die der Patient im Wahn als seine ansah – Adolf Hitler und den Papst.

Julius Klingebiel wurde 1940 erstmals mit der Diagnose Schizophrenie mit aggressiven Durchbrüchen in die Göttinger Anstalt eingeliefert, wo er in das gefängnisartige Verwahrhaus kam. Klingebiel wurde zur Zeit des Nationalsozialismus zwangssterilisiert, aber er überlebte die Mordprogramme gegen als lebensunwert definierte Menschen.

Anfang der fünfziger Jahre befindet sich Klingebiel wieder im Verwahrhaus. Und nun beginnt die Geschichte der bemalten Zelle. Anfangs habe Klingebiel mit beim Hofgang aufgeklaubten Steinchen und Essensresten die weiß getünchten Wände bearbeitet, erläutert Pfleger Erhard Meyer, der das Museum des heutigen Asklepios-Klinikums betreut, zu dem die Zelle gehört. Anfangs seien Klingebiels Malaktionen gar nicht auf Begeisterung gestoßen, so Meyer. Der Patient sei im Gegenteil gezwungen worden, seine Zelle wieder sauber zu machen.

Doch das Personal bemerkte, dass Klingebiel ruhiger wurde, wenn er malte. Zudem veränderten sich allmählich die Gegebenheiten in der Psychiatrie. Irgendwann bekam Klingebiel Farben und malte die Wände im Verlauf der Zeit komplett aus. Immer wieder fügte er Details hinzu oder übermalte Bereiche.

Gemäß seiner Zwei-Väter-Theorie finden sich Hakenkreuze ebenso wie kirchliche Kreuze. Es gibt Frauenporträts, Tierdarstellungen, Bilder von Kaiser Wilhelm II. und Jesus. Auf den beruflichen Hintergrund Klingebiels, der als Schlosser bei der Wehrmacht gearbeitet hatte, verweisen Bilder von Schiffen und Flugzeugen. Manche Darstellungen wirken real, manche surrealistisch.

Als Klingebiel um 1960 neue Medikamente erhielt, besserte sich sein Zustand und er konnte aus dem Verwahrhaus heraus in eine andere Station verlegt werden. Zugleich stellte er jedoch das Malen ein. Der 1904 geborene Klingebiel starb 1965.

Die Originalzelle ist nicht öffentlich zugänglich, denn sie befindet sich im „Festen Haus“,  einem Hochsicherheitsbereich, in dem psychisch kranke Straftäter untergebracht sind. Besichtigt werden kann aber eine anhand von Fotos erstellte Kopie der Zelle.

Die Zelle kann zweimal im Monat im Rahmen eines Besuchs des Museums der Asklepios-Klinik besichtigt werden. Die Termine können unter Telefon 05 51 / 4 02 - 0 oder museum.goettingen@asklepios.com erfragt werden.

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