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Mächtige Altarsteine mit rätselhaften Näpfchen

Die Geschichte des Gaußturms, Folge 20 Mächtige Altarsteine mit rätselhaften Näpfchen

Der Gaußturm ist saniert. In einer Serie stellt das Tageblatt das touristische Wahrzeichen der Region und seine Umgebung vor.

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Steinzeitliche Quarzitschlagstelle: Altarsteine. 

Quelle: Archiv Friedrich Rehkopf

Baumlose Tundra erstreckte sich während der Altsteinzeit (bis 10000 vor Christus) in der norddeutschen Tiefebene. Damals bildete der Hohe Hagen eine markante Landmarke. Jäger und Sammler suchten den Berg wiederholt auf. Es gibt dort nämlich mehrere mächtige Quarzitblöcke, die heute als Altarsteine bekannt sind. „Die Wildbeuter, die hauptsächlich Rentiere jagten, stellten aus dem Quarzit Werkzeuge wie Fäustel oder Schaber her“, berichtet Kreisarchäologe Klaus Grote. Der verkieselte Quarzsand aus dem Erdzeitalter Miozän diente ihnen als Ersatz für Feuerstein, der in der Region nicht vorkommt. Als Werkstoff nutzen die Steinzeitmenschen vom Frost absprengte, armlange Stücke. Um diese zu finden, wühlten sie den Boden bis zu einem Meter tief auf. 

Bodendenkmalpfleger Fritz Bertram Jünemann hat den Platz Ende der 50er-Jahre als altsteinzeitliche Abschlagstelle identifiziert. Einen Wohnplatz von Menschen aus der mittleren Altsteinzeit wurde 1978 bei Oberscheden entdeckt. Dort fanden sich unter anderem 30 Quarzit-Faustkeile. Quarzitblockfelder gibt es an mehreren Stellen im oberen Fuldatal und im westlichen Leinegraben. 

Steinzeitmenschen

Einen weiteren Abschlagplatz machte Baudenkmalpfleger Jünemann 1957 einen Kilometer nördlich von Bühren im Bramwald auf dem Voßküppel ausfindig. In der Nähe erheben sich mehrere Grabhügel, die allerdings erst später in der Bronzezeit entstanden. Jünemann spürte weitere solcher Abschlagplätze in Dankelshausen und Scheden auf. Quarzitwerkzeuge liegen an vielen Stellen im Landkreis im Boden, so etwa entlang der Weser bei Gimte, Hemeln, Glashütte und Bursfelde.  

Die mächtigen Quarzitblöcke beim Hengelsberg sind in der Jungsteinzeit (4500 bis 1800 vor Christus) oder später in der Bronzezeit (1800 bis 800 vor Christus) eventuell für religiöse Zwecke genutzt worden. Menschen schufen damals auf der Oberfläche eines 3,4 mal zwei Meter großen Steins, der heute in zwei Stücke zerbrochen ist, gut 15 Vertiefungen. Sie haben einen Durchmesser von zehn bis 20 Zentimetern und sind fünf Zentimeter tief. 

Einen weiteren solchen Schalen- oder Näpfchenstein gibt es im fünf Kilometer entfernten Wiershausen. Dieser Stein gehörte ursprünglich zu einem Grabhügel aus der Bronzezeit, den Bauern umpflügten. Der fast zehn Tonnen schwere Stein selbst wurde 1953 vom Bundesgrenzschutz um 200 Meter versetzt. Solche Kulturdenkmäler finden sich überall in Europa. 

Opfer für Elfen

Über die konkrete Nutzung der Schalen können Wissenschaftler wenig sagen. Manche vermuten, das die Menschen in ihnen Feuer machten oder Lichter entzündeten. Andere meinen, dass sie zum Darbringen von Opfergaben dienten. So soll an Steinen in Schweden bis ins 20. Jahrhundert hinein Elfen geopfert worden seien. Dem schwedischen Volksglauben nach leben diese Wesen unter den Felsbrocken und nutzen die Näpfchen zum Mahlen von Korn. Wieder andere vermuten, das die Menschen an den Steinen Fruchtbarkeitsriten vollzogen. 

Neben den Näpfchen weist der Stein auf dem Hengelsberg sogenannte Wetzrillen auf. Sie stammen aus mittelalterlicher Zeit. Damals schrieb die Volksmedizin dem dort gewonnenen Steinmehl wundersame Heilkraft zu, weiß Heimatforscher Joachim Jünemann (siehe Kasten). Aus dem Mittelalter könnte auch der Name Altarsteine stammen. Nach Darstellung von Stadtarchivar Friedrich Rehkop hat ihn dagegen der Göttinger Heimatforscher Heinrich Deppe geprägt. Um 1900 hätten die Steine keinen Namen gehabt. Jünemann nennt dagegen mündlich überlieferte Ortsbezeichnungen wie „Hexenküche“ und „Teufelskanzel“. 

Noch jünger ist das zylindrische Bohrloch im Schalenstein. Anfang des 20. Jahrhunderts hatten Aufkäufer aus dem Ruhrgebiet die Quarzitblöcke sprengen und zur Herstellung von Schamottsteinen nutzen wollen. Der damalige Forstsenator stoppte das Vorhaben. Seit 1979 stehen die Steine unter Denkmalschutz.  

250 Meter südöstlich des Kulturdenkmals steht auf dem Sonnenberg der Hohlestein. Es handelt sich um einen sesselförmigen Quarzitblock mit steinzeitlichen und mittelalterlichen Beifunden. Ein paar 100 Meter südsüdwestlich liegen dann noch zwei Gruppen von Grabhügeln, die eventuell aus der Jungsteinzeit stammen. 

Wer die mit Moos bewachsenen Altarsteine besuchen will, fährt mit dem Auto von Dransfeld aus Richtung Hoher Hagen. Kurz vor Schießstand und Schullandheim biegt rechts ein Forstweg ab. Von geht es zu Fuß auf dem Kantor-Forthmann-Weg 600 Meter durch den Wald. Vom Gieseke-Denkmal aus sind es nur noch wenige Minuten.   

                                                                                                          Von Michael Caspar

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