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Paten aus Schlesien läuten für die Leinestadt

Folge 5: St. Michael Paten aus Schlesien läuten für die Leinestadt

Heute St. Michael Kirche in Göttingen.

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Aus Westfalen und aus Schlesien: Glocke von 1914 (oben) und von 1615 im Glockenturm der Göttinger St.-Michael-Kirche.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Die Reformation, von Martin Luther durch den Anschlag der 95 Thesen in Wittenberg 1517 ausgelöst, erreichte nach einer Weile auch Göttingen.

Der erste evangelische Gottesdienst wurde am 24. Oktober 1529 in der Paulinerkirche abgehalten. Im Kurfürstentum Hannover galt später allein das lutherische Bekenntnis, so dass sich bei der Gründung der Universität 1734 ausschließlich protestantische Kirchen in der Stadt befanden. Katholische Studenten aus dem „Ausland“ aber benötigten eine Kirche. Ihnen wurde erstmals 1746 die Erlaubnis erteilt, Gottesdienste abzuhalten.

Es dauerte noch lange, bis aus der Duldung von Gottesdiensten auch die Erlaubnis zum Kirchenbau erwuchs: 1787 bis 1789 wurde ein Betsaal an der Kurzen Straße errichtet, dessen klassizistische Fassade sich kaum von der Häuserfront der Umgebung abhob. Mit einem Turm durfte er zunächst noch nicht ausgestattet werden. Erst 1815 erhielt die dem Heiligen Michael geweihte Kirche ein kleines Holztürmchen, das 1892/93 durch die 27 Meter hohe neobarocke Turmanlage ersetzt wurde.

Im Holzturm hing seit 1815 eine Glocke. Sie stammte aus dem Kloster Marienrode bei Hildesheim und wurde 1893 in den neuen gemauerten Turm verbracht. 1914 bestellte die Gemeinde ein Geläut aus drei Glocken bei der Gießerei Petit & Edelbrock im westfälischen Escher – jedoch wurden die beiden größeren Glocken schon im Ersten Weltkrieg enteignet. Ersatz gab es 1924 durch Glocken derselben Gießerei. Doch diese wurden 1942 abermals für Kriegszwecke konfisziert: eine Verlustgeschichte, wie sie auch St. Albani zu beklagen hatte.
Die kleinste Glocke des Geläuts von 1914 war bei beiden Beschlagnahmungen verschont geblieben. Diese Glocke hängt bis heute in St. Michael. Sie hat einen Durchmesser von 91 Zentimetern, wiegt 405 Kilogramm und hat den Schlagton b’.

Die beiden anderen Glocken des heutigen Geläuts von St. Michael sind sogenannte Patenglocken. Diesen Namen erhielten Glocken, die auf dem sogenannten Glockenfriedhof in Hamburg-Veddel lagerten, den dort die Nazis eingerichtet hatten. Rund 90 000 Bronzeglocken waren im Zweiten Weltkrieg für Kriegszwecke beschlagnahmt worden, von denen bei Kriegsende noch etwa 15 000 übrig waren. Die Glocken aus den deutschen Ostgebieten, die nicht mehr an ihren Ursprungsort zurückkehren konnten, wurden Anfang der fünfziger Jahre an Kirchen in Westdeutschland vergeben, die ihre Glocken verloren hatten. Dies sind die Patenglocken.

Und so hängen heute in St. Michael zwei Glocken aus Schlesien. Die zweitgrößte stammt aus dem Jahr 1615 und hing zuvor in einer Kirche in Rothwaltersdorf. Sie hat einen Durchmesser von 100 Zentimetern, wiegt 585 Kilogramm und hat den Schlagton as’. Die größte Glocke ist 30 Jahre jünger. Sie wurde 1645, drei Jahre vor Ende des 30-jährigen Krieges, gegossen und befand sich zuvor im schlesischen Friedland. 690 Kilogramm ist sie schwer, hat einen Durchmesser von 106 Zentimetern und den Schlagton ges’. Über die Glockeninschriften informiert ausführlich die Homepage der St.-Michael-Kirche (www.samiki.de/bho/dcms/sites/bistum/pfarreien/goemichael/index.html). Die älteste Glocke von St. Michael, die seit 1914 nicht mehr benutzt worden war, verstärkt heute das Geläut der katholischen Kirche St. Heinrich und Kunigunde in Grone.

Zu den Kunstschätzen von St. Michael gehört eine Kreuzigungsgruppe an der Chorwand aus dem Jahre 1909. Das älteste Kunstwerk der Kirche ist ein Kruzifix aus der Zeit um 1500, das an der nördlichen Seitenwand zu sehen ist. Die Michaelsstatue an der Fassade, gestaltet von dem Bildhauer Josef Baron, wurde im Zuge der Renovierung 1986 angebracht.
Die heutige Orgel wurde anlässlich der 200-Jahr-Feier der Kirche im Jahre 1989 errichtet. Sie stammt von der Orgelbaufirma Ludwig Eisenbarth in Passau und besitzt 32 Register, deren Disposition der Orgelsachverständige Günther Nörthemann und der verstorbene Kirchenmusiker Joachim Förster gemeinsam entwickelt haben.
In der kommenden Woche: die Glocken der Stephanuskirche.

Von Michael Schäfer

  • Den Podcast zu den Glocken von St. Michael finden Sie auf unserer Podcast-Seite.
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