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Sie läutet erst, wenn St. Jacobi schweigt

Folge 7: Evangelisch-Reformierte Kirche Sie läutet erst, wenn St. Jacobi schweigt

Die Evangelisch-Reformierte Kirche in Göttingen.

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Fünf Zentner schwer, gegossen 1753 von Johann Heinrich Christian Weidemann in Hannover: Glocke der Reformierten Kirche.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Die Reformation hatte in Göttingen nach der ersten lutherischen Predigt in der Paulinerkirche am 24. Oktober 1529 bald Fuß gefasst. Bei der Gründung der Universität 1734 – dies wurde in dieser Serie bereits erwähnt – gab es in Göttingen ausschließlich lutherische Kirchen, weil im Kurfürstentum Hannover nur dieses Bekenntnis galt.

Die junge Universität aber zeigte sich in ihren Planungen frei von konfessionellen Rücksichten. Auf den Lehrstuhl für Anatomie, Chirurgie und Botanik berief man den Wissenschaftler Albrecht von Haller, geboren 1708 in Bern, der bei seinem Dienstantritt 1736 gerade erst 28 Jahre alt war. Haller, Gründer des Botanischen Gartens der Universität, war als Schweizer nicht Lutheraner, sondern gehörte der evangelisch-reformierten Kirche an. Er vertrat selbstbewusst den Anspruch, dieses Bekenntnis auch öffentlich zu leben.

Zwar hatte er, als die Kirche im November 1753 eingeweiht wurde, bereits im März vorher Göttingen endgültig in Richtung Bern verlassen, doch geht der Kirchenbau tatsächlich auf Hallers Initiative zurück. Er habe in Bezug auf die Gemeindegründung, die Finanzierung der Kirche, die Findung des Bauplatzes und die spezielle amphitheatralische Bestuhlung „eine außerordentliche Beharrlichkeit“ bewiesen, hebt Iris Manso in ihrer 2009 erschienenen, sehr lesenswerten Studie über diese Kirche hervor (248 Seiten, Vandenhoeck & Ruprecht, 49,90 Euro) .

In der Tat ist diese spätbarocke Kirche mit ihrem ungewöhnlichen achteckigen Innenraum, der Architektur eines anatomischen Hörsaals („Theatrum anatomicum“) nachempfunden, ein architektonisches Kleinod. Die (einzige) Glocke der Kirche bietet allerdings nicht ganz so viel Anlass zum Stolz. Sie ist ein vergleichsweise bescheidenes Instrument. Auf äußeren Prunk legt die reformierte Kirche ja auch traditionell keinen gesteigerten Wert.

Gegossen wurde die Bronzeglocke mit dem Schlagton es’ 1753 von Johann Heinrich Christian Weidemann in Hannover, von dem auch die Glocken der hannoverschen Clemenskirche und die größte Glocke der Münsterkirche in Hameln stammen. Der Preis für die Glocke betrug 167 Taler, sie wiegt rund 250 Kilogramm und hat einen Durchmesser von 68 Zentimetern. Ihre lateinische Inschrift – schlicht wie der Ton – lautet übersetzt „gegossen für den Gebrauch der reformierten Kirche“.
Dieser „Gebrauch“ setzte erst wesentlich später ein. Bis 1808 blieb die Glocke stumm. Das Glockenläuten war zuvor an bestimmte Gemeinderechte gebunden, die den Reformierten nicht zustanden. Erst als Göttingen zum Königreich Westfalen unter Jérôme Bonaparte geschlagen wurde, erhielten hier alle Konfessionen Religionsfreiheit.
Die heutige Orgel der Kirche wurde 1969/70 vom Göttinger Orgelbauer Paul Ott gebaut und 1997 von Ingo Kötter renoviert. Sie steht in der ehemaligen Fürstenloge der Kirche: Zur Gemeinde gehörten in den ersten Jahrzehnten der Universität viele adlige Studenten aus Hessen, die ihrem Stand entsprechend platziert werden mussten. Das ist auch der Grund, weshalb der Fußboden dieser Loge etwas höher liegt als der Boden der Kanzel.

Der Klang der Glocke ist eher bescheiden. Deshalb wird sie heutzutage auch erst geläutet, wenn die Nachbarkirche St. Jacobi mit dem Einläuten des Gottesdienstes fertig ist: Um 10 Uhr startet für fünf Minuten die kleine Schwester in der Karspüle, und der Gottesdienst beginnt erst um fünf nach zehn. Als in den 70er Jahren der NDR einen Rundfunkgottesdienst aus der Reformierten Kirche übertrug, haben die Tontechniker lieber den vollen Klang des Jacobi-Geläuts am Vorabend aufgenommen, um damit akustisch Staat zu machen. Auch der despektierliche Spitzname, den die Glocke in der Gemeinde trägt, verweist auf ihren nicht ganz so vollen Klang. Sie heißt „unser Marmeladeneimer“.

Von Michael Schäfer

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