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Kriegsgefangene schufteten im Steinbruch

Die Geschichte des Gaußturms, Folge 17 Kriegsgefangene schufteten im Steinbruch

Die Sanierung des Gaußturms, die vor Monaten begann, ist fast abgeschlossen. In einer Serie stellt das Tageblatt das touristische Wahrzeichen der Region und seine Geschichte vor.

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Die Loren wurden mit der Hand beladen: harte Arbeit vor der Felswand.

Quelle: Archiv Rehkop

Der Basaltsteinbruch zu Füßen des Gaußtums bot viele Jahrzehnte lang Dransfeldern Arbeit. Es gab aber auch Menschen, die dort nicht freiwillig tätig waren. „Während des Zweiten Weltkriegs schufteten im Steinbruch und in der werkseigenen Schmiede 15 bis 20 französische Kriegsgefangene“, berichtet Günther Siedbürger in seinem Buch Zwangsarbeit im Landkreis Göttingen 1939 bis 1945.

Untergebracht waren sie in einer Holzbaracke. Ein bewaffneter Landesschützenposten bewachte die Kriegsgefangenen. Am 21. Dezember 1943 erlitt einer der Soldaten, ein 29 Jahre alter Metallarbeiter, einen Schädelbruch. Er starb. Für die letzten Kriegsmonate kann Siedbürger auch ausländische Zivilisten als Zwangsarbeiter auf dem Hohen Hagen nachweisen. 

Beim Auswerten der Akten fand Siedbürger heraus, dass der damalige Werksdirektor Klaus Koch den Zwangsarbeitern die ihnen zustehenden  Schwer- und Schwerstarbeiterrationen zum Teil vorenthalten hat. Koch berichtete im Januar 1945 dem Landwirtschaftsamt in Hannover, dass er die Zusatzkarten bisher nur „an die wirklich arbeitenden Gefolgschaftsmitglieder“ ausgehändigt habe. Zu Kochs Verärgerung war eine getrennte Ausgabe durch eine bürokratische Änderung  unmöglich gemacht worden. Der Betriebsleiter klagte gegenüber dem Amt: „Seit Einführung dieser neuen Einrichtung hat es sich erwiesen, dass die Ausländer viel weniger arbeiten beziehungsweise oft krank feiern. Wie wir hören, haben die übrigen Betriebe genau dieselben Beobachtungen gemacht.“ Koch bat das Amt den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen. 

In den ersten Nachkriegsjahren mussten wieder Kriegsgefangene im Steinbruch arbeiten. Diesmal war es eine 25-köpfige Einheit deutscher Soldaten unter britischer Aufsicht. „Das Stammlager befand sich in Adelebsen“, erinnert sich der Zeitzeuge Viktor Schulze. Die Deutschen wohnten laut Stadtarchivar Friedrich Rehkop in einer Baracke auf dem Hohen Hagen. 

Die „Bobbies“ spielen auf

„Die Kriegsgefangenen trugen die braune englische Uniform, die allerdings grün eingefärbt war“, erzählt Rehkop. Ein junger Leutnant habe sie angeführt. Die Männer hätten sich ins Zeug gelegt. Der Beste unter ihnen habe es geschafft, 17 Loren an einem Tag per Hand mit Basalt zu beladen. 

Lebhaft in Erinnerung geblieben ist vielen alten Dransfeldern die Kapelle der Adelebser Kriegsgefangenen. Die „Bobbies“ setzten sich aus einem Schlagzeuger, einem Akkordeon- und einem Klarinetten-Spieler sowie einem Gitarristen, der auch sang, zusammen, zählt Schulze auf. Sie spielten aktuelle amerikanische Schlager. „Im Dritten Reich hatten die meisten von uns solche Kompositionen nie zu hören bekommen“, sagt er. Die Bobbies traten mehrmals in der Woche im Schützenhof auf (heute „Eiches Bierstübchen“, gegenüber von der Tankstelle Kelterborn). In den großen Saal passten hunderte Personen. Um 22 Uhr, wenn die Sperrstunde begann, war Schluss. Den Transport der Musiker von und nach Adelebsen übernahm Georg-Friedrich Hesse, der Sohn des Fuhrunternehmers. Hesse stieg später zum Studiendirektor einer Handelsschule auf.  

„Viele von uns lernten damals erst tanzen“, erzählt Schulze. Während des Kriegs hätte es so etwas nicht gegeben. Rehkop macht auf den hohen Frauenüberschuss in den Jahrgängen 1920 bis 1925 aufmerksam. Viele Männer dieser Alterskohorte sind im Krieg geblieben, den Nazideutschland begonnen hatte. Allein die Stadt Dransfeld beklagte 100 Gefallene. Entsprechend begehrt waren die Kriegsgefangenen unter den Dransfelder Frauen. „Die Männer waren das Glück der überzähligen Mädchen. Ein ganzes Teil von ihnen ist bei uns hängengeblieben“, kommentiert der Stadtarchivar.  

                                                                                                            Von Michael Caspar

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