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Herr über sechs Millionen städtische Bäume

Von Geismar bis zum Hollandgrund Herr über sechs Millionen städtische Bäume

Wenn wir es ganz genau nähmen, müßten wir zwischen der Geismarer Steinmetzkurve und Diemarden links hinauf in den Wald laufen. Tun wir nicht. Wir starten neben dem Charlottenburger Wohnstift Richtung Kerstlinröder Feld.

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Vor dem Start am Göttinger Tageblatt: Lagebesprechung mit städtischem Forstamtsleiter Martin Levin (2. von rechts) und Tageblatt-Chefredakteurin Ilse Stein.

Quelle: HInzmann

Bei 30 Grad und sehr hoher Luftfeuchtigkeit (später am Abend wird sich ein Gewitter entladen) geht es den Berg hinauf. In zügigem Tempo. So ein Förster ist das gewohnt. Ich nicht. Dabei reden wir – eigentlich ohne Pause – und so angeregt, dass ich die Anstrengung irgendwann kaum noch spüre. Es geht um den Wald, in dem wir gerade gehen. Der gehört gar nicht zu Levins Zuständigkeitsbereich, sondern der Realgemeinde Geismar, die ihn wiederum vom Forstamt Reinhausen pflegen lässt: 300 Hektar, 1200 Eigentümer. Rechts von uns liegt die Stadtgrenze – und dahinter der Westerberg, der aber dennoch zu Göttingen gehört. Weil sich die Stadt das im Mittelalter quasi unter den Nagel gerissen hat.

Vom Mittelalter zu Otto dem Quaden, der Göttingen vom Hainberg aus bombardiert hat, aber verlor, weshalb er der Stadt als Reparation den großen und den kleinen Leineberg bei Settmarshausen abtreten mußte. Ein Zeitsprung um einige hundert Jahre – derweil haben wir vorsichtig zwei Blindschleichen, die mitten auf dem Gehweg liegen – überstiegen. Wir sind bei Förster Wallmann, der sich bereits um 1850 Gedanken über nachhaltige Forstwirtschaft gemacht hat und dem man zum Dank ein Denkmal setzte, den Wallmannort, den man heute noch auf detaillierten Stadtwald-Karten findet – kurz vor dem Södderich, mitten im Wald.

Levin erwartet nicht, dass ihm mal ein Denkmal gesetzt wird, dafür ist der derzeitige Herr über sechs Millionen Bäume (65 Prozent davon sind Buchen) viel zu pragmatisch und bescheiden. Aber die Liebe zu diesem Stadtwald („Obwohl ich aus dem Hunsrück mit dichten Fichtenbeständen komme“) spricht aus jedem Satz. Und eine enorme Geschichts- und Detailkenntnis. Von Wallmann kommen wir sofort auf das Stichwort Merkel – jenem legendären Julius Philipp Georg Merkel, der von 1871 an Bürgermeister und später Oberbürgermeister der Stadt Göttingen war. Auf Initiative Merkels sind der Bau zahlreicher Schulen, Wasserleitungen und Kanalisationen, ein Theater und viele andere Gebäude zurückzuführen. Vor allem aber war er ein „Quereinsteiger“, so Levin, in Sachen Wald. Oberhalb der später nach ihm benannten Merkelstraße (an die Schillerwiesen angrenzend) beginnt der Hainberg, den Merkel aufforsten ließ. Im unteren Bereich findet man heute noch eine Gedenktafel für ihn. Jener Merkel also machte sich schlau, um den damals als Schafweide und für Steinbrüche genutzten Hainberg in einen Wald umzugestalten. Wobei er, wie Levin herausfand, die unglaublichsten Bäume anpflanzte – etwa Pflaumeneichen oder Esskastanien. Hauptsache Baum eben.

Göttingens berühmter Baumeister Rohns soll ihn nachgeahmt und von seinen Arbeitern verlangt haben, dass keiner ohne einen Baum zur Arbeit zu kommen dürfe…
Soweit zur Geschichte. Wir streifen das Thema „Mensch, Wald und Wild“. Denn der Göttinger Wald steht unter Naturschutz, benötigt aber Jäger. Weshalb das Gelände in etwa zehn Pirschbezirke aufgeteilt ist, die sich die Jäger für jeweils eine Saison pachten. Dann wird ihnen exakt vorgeschrieben, was sie jagen dürfen: Beispiel: Zwei Rehböcke, ebensoviel weibliches Reh und Schwarzwild. Die Wildschweine nämlich, da ist Levin ganz deutlich, nehmen unglaublich zu, „drücken in die Städte“. Das werde man auch in Göttingen noch erleben. Fuchs und Marder seien ja ohnehin schon so zahlreich wie die Waschbären – und der Dachs sei auch im Kommen.

Wir laufen immer noch durch dichtes Waldgebiet, plaudern über die Forstwirtschaft und die Holzpreise. Kein Problem für Levin: „Wir arbeiten nachhaltig, warten, bis wir die dicken alten Bäume schlagen können, die sind wertvoller“ Und vor allem setze man auf seltene Bäume wie den Bergahorn – gesucht als Material für den Instrumentenbau und entsprechend gut bezahlt.

Unversehens – wir haben bisher erst zwei Wanderer gesehen – stehen wir auf dem Kerstlingröder Feld. Das entstand um 1300 durch Rodung des Göttingener Waldes, ein Dorf entwickelte, das aber nicht lange existierte. 1461 baute man einen Gutshof. Später kam eine, bei den Studenten sehr beliebte, Gastwirtschaft hinzu. Der Hainbund, der Göttinger Dichterkreis der Romantik, gründete sich hier 1772. Bis zum Jahre 1961 wohnten dort noch Menschen. Danach begann ein intensiver militärischer Übungsbetrieb, das Gut war schnell zerstört. Nur noch wenige Ruinen zeugen davon und die gelten als Kulturdenkmal. Auf den Flyern, die das Forstamt dazu auslegt, wird darum gebeten, das Gelände nicht zu betreten und kein Feuer zu entzünden. Wir entdecken mittendrin die Fahrräder einer Familie und hinter einer Mauer Reste eines Grillplatzes. Soviel zum Kulturdenkmal. Auch die Gruppe von Studenten, die wenige Meter zuvor liebevoll Insekten gesammelt hat, schaut ziemlich erstaunt, als ihnen gesagt wird, dass man solche Exkursionen bitte anzumelden habe. Was ein Naturschutzgebiet ist, steht offenbar nicht auf dem Lehrplan.
Wir wandern lieber weiter. Levin freut sich darüber, dass man es hier doch mit einem echten Bürgerwald zu tun habe – einem, in dem Menschen ehrenamtlich für Ordnung sorgen, das Gebüsch roden. Er finde immer wieder solche Gruppen. Auf diese Weise habe man nach dem Ankauf des Kerstlingeröder Feldes durch die Stadt vor etwa zehn Jahren auch den Bereich rechts von uns freigelegt ­ und den Weißdorn erhalten: „Den braucht der Neuntöter“. Wußte ich auch noch nicht. Dass der Neuntöter eine Vogelart ist, hingegen schon.

Hinter den Gutsruinen schreiten wir durch eine alte Zwetschenallee. Wobei die Wiese rechts von uns noch zahlreiche alte Apfelsorten zu bieten hat – wie Wissenschaftler erfreut festgestellt haben. Lein: „Solche, in die schon Schiller gebissen haben mag. Sie wissen doch, der hatte immer einen Apfel in der Schublade.“ Wusste ich nicht, ist aber nett zu hören.

In der Nähe ist auch eine der zehn bis zwölf Bänke, die Göttinger Bürger nach dem Kauf des Kerstlingeröder Feldes gestiftet haben. Eine davon ist Levins Lieblingsplatz. Wir werden ihn nicht verraten. Wir nähern uns langsam dem Ende unseres Weges, dort wo im Kohlgrund ein Forstauto auf uns wartet. Auf der Fahrt über Herberhausen zurück bewundere ich noch den Zeltplatz, auf dem jährliche Waldpädagogik-Treffen organisiert werden, sehe erstmals eine Geschwister-Buche, zwei durch Ast quer zusammengewachsene Bäume. Der Wald hat noch viele Geschichten zu bieten...

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Nächste Folge: Mit dem Ethnologen Ulrich Braukämper vom Hollandgrund nach Roringen.

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