Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Alles über die Bombe Todbringende Kriegs-Saat im weichen Erdreich
Thema Specials Alles über die Bombe Todbringende Kriegs-Saat im weichen Erdreich
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:08 02.06.2010
Trefferfeld: Die Explosion ereignete sich etwa 40 Meter nordöstlich vom Fundort der ersten Bombe. Quelle: St. Museum / Grafik: Rudolph

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stammen die vielen Bomben auf dem Schützenplatz vom Luftangriff am Neujahrstag 1945. Damals griffen allierte Flugzeuge die Bahnanlagen der Stadt an. Aber nicht alle Bomben trafen, nicht alle Bomben explodierten.

Am Mittag des 1. Januar beginnen die Sirenen zu heulen. Die Menschen hasten in die Keller, auch wenn viele von ihnen nicht glauben wollen, daß der Angriff Göttingen gilt.

Sie täuschen sich: Gegen 13 Uhr öffnen sich am Himmel über der Leinestadt die Bombenschächte. Die meisten Bomben liegen zielgenau auf den Göttinger Bahnanlagen. Schwer getroffen wird der Verschiebebahnhof, Güterbahnhof und das Bahnbetriebswerk. Der Bombenteppich vernichtet die Tischlerei, die Schmiede und die Dreherei. Die wertvollen Spezialmaschinen werden zerstört. Eine Bombe durchschlägt alle Stockwerke des großen Verwaltungsgebäudes und explodiert unten im Keller. Damit ist das Göttinger Bahnbetriebswerk, das die schwersten und stärksten Dampflokomotiven beherbergt und somit dazu beiträgt, die deutsche Kriegsmaschinerie noch am Laufen zu halten, vorerst lahmgelegt.

Außerdem werden Häuser an der Weender Landstraße, der Königsallee, der Emilien- und der Arndtstraße. Das obere Stockwerk der Physikalischen Werkstätten („Phywe“) in der Groner Landstraße brennt aus. Auch der vordere Teil des Zentral-Friedhofs erhält einige Treffer.

Mindestens 47 Menschen kommen ums Leben – darunter nur sieben Deutsche. Dass es so viele russische Zwangsarbeiter trifft, hat einen Grund: Nicht wenige Bomben fallen abseits der Bahnanlagen auf das Lager auf dem Schützenplatz, wo die so genannten „Ostarbeiter“ untergebracht sind.

1942 errichtet und im Oktober desselben Jahres erstmals belegt, gab es dort bis zu 20 Baracken, getrennt für Männer und für Frauen. Es wurde mehrfach erweitert und beherbergte im August 1944 fast 1000 Insassen. Das Lager mit einem Gebäude für die „Ordnungswachen“ und einer Waschbaracke war mit Stacheldraht umzäunt und mit Hunden bewacht.

Jetzt, am 1. Januar 1945, sitzen die Zwangsarbeiter gerade beim Mittagessen in den Baracken, als die Bomber anfliegen. Die Explosionen töten mindestens 40 von ihnen.

Aber auch nach dem Angriff hat der Schrecken kein Ende. Die ganze Nacht hindurch dröhnen Explosionen, die in der gesamten Stadt zu hören sind: Viele, ungewöhnlich viele der abgeworfenen Bomben sind mit Zeitzündern ausgerüstet, um die Lösch- und Aufräumungsarbeiten zu verhindern. Zahlreiche Bomben sind im weichen Erdreich nahe der Leine verschwunden, wo auch das Grundwasser hoch steht. Nicht wenige davon sind nicht detoniert – die Saat für die Explosionen der nächsten Jahrzehnte auf dem Schützenplatz und seiner Umgebung.

„Glücklicherweise“, vermeldet die Göttinger Stadtchronik, „lagen die meisten dieser Zeitzünder im sogenannten Grüngürtel an der Leine, so dass verhältnismäßig wenig Tote bei dem mittäglichen Angriff zu beklagen waren.“ In den Nachkriegsjahren will sich niemand so recht um die explosive Altlast kümmern – die Menschen haben andere Sorgen.

Von Matthias Heinzel

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Alles über die Bombe Pressekonferenz zur Detonation - "Göttingen trauert"

"Göttingen trauert" - das sind die Worte von Stadtsprecher Detlef Johannson. Auch Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann zeigte sich bestürzt.

02.06.2010

Die Staatsanwaltschaft Göttingen hat nach der Explosion eines Blindgängers ein Vorermittlungsverfahren wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung eingeleitet.

02.06.2010

Die Berufsbildende Schule II, das Otto - Hahn - Gymnasium und die drei Kindertagesstätten an der Godehardstraße bleiben am Donnerstag, 3. Juni, geschlossen.

02.06.2010