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Des Kantors Flut an Bitt- und Bettelbriefen

Die Geschichte des Gaußturms, Folge 15 Des Kantors Flut an Bitt- und Bettelbriefen

Der Gaußturm wird in den kommenden Monaten saniert. In einer Serie stellt das Tageblatt das touristische Wahrzeichen der Region und seine Geschichte vor.

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Markante Erscheinung: Karl Forthmann.

Quelle: Archiv Friedrich Rehkop

Ohne das unermüdliche Einwerben von Sponsorengeldern durch Lehrer Karl Forthmann (1871-1964) hätte der Dransfelder Verschönerungsverein den alten, 1911 fertiggestellten Gaußturm wahrscheinlich nicht finanzieren können. Der aus Göttingen gebürtige Pädagoge gehörte 1904 zu den Gründungsmitgliedern des Vereins. 57 Jahre lang diente er ihm als Schriftführer und Kassenwart, berichtet Stadtarchivar Friedrich Rehkop. Im Juni 1961 legte der mittlerweile 90-Jährige sein Amt nieder. Damals zeichnete sich bereits ab, dass der Turm dem Basaltabbau geopfert werden würde.

In Dransfeld war Forthmann als „der Kantor“ bekannt. Er spielte sonntags in der evangelischen St.-Martini-Kirche Orgel. Außerdem leitete er den Männerchor Harmonia und den gemischten Chor Lyra. „Damals gab es in Dransfeld noch den Kirchenchor und die SPD-nahe Eintracht“, erinnert sich Zeitzeuge Viktor Schulze (Jahrgang 1927). Sein Vater, der einige Jahre Bürgermeister war, kannte Forthmann gut. Schulze beschreibt den Lehrer als imposante Erscheinung, der mit seinem außergewöhnlichen Hut und dem wallenden Mantel auffiel. Sein weißer Vollbart war immer gut geschnitten. 

„Der Lehrer schätzte die Geselligkeit“, berichtet Schulze. Bei Festlichkeiten schlug er mit dem Löffel ans Glas, um Tischreden zu halten. Er gehörte zu den regelmäßigen Gästen eines Honoratioren-Stammtisches, der sich in der Gaststätte am Bahnhof traf. Politisch stuft ihn Schulze als „alten Deutschen“ ein. Im Geburtsjahr des Kantors wurde das Kaiserreich gegründet. Die unter preußischer Führung geeinten Kleinstaaten stiegen zur Großmacht auf. „Das hat Forthmann politisch geprägt“, meint Schulze.

Die Dransfelderin Elfriede Engel (Jahrgang 1922) erlebte Forthmann noch als Lehrer. Damals gab es vier Klassen, in der jeweils zwei Jahrgänge zusammengefasst wurden, erinnert sie sich. Die Lehrer züchtigten aufmüpfige Schüler noch mit dem Stock. Forthmann forderte die Kinder auf, Zeitungsartikel zu bestimmten Themen zu sammeln. Engels Eltern konnten sich so einen Luxus nicht erlauben. Sie waren nach dem Ersten Weltkrieg, als Westpreußen polnisch wurde, nach Dransfeld geflüchtet. Alte Zeitungen dienten ihnen als Toilettenpapier.

Ehrgeiz erwacht

Engels acht Jahre älterer Bruder fiel Forthmann auf. Der intelligente Schüler wollte zum Missfallen des Lehrers Schmied werden. Nach der Schule zog es ihn immer in die Schmiede. Der kräftig gebaute Junge durfte dort bereits den Hammer schwingen. Am Ende der Schulzeit sprach Forthmann in der Gastwirtschaft den Vater, der im Basaltwerk arbeitete, an. Der Kantor saß gerade mit dem jüdischen Kaufmann Katzenstein am Tisch. Dem empfahl er den Jungen. Katzenstein bestellte den Burschen sonntags für ein Vorstellungsgespräch ein. Als der Vater das zuhause bekannt gab, protestierte der Junge heftig. Als der Kaufmann am Sonntag allerdings verblüfft zu ihm sagte: „Du kannst ja besser rechnen als ich!“, erwachte dessen Ehrgeiz. Er begann dort seine Lehre. 1933 kamen die Nazis an die Macht. Die Katzensteins emigrierten in die USA, erzählt Engel. Nach dem Krieg hätten sie wieder Kontakt mit ihrem Bruder aufgenommen. 

Als Nazideutschland 1939 den Zweiten Weltkrieg begann, wurde Forthmann, der zwischenzeitlich in Ruhestand gegangen war, reaktiviert. Junge Männer mussten an die Front. „Der Kantor verlor einen seiner Söhne im Krieg“, weiß Schulze. Sein ältester Sohn wurde Lehrer in Duderstadt. Die  älteste Tochter war 1936 mit ihrem Mann in die USA ausgewandert. Die zweite Tochter heiratete einen Postbeamten. Die dritte Tochter versorgte Forthmann nach dem Tod von dessen Frau. 

Die Nazis ehrten Forthmann 1943 mit der Ernst-Rudorff-Plakette für seine praktische Volkskulturarbeit, sagt Stadtarchivar Rehkop. 1952 bekam er das Verdienstkreuz am Bandes des Verdienstordens der Bundesrepublik. 1956 ernannte ihn Dransfeld zum Ehrenbürger. Der Einsturz des alten Gaußturms 1963 muss ihn hart getroffen haben. Der Lehrer starb ein Jahr später am 29. Dezember 1964. 

1987 wurde auf dem Dransfelder Rathausvorplatz die Kantor-Forthmann-Linde gepflanzt. Auf dem Hohen Hagen ist ein Weg nach ihm benannt. 

                                                                                                                          Von Michael Caspar

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