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10. Mai 1933: Studenten organisieren Bücherverbrennung in Göttingen

Zeit des Terrors 10. Mai 1933: Studenten organisieren Bücherverbrennung in Göttingen

Zeitreise in eine Zeit des Terrors: Vor 80 Jahren, am 10. Mai 1933, riefen die gerade erst an die Macht gekommenen  Nationalsozialisten deutsche Haupt- und Universitätsstädte zu Bücherverbrennungen auf. Auf den Scheiterhäufen landeten die Werke jüdischer, pazifistischer, sozialkritischer und revolutionärer Autoren als „Schmutz und Schund“. Auch in Göttingen gingen Werke großer Denker und Literaten in Flammen auf.

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Beschimpfungen und Hasstiraden: Missliebige Literatur ließen die Nationalsozialisten 1933 auf dem damaligen Adolf-Hitler-Platz verbrennen.

Quelle: Städtisches Museum

Göttingen. Die Nationalsozialisten hatten Göttingen schnell und im Vergleich zum Rest Deutschlands überdurchschnittlich prozentstark erobert. „Die heutige Reichs- und Landtagswahl brachte im Stadtkreis 63,7% der Stimmen für die Regierung Hitler, im Landkreise 61,9% im Reichsdurchschnitt 52% der Stimmen“, notierte der Stadtschreiber am 5. März 1933 in der Chronik des Stadtarchivs.

Auch auf dem Stadtplan wurde der Machtwechsel sichtbar: Aus der Theaterstraße wurde knapp drei Wochen später die „Franz-Seldte-Straße“, der Theaterplatz hieß fortan „Adolf-Hitler-Platz“. Hier sollte 14 Tage später Weltliteratur verbrannt werden.

Auf einer Internetseite der Stadt, der Universität und der Jüdischen Gemeinde Göttingen unter dem Titel „Euch zum Trotz“ haben sich die Kuratoren einer 2008 konzipierten Ausstellung zur Bücherverbrennung mit der Stadtgeschichte, den Ereignissen des 10. Mai 1933 und den damaligen Tätern auseinandergesetzt.

Kuratoren der Ausstellung waren Friederike Schmidt-Möbus und Frank Möbus. Möbus, Publizist und Literaturwissenschaftler und Mitglied des SPD-Stadtverbandes Göttingen, ist auch in diesem Jahr am Gedenken an die nationalsozialistische Bücherverbrennung beteiligt – gemeinsam mit Thomas Oppermann, Bundestagsabgeordneter und SPD-Unterbezirksvorsitzender, als Redner bei einer Veranstaltung, die heute vor der Albani-Schule stattfindet.

Aufrufe, Übergriffe, Handlungsanweisungen

Nicht nur in der Bürgerschaft, auch an der Universität hatte sich die nationalsozialistische Gesinnung früh durchgesetzt. Der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund, in dessen Hand 1933 der geplante „Kampf wider den undeutschen Geist“ lag, war bereits 1926 gegründet worden.

Fünf Jahre später erzielte der Bund die absolute Mehrheit im studentischen Selbstverwaltungsparlament. Seine Mitglieder traten an der Uni und in der Öffentlichkeit zumeist in SA-Uniformen auf und waren auch an Übergriffen gegen die jüdische Bevölkerung beteiligt.

Aufrufe für eine „Aktion der Deutschen Studentenschaft gegen jüdische Zersetzung“ gab es bereits im April.

Zeitreise in eine Zeit des Terrors: Vor 80 Jahren, am 10. Mai 1933, riefen die gerade erst an die Macht gekommenen Nationalsozialisten deutsche Haupt- und Universitätsstädte zu Bücherverbrennungen auf.

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Genaue Handlungsanweisungen druckte am 5. Mai das linientreue Göttinger Tageblatt ab: „Der jüdische Geist, wie er sich in der Welthetze in seiner ganzen Hemmungslosigkeit offenbart und wie er bereits im deutschen Schrifttum seinen Niederschlag gefunden hat, muss ebenso wie der gesamte Liberalismus ausgemerzt werden“, forderten die Studenten martialisch.

Laut Aufruf planten sie einen „Scheiterhaufen der Schundliteratur“, öffentliche und private Bibliotheken sollten von missliebigen Werken „gesäubert“, die Schriften und Bücher an Sammelstellen abgegeben werden.

Mit den Büchern verbrannte Kultur

Am 10. Mai brannten die Werke Erich Kästners, Heinrich Manns, Carl von Ossietzkys, Kurt Tucholskys, Theodor Wolffs, Alfred Kerrs, Karl Marx‘ und vieler anderen Dichter und Denker sowie Schriften der politischen Opposition.

Laut Tageblatt wurde der Scheiterhaufen symbolträchtig auf dem Adolf-Hitler-Platz angezündet – nach Kundgebungen mit verleumderischen Parolen und Aufwiegelung der Massen durch Redner wie den Ratsherrn und Universitätsrektor Friedrich Neumann und Studentenschaftsführer Heinz Wolff. 

„Übermannshoch“ sei „der Berg von Unrat und Ungeist aufgetürmt“ gewesen, abgedeckt von „den Fahnen des Klassenkampfes“, schreibt das Tageblatt am 11. Mai. Das Kampflied „Burschen, heraus zu neuem Kampf“ wurde angestimmt.

„Der Ungeist, der Schmutz, die Gemeinheit sinkt in sich zusammen“, ereiferte sich der ungenannte Autor des Artikels weiter. Mit den Büchern verbrannte Kultur. Und leitete ein, was Heinrich Heine 1821 in anderem Zusammenhang aufgeschrieben hatte (in: Almansor): „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“

Gedenken

Der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 wollen die Göttinger Sozialdemokraten, der Deutsche Gewerkschaftsbund, das Jüdische Lehrhaus, die Jüdische Kultusgemeinde und andere Göttinger Organisationen am Freitag gemeinsam gedenken.

Die SPD-Veranstaltung „Euch zum Trotz“ beginnt um 16 Uhr auf dem Schulhof der Albani-Schule, Albani-Platz 1. Um 17 Uhr sollen im Anschluss an den ersten Teil Texte verfolgter Autoren vorgelesen werden.

„Verbrannt, verbannt – doch nicht vergessen“ heißt schließlich eine Abendveranstaltung am Sonntag, 12. Mai. Mitglieder der Göttinger Jusos lesen um 19.30 Uhr im Jungen Theater ebenfalls aus einigen der von den Nationalsozialisten vernichteten Werke.

 
Die Zeitreise...

...ist ein Geschichtsprojekt des Tageblattes und der Stadt Göttingen. Derzeit werden Filmaufnahmen und Fotografien vor allem aus den 1980er-Jahren, aber auch aus anderen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gesucht.

Kontakt: per E-Mail an redaktion@goettinger-tageblatt.de und Telefon 05 51 / 90 17 66. Das Portal der Göttinger Zeitreise ist zu finden unter: goettinger-zeitreise.de

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