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Zwei Flüsse küssen sich am Weserstein

Der Westerstein Zwei Flüsse küssen sich am Weserstein

Was kann man in und um Göttingen herum so alles unternehmen? Die Tageblatt-Redaktion stellt 333 Dinge vor, die man in der Region gemacht haben sollte. Heute: der Weserstein in Hann. Münden.

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Erinnerungsfoto am Weserstein in Hann. Münden: Melanie Hoffmann und Anni Breuer (l.)

Quelle: Heller

„Wo Werra ...“ Das geht ja schon gut los. Eine Alliteration, die auf der Zunge zergeht. „Wo Werra sich...“ – so würde heute niemand mehr schreiben – „... und Fulda ...“. Das reziproke Pronomen der dritten Person Plural gleichzeitig vor und hinter dem Subjekt, das zugleich Objekt ist. Aber es soll sich ja reimen. „Wo Werra sich und Fulda küssen...“, genau hier steht er, der Weserstein zu Hann. Münden.

Er steht an der Weserspitze, dem nördlichsten Ende der zweigeteilten Insel Tanzwerder, die zwei Arme der Fulda trennt. Hier „küssen“ sich also Werra und Fulda. Küssen? Was ist das für ein Kuss, wenn beide sich aufgeben, beide Flüsse fortan nicht mehr sind? „Sie ihren Namen büssen müssen“, heißt es folgerichtig. „Büßen“ müsste das nach neuer Rechtschreibung heißen, mit ß. Aber das konnten die Industriellen Natermann und Sohn, die sich den Reim einst einfallen ließen, damals nicht wissen. Dennoch: Welch ein Klassenunterschied dieser wenigen, wohl antiquiert wirkenden, doch so einprägsam wie schönen Original-Weserstein-Worte zum unweit aufgestellten neuen Weserstein. Viel zu wortreich wurde hier anlässlich der Expo 2000 die Mär des bulgarischen Künstlers Nedko Solakov vom enttäuschten Fluss in Bronze gegossen. Quasi kleingedruckt fabuliert die neue Inschrift über den Verlust vieler Buchstaben beider Flüsse. Die Werra kommt mit dem Wandel in Weser etwas besser weg als die „enttäuscht, sogar unglücklich“ und „so müde fließende“ Fulda.

„Und hier entsteht durch diesen Kuss ...“, heißt es weiter auf dem Original-Stein, der damit noch einmal seinen Standpunkt markiert, „... Deutsch bis zum Meer der Weser Fluss“. Deutsch bis zum Meer? Das klingt nach damals, nach Etsch und Belt, nach Nationalismus und einer Zeit, als Deutschland angeblich allen über alles ging. Über alles kann man streiten, aber nicht darüber, dass die Weser der einzige Strom ist, der nur in Deutschland fließt und ins Meer mündet. Und mit der Nazizeit hat der deutschtümelnde Reim auch nichts zu tun, wurde er schließlich schon am 31. Juli 1899 in Stein gehauen. Nur darüber wird gestritten: Ob der Zusammenfluss zweier Flüsse, die unter drittem Namen weiterfließen, das Führen des Titels „Drei-Flüsse-Stadt“ rechtfertigt. Die andere Drei-Flüsse-Stadt Passau (Donau, Inn, Ilz) hat das bemäkelt und schaut angeblich, weil doppelt gesegnet, von oben herab aufs einfache Flüssedreieck.

Das kann man viel besser, ja perfekt, von der Weserliedanlage auf dem Questenberg, einem Denkmal von 1931, das architektonisch dann doch den nationalen Geist seiner Zeit spiegelt. Hier wird dem Komponisten (Gustav Pressel) und dem Dichter (Franz von Dingelstedt) des Weserliedes gehuldigt, während unten, wo am Weserstein Werra und Fulda sich küssen, „der Weser blitzende Welle“ braust. Aber dieses Volkslied ist ein anderer Reim. Der Turm kann außer dienstags täglich etwa zwischen 8 und 21 Uhr bestiegen werden.

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