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Sie hat rund 3,6 Millionen Heimkehrer begrüßt

Letzte Folge: Friedlandglocken Sie hat rund 3,6 Millionen Heimkehrer begrüßt

Friedland ist wohl der einzige Ort in der Region, in dem ein Glockenstuhl nicht auf einer Kirche, sondern zu ebener Erde steht. 1945 wurde auf dem Gelände eines früheren Versuchsgutes der Universität Göttingen ein Notaufnahmelager eingerichtet, das später Grenzdurchgangslager hieß und mit dem bis heute der Name Friedland verbunden ist.

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Friedlandglocke: Über den Rundfunk erklingt sie auch in russischen Gefangenenlagern.

Quelle: Hinzmann

Friedland. Mehr als 3,6 Millionen Menschen sind seit 1945 durch dieses Lager gegangen.

Die Glocke gehört zur Lagerkapelle – aber sie hat nicht nur zu Andachten und Gottesdiensten gerufen, sondern lange Zeit die im Lager neu Angekommenen begrüßt. So läutete sie bei der Ankunft der Heimkehrertransporte in den Jahren 1953, 1955 und 1956 sowie beim Eintreffen der geschlossenen Umsiedlertransporte 1957 bis 1959.

Diese Friedlandglocke, auch Heimkehrerglocke genannt, ist nicht aus Bronze, sondern eine Klanggussglocke, wie es in der frühen Nachkriegszeit die Regel war.

Gegossen hat sie 1949 die Firma Weule in Bockenem. Die Glocke wiegt 700 Kilogramm und wurde am ersten Advent 1949 eingeweiht. Eine Inschrift trägt sie nicht. Ihr Schlagton ist g’.
Ihr Klang blieb nicht auf das Lager Friedland beschränkt. Der Glockenklang wurde vom Rundfunk ausgestrahlt „bis in die Weiten der russischen Gefangenenlager“, wie es in einer Lagerchronik heißt. Darüber hinaus unternahm sie immer wieder Reisen: Sie läutete die Kundgebungen bei den Deutschlandtreffen der Heimkehrer in verschiedenen deutschen Städten ein.

Zunächst hatte die Glocke im Lager einen ebenerdigen Standplatz in einem hölzernen Glockenstuhl, der 1953 durch einen gemauerten ersetzt wurde. 1954 erhielt sie das Leuchtkreuz auf der Weltkugel, zwei Jahre später wurde eine elektrische Läutemaschine installiert. Seit 1970 hängt die Glocke in einem Stahlgerüst. Besungen wurde die Glocke mit einem Lied, dessen Text von Friedrich Hirsch und dessen Vertonung von Dankmar Venus stammt.

Die Lagerkapelle gehört zur evangelischen Inneren Mission. Ebenso wie sie kümmerte sich auch die katholische Caritas um die Ankömmlinge im Lager Friedland. Gleich gegenüber vom Lager steht die 1955 erbaute, am vierten Advent 1956 eingeweihte Heimkehrerkirche St. Norbert. Sie ist über ihre kirchliche Funktion hinaus ein ungewöhnliches Kunstwerk – auf vielfältige Weise spiegelt sich in ihrer Architektur und der Innenausstattung der Stil der 1950er Jahre, weshalb sie heute unter Denkmalsschutz gestellt ist. Architekt war der Göttinger Friedrich Wagener, der Anfang der 1970er Jahre auch das Göttinger Iduna-Zentrum entworfen hat.

Zu den Kunstschätzen der Kirche gehört ein Kreuzweg von Christa Adrian, das mehrteilige Relief „Gefangenenlager“ des Pforzheimer Bildhauers Fritz Theilmann, Kirchenfenster des expressionistischen Kirchenmalers Ludwig Baur aus Telgte, der zu dieser Zeit auch das Interieur des Hildesheimer Doms gestaltete, dazu Gemälde wie die Ölkreidezeichnung eines Heimkehrers „Madonna hinterm Stacheldraht“ und anderes mehr.
Das ewige Licht ist ein Geschenk des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer, ein Altarkreuz spendete der Bundespräsident Theodor Heuss. Es wurde allerdings im März 1963 gestohlen.

Im offenen Glockenturm der St.-Norbert-Kirche hängen drei Glocken mit den Schlagtönen fis’, a’ und h’. Zwei von ihnen stammen aus den früheren deutschen Ostgebieten. Die fis-Glocke mit 1,08 Metern Durchmesser und einem Gewicht von 735 Kilogramm wurde 1704 von Michael Wittwerck in Danzig gegossen. Sie hing früher in der Stadtpfarrkirche Frauenburg in Ostpreußen. Ihre Inschrift lautet: „Lobet Gott mit wohlklingendem Zimbel, mich machte Michael Wittwerck im Jahre 1704 Zu Ehren der großen Gottesmutter Jungfrau Maria und ihres Bräutigams des hl. Josef bin ich aus Ton zum Leben erstanden, Jahr 1704“.

Die kleinste Glocke mit 90 Zentimetern Durchmesser und einem Gewicht von 424 Kilogramm hat keinen Gießervermerk, sie stammt aus dem 15. Jahrhundert und läutete ursprünglich im oberschlesischen Welkersdorf. Sie trägt die Inschrift „Komm mit deinem Frieden wenn niemand ist der für uns streitet als du süßer Herr Jesus“. Neu angeschafft wurde 1956 die mittlere Glocke (Durchmesser 91 Zentimeter, Gewicht 450 Kilogramm), gegossen von der Glockengießerei Petit & Gebrüder Edelbrock im westfälischen Gescher, die ihre Handwerkstradition bis ins Jahr 1590 zurückführt.

Von Michael Schäfer

  • Den Podcast zu den Firedlandglocken finden Sie auf unserer Podcast-Seite.
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