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Leberblümchen, Teufelskralle und Seggenwiese

Von Deppoldshausen zur Kompostdeponie Königsbühl Leberblümchen, Teufelskralle und Seggenwiese

Unterwegs mit Dr. Rolf Callauch, Kustos des Neuen Botanischen Gartens und den Tageblatt-Lesern seit zehn Jahren als Kolumnist von Garten- und Pflanzenthemen ein Begriff. Von Deppoldshausen zur Kompostdeponie Königsbühl.

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Rolf Callauch, Ilse Stein und Detlef Johannson (von links) rätseln noch: Landen wir am Ende in Weende-Nord oder in Bovenden?

Quelle: Hinzmann

Dieses Mal wandern wir mit einem Nachschlagewerk. Rolf Callauch hat das grüne Büchlein mitgebracht: „Flora von Göttingen – Führer zu den wildwachsenden Pflanzen des Göttinger Muschelkalkgebietes“, von Henry Fuchs 1964 im Vandenhoeck & Ruprecht Verlag Göttingen herausgegeben. Wir starten in Deppoldshausen, wo es am Ende der ausgebauten Straße links in den Wald hineingeht. Stolze 763 solcher wildwachsenden Pflanzen hat Fuchs vor 46 Jahren rund um Göttingen erfasst – und Callauch, sein botanischer Nachfahre, ist sich sicher: „Viele davon gibt es heute nicht mehr.“ Doch eines gilt nach wie vor: Göttingen ist die artenreichste Region im gesamten Niedersachsen. Nirgendwo findet man eine solche Artenvielfalt wie hier in den Buchenwäldern der Stadt. Der städtische Pressesprecher lächelt erstaunt und freut sich. Noch etwas, womit diese Stadt punkten kann.

Selbst wenn viele Blumen und Gräser vielleicht nicht mehr existieren aus der Zeit um 1964 – wir finden jede Menge auf dieser Stadtgrenzen-Tour. Wobei wir nach Wegen suchen, die uns rund um den Osterberg nicht zuweit weg von der eigentlichen Stadtgrenze führen, die hier merkwürdige Kanten und Ecken zieht. Im Moment laufen wir im Bovender Forst und werden häufig gestoppt. Wer mit einem Botaniker unterwegs ist, sollte daran denken, dass dieser ganz offenkundig einen völlig anderen Blick auf die Natur hat, als wir Laienwanderer. Callauch: „Ich freue mich auch in jedem Urlaub darauf, was ich so entdecken kann.“ Hier also erst einmal den Deutschen Ziest. Nie gehört. Jetzt weiß ich es: Der Deutsche Ziest (Stachys germanica) ist eine Pflanzenart in der Familie der Lippenblüter und blüht von Juni bis September.

Dass er auch stinkt, erfahren wir wenige Sekunden später. Callauch lässt uns an den Wurzeln riechen. Der Befund: schwankt zwischen Geruch wie ein Putzlappen bis zu „altem Trainingshemd“. Dann gebe es auch noch den Alpenziest, der seinem Namen trotzend, vor allem im Norden Deppolds-hausens vorkomme. Der Ziest wächst gerne zwischen Wald und Acker – aber (das ist des Botanikers größte Trauer): Es gibt kaum noch Saumpflanzen, die Bauern legen ihre Felder heute bis direkt in den Wald hinein an – was wir wenig später oberhalb von Bovenden beispielhaft sehen werden.

Was aber ist denn nun eine klassische Pflanze für die Göttinger Region? Callauch zögert keine Sekunde: das Leberblümchen, das blaue Leberblümchen, das sei geradezu charakteristisch und werde im Norden von Göttingen kaum noch gesehen. Im restlichen Niedersachsen stehe es schon beinahe auf der Roten Liste. Was man vom Bärlauch nicht behaupten kann – dessen schon verblühte Reste begleiten uns weitere Strecken.

Wir schreiten munter aus und werden sofort wieder gebremst: „Das müssen Sie sich ansehen, Haselwurz, die riecht nach Pfeffer.“ Wir riechen an der Wurzel und tatsächlich. Wobei wir noch erfahren, dass es sich bei der Haselwurz um eine immergrüne Pflanze handelt. Der Weg geht inzwischen stetig bergab – wir hoffen, auch in die richtige Richtung, denn wie immer – nirgendwo auch nur der Rest eines Schildes oder eines sonstigen Hinweises.

Dafür rechts und links spannende Anblicke für unseren botanischen Führer: Zwiebelzahnwurz, Frühlingsplatterbse (schon verblüht), nesselblättrige Glockenblume („spät dran in diesem Jahr“). Hier einige Weidenröschen, hier Neophyten – also Pflanzen die viel Wasser in ihrem Stängel speichern, dort das kleinblütige Springkraut, das vor einigen hundert Jahren aus der Mongolei eingewandert ist. Worauf sich sofort eine längere Debatte darüber entwickelt, wie man mit den Forderungen, lediglich einheimische Gewächse in Neubaugebieten anpflanzen zu lassen, denn umgehen solle. Callauch ist zu höflich, es so zu formulieren – aber für Quatsch hält er das schon. Dann müsse man ja die Hälfte der hier blühenden Pflanzen entfernen…

Eindeutig einheimisch ist dagegen wenige Meter weiter die kleine Pflanze Rührmichnichtan (auf lateinisch noli tangere) und die Tollkirsche. Dann „Überraschung“: eine Orchidee, der Rote Sitter. Callauch ist von diesem ihm unbekannten Weg begeistert, ich im Moment weniger – ich zweifle an der Richtung. Da heitern mich Brombeeren („davon gibt es immer mehr“), Teufelskralle („auch so ein göttingentypisches Gewächs“) und Waldschlüsselblume auch nicht auf. Eher schon die Nieswurz (Callauchs Begeisterung ist erkennbar): Die Wurzeln dieser Pflanze habe man früher gemahlen und dem Schnupftabak zwecks besserem Niesen zugefügt. Aber hier hätte er sie nicht vermutet, die Nieswurz: „Eher so bei Jühnde.“

Nach einer guten Stunde: Blick aus dem Wald heraus auf das Leinetal und ein Neubaugebiet. Johannson zögert erkennbar, als ich ihn frage, welcher Teil von Weende das sei und ist sichtlich erleichtert, als wir gleich darauf feststellen: Wir sind bereits in Bovenden. Das ist nicht „sein“ Stadtgebiet.
Was er denn den Hausherren hier in diesem neuen Baugebiet für ihre schönen Vorgärten empfehlen könne, fragen wir Callauch. Rosen! Diese Südwestlage sei ideal, dazu der leichte Wind aus dem Leinetal – einfach perfekt. Von Rosen könne man auch nie genug haben…

Wir sind den Wurzelbruch hinunter und links über die Straße Im Dannensee bereits nach wenigen Minuten wieder an der Göttinger Stadtgrenze. Die nämlich begrenzt nördlich den Friedhof Junkerberg, über den wir jetzt gehen. Bei einer Gabelung des Weges entscheiden wir uns für rechts – und stehen unvermutet an einem kleinen Teich, der auf keiner Karte eingezeichnet ist, in dem Goldfische schwimmen – und die zu Callauchs Juchzer führen: „Seggen!“ Wir schauen verständnislos und müssen uns belehren lassen, dass diese Sauergrasgewächse in solch umfangreichen Formationen äußerst selten seien: „Um das meinen Studenten zu zeigen, muss ich sonst bis zum Seeburger See fahren.“ Göttingens Stadtgrenze hat doch viele schöne Entdeckungen zu bieten. Die weniger schöne: Um zum Endpunkt Königsbühl zu gehen, müssten wir nun die B 3 kreuzen, die ICE-Bahnstrecke, danach die Leine und dann die Autobahn.
Wir passen, verlassen erst einmal das Friedhofsgelände und denken an ein erfrischendes Getränk, nach diesem heißen Tag. Da hält „Frau Rose“ (welch passender Name) mit ihrem Auto neben uns, eine Callauch-Bekannte aus dem botanischen Förderverein und fährt uns kurzerhand zum La Romantica an der Kreuzung zur alten B 3.

Nächste Folge: Unterwegs mit Joachim Reitner, Professor für Geologie, zwischen Königsbühl und Bühlberg bei Esebeck.

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