Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° Gewitter

Navigation:
Läuten zum Gedenken christlicher Märtyrer

Folge 6: Stephanuskirche Läuten zum Gedenken christlicher Märtyrer

Mitte der 1960er Jahre hatte sich Göttingen erheblich nach Süden ausgeweitet. Neue Wohnviertel am Westhang des Göttinger Waldes waren errichtet worden, zwischen Göttingen und Geismar wurden die Lücken geschlossen.Da musste auch eine neue Kirche her.

Voriger Artikel
Paten aus Schlesien läuten für die Leinestadt
Nächster Artikel
Sie läutet erst, wenn St. Jacobi schweigt

Auffallend schlank: Glockenturm der Stephanuskirche.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Die Katholiken hatten 1961 ihre Kirche „Maria Königin des Friedens“, kurz „Maria-Frieden“, am Sandersbeek eingeweiht, die Protestanten zogen 1965 mit der Stephanuskirche nach – eine der wenigen Kirchen, die in ihrer Postanschrift (Himmelsruh 17) auf ihre angestammte Verbindung zu höheren Mächten verweisen können.

Architekt der Kirche war Diez Brandi (1901-1985), der in Göttingen zuvor schon die Christus-, Friedens- und Kreuzkirche gebaut hatte. Er hatte die Idee, den Glockenturm der Kirche sehr schlank zu gestalten. Und offen sollte er sein, nicht etwa mit einer Glockenstube, die den Glockenschall dämpft.

Das brachte einige Probleme mit sich. So ist der Hang, auf dem der 30 Meter hohe Turm steht, ziemlich steil und daher latent in Bewegung. Deshalb musste der Turm mit einem Fundament abgesichert werden, das zehn Meter – also etwa drei Stockwerke – in die Tiefe reicht. Zusätzlich erhielt er eine Betonplatte auf Bodenniveau, die ein Mitschwingen des Turms beim Läuten verhindern soll.

Auch zeigte sich in der Folgezeit, dass der Beton des Glockenturms nicht stabil genug war: Die Überdeckung der Metallarmierung war nicht ausreichend, so dass der Turm bereits 1986 saniert werden musste.
Doch das Geläut tut seinen Dienst und hat den Turm bislang nicht in Gefahr gebracht. Es besteht aus zwei Bronzeglocken mit den Schlagtönen f’ und g’. Ursprünglich sollten vier Glocken aufgehängt werden, aber Superintendent Walther Lührs mahnte seinerzeit zur Mäßigung, denn dies schien ihm ein zu hoher finanzieller Aufwand.

Die größere Glocke (f’) wiegt 921 Kilogramm bei einem Durchmesser von 1,15 Metern, die kleinere (g’) wiegt 718 Kilogramm und hat einen Durchmesser von 1,08 Metern. Gegossen wurden sie von den Gebrüdern Rincker in Sinn/Dillkreis am 8. Februar 1966, geweiht wurden sie am 3. April 1966.

Im Gegensatz zu den bisher beschriebenen Göttinger Kirchen sind die Glocken der Stephanuskirche zwei christlichen Märtyrern des 20. Jahrhunderts gewidmet. Die g’-Glocke erinnert an Traugott Hahn, um 1900 lutherischer Pfarrer in Dorpat in Estland und Professor an der dortigen, damals deutschsprachigen Universität. Nach der Oktoberrevolution 1917 machten die Bolschewisten Jagd auf die Pfarrer und verboten die Gottesdienste. Hahn versteckte sich in seiner Gemeinde, wurde aber entdeckt und gefangengesetzt. Kurz bevor die deutschen Truppen im Ersten Weltkrieg Dorpat erreichten, wurde Hahn – wie auch viele weitere Gefangene – getötet.

Die f’-Glocke ist dem Gedächtnis des evangelisch-reformierten Pfarrers Paul Schneider gewidmet, der als Nazigegner 1937 ins Lager Buchenwald kam und dort misshandelt und gefoltert wurde. Kurz nach seiner Entlassung 1939 starb er an den Folgen dieser Haft. Viele evangelische und katholische Christen versammelten sich zu seiner Beerdigung, eine Demonstration gegen die damalige Gewaltherrschaft.

Übrigens haben die Glocken der Stephanuskirche auch schon ökumenische Aufgaben bewältigt: Solange die Kirche Maria-Frieden noch keinen eigenen Glockenturm besaß, läutete Stephanus bis zum Jahr 2000 auch für die katholischen Christen. Ohnehin sind die Glocken weit zu hören: bei gutem Wind bis zum Gauss­turm, sagt Stephanus-Diakon Klaus Bendig.

Von Michael Schäfer

  • Den Podcast zu den Glocken der Stephanuskirche finden Sie auf unserer Podcast-Seite.
  • Stephanuskirche als Klingelton hier downloaden.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die Bilder der Woche vom 2. bis 8. Dezember