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Harzblick, Amazonas und Äthiopien-Erinnerung

Von der Mackenröder Spitze bis zur Roringer Warte Harzblick, Amazonas und Äthiopien-Erinnerung

Mein Bekannter Siggi hat mich gewarnt: „Mackenröder Spitze? Da verläuft man sich. Keine Schilder im Wald. Hab’ sogar schon eine Mail an den Stadtförster geschickt.“ Besagter Stadtförster Martin Levin erbarmt sich und fährt die unbedarften Wanderer doch lieber mit dem Wagen direkt an den Startort Mackenröder Spitze.

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Gleich sind sie 428 Meter über dem Meeresspiegel und auf dem Turm Mackenröder Spitze: Braukämper (links) und Johannson.

Quelle: Stein

Was sich nicht nur als sehr bequem erweist (Vorsicht: Für Normalbürger ist das Fahren im Wald natürlich strikt verboten), sondern auch als lehrreich.
Denn das kleine metallene Stück links neben der Straße hätten wir sicher übersehen und schon gar nicht erfahren, dass das Reste einer Untersuchung sind: Wissenschaftler wollten hier, in der Nähe von Herberhausen vor einigen Jahren herausfinden, wie das mit der Versickerung des Wassers in einem so artenreichen Wald funktioniert – um daraus Rückschlüsse für den tropischen Wald am Amazonas zu ziehen. Leider hat Förster Levin nie erfahren, was daraus geworden ist.

Wir fahren die Borheckstraße entlang, die tatsächlich auch die echte Stadtgrenze darstellt. Rechts von uns Kreisgebiet, links Stadtgebiet. Wo die Bäume (obwohl Südhang) deutlich dicker gewachsen sind als auf dem regenreicheren Nordhang. Levin weiß die Antwort: „Wir bewirtschaften eben intensiver, kümmern uns um die einzelnen Bäume …“ Und wer, bitte, war Borheck? Senator Carl Borheck war, so erzählt Levin, während wir die nach dem Senator benannte Waldstraße entlang fahren, eine Art Dezernent der Stadt Göttingen – allerdings ohne Sold, ganz ehrenamtlich, was sich der reiche Borheck leisten konnte. Der Magistrat übertrug ihm um 1890 den Wegebau im äußeren Stadtgebiet, also auch im heutigen Göttinger Wald. Borheck ließ eine lange, Kutschen-gerechte Strecke ausbauen – vor allem nach ästhetischen Gesichtspunkten, weshalb diese Straße sich durch zahlreiche Kurven auszeichnet.

Von der Mackenröder Spitze geht es steil nach unten: Die Stadtgrenze verläuft hier zu den Gemeinden Landolfshausen und Waake hin, exakt an dieser Abbruchstelle. Weshalb die Grenzsteine weiter drinnen im Wald stehen, die Kante rutscht schon mal ab. Levin weiß natürlich auch dazu eine Geschichte: Soll ein Bürger unterhalb der Mackenröder Spitze an Fuchslöchern zugange gewesen sein, als ihm ein Stück Wald entgegenrutschte. Er rennt nach Landolfshausen und schreit: „Rettet Euch, der Berg kommt.“

Der blieb dann doch wo er war. Und wir schauen einige Meter weiter auf den hölzernen Aussichtsturm mit dem schönen Namen „Harzblick“ auf 428 Metern Höhe stehen wir hier. Den Brocken sehen wir zwar nicht, dafür aber den Seeburger See. Ein wunderschöner Ausblick. Dazu weit und breit keine Menschen in diesem Waldgebiet.

Wir gehen lieber nicht auf der Bergkante entlang, sondern über die parallel verlaufende Borheckstraße immer den Berg hinunter. Mit dabei ist heute auch Stadtpressesprecher Detlef Johannson, der versprochen hatte, die Grenzen seiner Stadt auch einmal zu Fuß zu erkunden, aber zu den bisherigen Terminen keine Zeit gefunden hatte.

Erstaunt stehen wir wenige Schritte weiter vor einem Jmodernen Mast mitten zwischen den Bäumen. Laut Schild handelt es sich um einen „Solaren Betriebsfunksender der EAM“, der hier 1990 errichtet wurde, ergänzt um ein Erläuterungsschild über die Wirkung einer Solarzelle. Hat man wohl bei der EAM vergessen, die jetzt EON heißt…

Die obligatorische Brotzeit nehmen wir an einer Waldarbeiterhütte – und haben nun endlich Zeit, uns über andere Dinge zu unterhalten. Etwa darüber, was ein Ethnologe mit Grenzen zu tun hat? Eine ganze Menge, wie wir erfahren. Der Ethnologe Braukämper hat in seinem langen Forscherleben seit 1970 rund zwölf Jahre in Afrika verbracht, einen Großteil davon in Äthiopien, im Sudan und in Nigeria. Und natürlich seien es dort die willkürlich gezogenen Grenzen aus der Kolonialzeit, die in nicht unerheblichem Ausmaß für die gegenwärtigen Probleme und Krisen des Kontinentes verantwortlich sind. Ein eher kurzweiliges und mit Anekdoten gespicktes Thema sind jene persönlichen Grenzen, auf die der Ethnologe während seiner Feldforschungen stößt: etwa auf Wanderungen mit Hirtennomaden in der glutheißen Savanne, beim „Genuss“ von gewöhnungsbedürftigen Nahrungsmitteln oder bei der häufig von Zufallstreffern bestimmten Suche nach den kompetentesten Hütern der einheimischen Kulturtraditionen. Über die Grenzen des Faches Ethnologie, das sich der Untersuchung des Fremdphänomens und „exotischer“ Lebensformen widmet, liegt im übrigen inzwischen eine Fülle von Schrifttum vor. Weiter geht es im munteren Gespräch - etwa zum starken Interesse der Europäer speziell an Äthiopien, über die interessante Tatsache, dass ausgerechnet ein Enkel des äthiopischen Kaisers Haile Selassie mit seinem Buch mit dem Titel „Manieren“ in die deutsche Verkaufshitliste gekommen ist …

Wir merken gar nicht, wie die Zeit vergeht. Nach gut eineinviertel Stunden hören wir bereits den Autolärm der B 27, laufen aber nach wie vor durch lichten Buchenwald, bewundern einige alte Grenzsteine, die als Wegweiser dienen – und immer noch ist kein anderer Wanderer in Sicht. Kurz vor der letzten Wegekreuzung „Vor dem Hochwald“. Allerdings ein einsamerer Herr mit kleiner Karte auf der Suche nach dem Seckborn, wo sein Auto stehe.

Wir hingegen haben kein Auto geparkt, sondern sind nach etwa 400 Metern bereits jenseits der Bundesstraße. Hier verlassen wir auch die Stadtgrenze, die nach rechts weiterführt bis zur Roringer Warte. Aber davon mehr beim nächsten Mal. Wir sind nun auf einem Fahrradweg unterwegs Richtung Roringen, zur Bushaltestelle. Wieder einmal Glück: Der Bus kommt in exakt sechs Minuten und bringt uns in weiteren 15 Minuten zum Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB), direkt vor den Göttinger Bahnhof.

Eine Wanderung, die man sehr leicht nachvollziehen kann – vorausgesetzt, man hat es (ob vom Kerstlingeröder Feld oder von Herberhausen aus) erst einmal bis zur Mackenröder Spitze geschafft.

Nächste Folge: Mit Nils König, dem Mitorganisator des Göttinger Musik-Events „Linien“, und dem Musikkritiker Michael Schäfer von der Roringer Warte nach Deppoldshausen.

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