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Pioniere retten Gaußbüste aus einstürzendem Turm

Die Geschichte des Gaußturms, Folge 12 Pioniere retten Gaußbüste aus einstürzendem Turm

Der Gaußturm in Dransfeld wird in den kommenden Monaten saniert. In einer Serie stellt das Tageblatt das touristische Wahrzeichen der Region und seine Geschichte vor.

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Im alten Gaußturm:  Eberlein-Büste.

Quelle: Archiv Schulze

Einen Turm nach Carl Friedrich Gauß zu benennen ist das eine, würdig an ihn zu erinnern etwas anderes. Das war dem Verschönerungsverein bewusst, auf dessen Initiative der alte Gaußturm in den Jahren 1909 bis 1911 entstand. So reagierten sie erfreut, als  der Berliner Kunstprofessor und wilhelminische Hofbildhauer Prof. Gustav Eberlein (1847-1926) bei einem Besuch der Baustelle versprach, eine repräsentative Gaußbüste für die Eingangshalle anzufertigen.

Eberlein, der aus Spiekershausen (heute Gemeinde Staufenberg) stammte und eine Villa in Hann. Münden besaß, befand sich damals auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Eberlein-Forscher Rolf Grimm berichtet, dass der Künstler damals das Bronzedenkmal für den Großherzog von Luxemburg in Königstein/Taunus  und das Bronze-Grabmal für Graf Adolf von Goetzen in Hamburg-Ohlsdorf schuf. Außerdem entstand in jenen Jahren unter Eberleins Leitung das riesige argentinische Nationaldenkmal in Buenos Aires sowie der kolossale „Deutschen Brunnen“ in Santiago de Chile. Ferner fertigte der Professor damals den ersten Entwurf für die Weserliedanlage in Münden an. Er erstellte zudem mehrere Kleinbronzen und Gemälde.

 

Die Gaußbüste entstand immerhalb weniger Monate. Eberlein sprach vom „Marmorgebilde eines Genies und großen Erfinders“. Er habe es so gestaltet, dass es den Professor würdig „in das Zeitalter des Großen Friedrich und Goethe“ einreihe. Die Büste wurde am 31. Juli 1911, dem Tag der Turmeröffnung, in der Eingangshalle enthüllt. „Eberlein hatte sie für diesen Raum geschaffen“, berichtet die Geschäftsführerin des Vereins Gustav-Eberlein-Forschung, Elgard 

Steinmüller. Das strahlend weiße Kunstwerk setzte sich wirkungsvoll von der mosaikgeschmückten Halle ab. 

„Als amerikanische Soldaten 1945 Dransfeld befreiten, schlugen sie der Büste die Nase ab“, berichtet Stadtarchivar Friedrich Rehkop bitter. Die Soldaten hätten außerdem der Figur von August Giesecke in den Kopf geschossen. Giesecke hatte den Turmbau mit großen Beträgen unterstützt und bei der Eröffnung des Bauwerks die Festrede halten dürfen.  

Nase abgeschlagen

Ein Restaurator klebte dem Mathematiker eine neue Nase ins Gesicht. Allerdings lässt der Klebstoff den Marmor blau anlaufen. Rehkop, der lange Jahre Vorsitzender des Verschönerungsvereins war, versuchte dem mit Schmirgelpapier entgegenzuwirken. Rehkop: „Sonst heißt es noch, Gauß sei Trinker gewesen!“ 

Anfang der 60er Jahr

e wäre die Büste beinahe zusammen mit dem Gaußturm Opfer des Basaltbergbaus geworden. In den Wochen nach schweren Sprengungen am 19. und 20. Oktober 1961 hatten sich in der Wiese rund um den Turm sowie in dem Bauwerk selbst immer tiefere Risse gebildet. Der ganze Bereich drohte in den Steinbruch abzurutschen. Die Behörden untersagten daher 1962 das Betreten des Grundstücks.  

Um die Büste, aber auch die Ausstellungsstücke aus der ebenfalls im Turm befindlichen Gaußsammlung zu bergen, mussten die Mündener Pioniere anrücken. Nachts, als unten im Steinbruch der Betrieb ruhte, machten sich die Soldaten bei Scheinwerferlicht an die Arbeit. „Damals sind wir mit dem Kran des Panzers durch das Seitenfenster eingedrungen und haben erstmal die Gaußbüste drangehängt“, erinnert sich Rehkop. 

Auf dem gleichen Weg retteten die Soldaten Nachbildungen gaußscher Erfindungen sowie Bilder, die im Ausstellungsraum gezeigt wurden. Rehkop selbst bestieg den einsturzgefährdeten Turm, um die Panoramatafeln abzumontieren. Am 14. November 1963 stürzte der Turm dann ein. 

Vom Nikotin verfärbt

Die Gaußbüste wurde im Mai 1989, als im neuen Gaußturm ein Restaurant aufmachte, wieder gezeigt. „Im Eingangsbereich des Lokals konnte sie allerdings nicht mehr ihre monumentale Wirkung entfalten“, bedauert Steinmüller. Dort war sie zudem dem Rauch der Zigaretten ungeschützt ausgesetzt. Im Laufe der Jahre verfärbte sich der Pentelische Marmor gelb-braun. „Das kriegen wir nicht mehr sauber“, klagt Rehkops Sohn Friedrich-Georg vom Verschönerungsverein. Noch ärgerlicher seien die Farbkleckse. Bei der Renovierung des Lokals deckte der Maler die Büste nicht ab.  

Im Dezember 2006 wurde das Kunstwerk im Pavillon des Turms eingelagert. Vor zwei Wochen transportierte eine Steinmetzfirma das – mit Sockel – dreiteilige Kunstwerk in die Untere Bachstraße. Im ehemaligen Volksbankgebäude, in dem jetzt die Samtgemeindebücherei untergebracht ist, soll demnächst ein Gaußmuseum entstehen. 

                                                                                                                 Von Michael Caspar

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