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Ein Oberbürgermeister, der seine Grenzen kennt

Zwischen Groß Ellershausen und dem Kiessee Ein Oberbürgermeister, der seine Grenzen kennt

Letzter Teil der Grenzgänge: Unterwegs mit Göttingens Oberbürgermeister Wolfgang Meyer und seinem Pressesprecher Detlef Johannson zwischen Groß Ellershausen und dem Kiessee.

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Lichtenberg zwischen Grenz- und Gedenkstein

Auf der alten Bahntrasse zwischen Dransfeld und Grone: Johannson, Stein, Meyer (v. l.) und starten in Groß Ellershausen.

Quelle: Vetter

Ausgerechnet den Oberbürgermeister Göttingens, Wolfgang Meyer, hat dieses Los getroffen. Der mit Abstand unattraktivste und letzte Abschnitt unserer Wanderung – landschaftlich betrachtet – liegt vor uns. So weist es die Karte aus. Noch dazu über die Autobahn, durch eine Unterführung, an der Eisenbahnlinie entlang. Dafür aber mit dem reizvollen Ziel Kiessee vor Augen.

Zunächst jedoch fahren wir erst einmal aus der Innenstadt los Richtung Groß Ellershausen. Und Meyer, frisch aus dem Urlaub zurück, hat eine Bitte: „Einmal über den Rosdorfer Kreisel“. Den habe er noch nicht gesehen und wolle sich ein Bild machen, warum die Linienführung, die seine Stadtverwaltung dort angebracht hat, denn so geschmäht werde. Fotograf Jan Vetter feixt und fährt fröhlich eineinhalb Mal rund um den Kreisel. Meyer erläutert derweil: „Das ist nun mal ein Unfallschwerpunkt, laut Polizei. Und da mußten wir etwas tun.“ Das fängt ja gut an, denke ich mir so. Kommunalpolitik also als Thema dieser Wanderung.

Es soll dann aber doch ganz anders kommen. In Groß Ellershausen, in der Straße „Zum Sonsfelde“, steigen wir einige Stufen hinauf auf den alten Bahndamm, auf dem man mühelos Richtung Leineberg laufen kann. Kaum sind wir oben, will der Oberbürgermeister die kleine Wanderkarte sehen: „Mein Vater war Landvermesser. Jedes Wochenende waren wir im Harz und sind nach Karte gelaufen. Das kann ja heute kaum noch jemand“. Er jedenfalls kann es. Wie ich später merke, auch ohne Karte. Wir laufen also los, der Fotograf filmt uns noch von hinten – für ein kleines Video über das Gesamtprojekt Göttinger Grenzgänge, das von heute an auch auf der Tageblatt-Internetseite zu sehen ist.

Schon sind wir mitten im Gespräch über die Stadt, die an ihre Grenzen stößt, was den weiteren Ausbau angeht.Es gibt kaum noch Bauflächen, dafür viel Wassereinzugsgebiet und geschützte Waldflächen. Wir nun müssen erst mal über die Autobahn und stehen sogleich auf einer alten Brücke über die A 7, unter uns lärmender, dichter Autoverkehr. Wenige Meter lang laufen wir exakt auf Stadtgrenze, die dann nach rechts in die Felder abschwenkt. Wir bleiben auf der alten Bahntrasse. Die Siekhöhe links von uns ist zwar kaum zu sehen, weil Bäume und Büsche den Blick verwehren. Meyer aber weiß genau, welche Firmengebäude man dort sehen könnte: Trinos beispielsweise, Opel oder das Steidlsche Verlagszentrum. Rechts unten dagegen liegt idyllisch und völlig versteckt das Gelände des Schäferhunde-Verein.

Jetzt gilt es, die Siekhöhenallee zu überqueren – drüben geht es auf der Bahntrasse weiter bis zum nördlichen Teil des Göttinger Stadtfriedhofes. Und eigentlich wollte ich unterhalb der Bahntrasse, entlang dem geplanten Gelände für ein Logistikzentrum laufen. Nicht mit diesem Oberbürgermeister. Der klettert voran einen Trampelpfad den Hügel hinauf, wobei wir die alte Bahntrasse links unter uns lassen, und erklärt fröhlich: „Von hier aus hat man den besten Blick“. Stimmt. Wenn man weiß, wie man hier hoch kommt. Vor allem hat man einen weiten Blick nach rechts ins Land und auf das Gebiet von Rosdorf sowie nach unten auf die ICE-Strecke. Auf einem richtigen Trampelpfad inmitten eines weißblühenden Feldes voll Schafgarbe marschieren wir hintereinander, was das Gespräch etwas erschwert. Nur kurz etwas zu Rosdorf, das immer näher an Göttingen heranwächst. Meyer amüsiert sich: „Dem dortigen Bürgermeister erzähle ich immer, Rosdorf sei schon auf dem richtigen Weg. Wenn sie bei uns angekommen sind, müssen wir nur noch das Ortsschild versetzen.“ Ich ahne schon, wie die Rosdorfer sich freuen werden, wenn sie das lesen....

Kurze Erinnerung daran, dass dieser Wall, auf dem wir jetzt laufen, eigentlich aus dem alten Lappenberg, einer Deponie, stammt. Und irgendwann das Sickerwasser daraus Richtung Groner Baugebiet floss. Großer Aufwand, Rohre wurden zehn Mieter tief gebohrt und mit Kies gefüllt, Drainagen gelegt, erinnert sich Meyer (damals Umweltdezernent) und an viel Unmut in der Bevölkerung. Alles vergessen, wir wandeln in der Schafgarben-Idylle, als plötzlich rechts von uns die Gleise regelrecht anfangen zu singen. Vorboten eines ICE. Und da kommt auch schon der erste, der „Frankental Pfalz“. Wenige Minuten der nächste, der ICE Crailsheim. Hier ist wirklich was los.

Vor uns rechts unten sind Kleingärten zu erkennen. Auch diese Geschichte kennt Meyer noch: „Die wurde umgesiedelt, als die neue ICE-Trasse gebaut wurde. Damals habe ich den späteren Stadtbaurat Norbert Klein kennengelernt. Der war damals noch bei der Eisenbahn und verhandelte mit den Kleingärtnern...“. Wir kraxeln den Hang wieder hinunter, gehen nach rechts unter der ICE-Trasse hindurch, an den Kleingärten „Hagenblick e.V. „vorbei. Und Meyer immer vorweg. Der Mann kennt seine Grenzen. Den Hunteweg hinein, rechts am Kinderhaus Leineberg und dem Bolzplatz („der wurde uns gestiftet“) vorbei. Diese Ortskenntnis ist mir langsam unheimlich. Bis Meyer gesteht: Hier sei er viele Jahre lang entlanggejoggt, kenne jede Ecke.

Einen kleinen begrünten Pfad entlang geht es weiter, an der Jugendvollzugsanstalt vorbei. Meyer kennt wirklich alles: „Dort hat mal unsere SPD-Ratsfrau Ingeborg Nahnsen gewohnt. Gleich kommen wir an den alten Ziegelei-Teichen vorbei.“ Man sieht etwas abgestandenes Wasser tief unter uns.. Meyer: „Was gab das damals einen Ärger um die Gelbbauchunke. Der Teich durfte eine bestimmte Wasserhöhe nicht über- und nicht unterschreiten.“ Johannson grinst und erinnert an den Ärger, den die Universität mit ihren Bauten mit einem anderen Tier hatte: „Man könnte sagen, die Gelbbauchunke war der Hamster der 70er Jahre.“ „Strengstens verboten“ sind hier laut Schild heute bis heute das „Betreten, Angeln, Baden und Spielen“. Schnell weiter.

Noch ein paar Erinnerungen an einen Klärschlammskandal früherer Zeiten, eine kurze Diskussion darüber, dass der ehemalige Rechtsdezernent des Landkreises, Peter Jürgens, mich per Mail um eine Richtigstellung gebeten hat: „Es gebe keine Grenzen zum Kreis, denn das „Göttingen-Gesetz Paragraph 1, Absatz, 1, Satz 1“, laute schließlich: „Die Stadt Göttingen wird in den Landkreis eingegliedert.“ Ebenfalls-Jurist Meyer nimmt es locker: „Die alten Grenzsteine hier haben das ja eindeutig widerlegt. Altes Recht bricht neues Recht“. Na das wird ja wieder ein Richtigstellungsbegehren geben. Johannson formuliert noch druckreif dazu: „Wir kennen unsere Grenzen, aber wir denken und planen grenzenlos.“

Bevor das so weitergeht, schneller Themenwechsel. Nicht schwierig, unser Ziel lockt: Das Waspo-Vereinsheim am Kiessee. Alle, die an dem Projekt Göttinger Grenzgänge beteiligt waren, sind geladen. Bier und Grillfleisch. Und viele nette Gespräche Es wird ein heiterer Abend. Nur über Grenzen haben wir dann nicht mehr gesprochen...

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