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1973: „Als Arbeitskraft willkommen – auch als Bürger?“

Probleme von Gastarbeitern 1973: „Als Arbeitskraft willkommen – auch als Bürger?“

Noch in den 60er-Jahren ging man davon aus, dass sie gekommen sind, um Geld zu verdienen und dass sie nach einiger Zeit wieder in ihre Heimat zurückkehren. Von der Notwendigkeit zur Integration der sogenannten Gastarbeiter war damals deshalb auch kaum die Rede.

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Griechische Gastarbeiter 1963 in Göttingen: Motiv aus der Installation „Leere Koffer“ von Charalambos Ganotis, Fabian Stoltz, Irina Arnold und Anissa Finzi im Rahmen des Ausstellungsprojekts „Movements of Migration“.

Quelle: Stadtarchiv Göttingen

Göttingen. Aber viele Italiener, Griechen, Jugoslawen und Türken blieben – auch in Göttingen. Anfang der 70er-Jahre waren sie Teil der Gesellschaft – allerdings ein Teil, der eher unter sich blieb und mitunter sogar ausgegrenzt wurde.

„In der Stadt Göttingen leben etwa 3000 ausländische Arbeitnehmer mit ihren Familienangehörigen. Menschliche, soziale und wirtschaftliche Gründe machen es immer dringlicher, ihre Eingliederung in die Arbeitswelt und in unsere Gesellschaft zu erleichtern und zu fördern“, schrieben Oberbürgermeister Arthur Levi und Oberstadtdirektor Kurt Busch 1973 in ihrem Grußwort zu einer Sonderbeilage des Tageblatts.

Diese trug den Titel „Als Arbeitskraft willkommen – auch als Bürger unserer Stadt?“. Sie kam am 12. Dezember heraus. Das besondere daran: Die Texte und sogar die Anzeigen der zehnseitigen Beilage waren viersprachig – griechisch, jugoslawisch, türkisch und deutsch.

Ulla Borchard, damals verantwortliche Redakteurin, hat die Sonderbeilage aufgehoben. „Das Tageblatt war wohl die erste Zeitung in der Bundesrepublik, die sich der Probleme der Gastarbeiter in dieser Form angenommen hat“, erinnert sie sich.

Der damalige Verlagsleiter Bernd Dedecke, habe nach einer vermehrten Berichterstattung über die Situation der ausländischen Arbeiter den Ausschlag gegeben, „die Beilage anzupacken“, so die heute 72-jährige und ehemalige Leiterin des städtischen Amtes für Tourismus und internationale Beziehungen (1978 bis 2001).

Bundesweites Aufsehen

Auch Manfred Fritzsche, 1973 Anzeigenleiter beim Tageblatt, lobt den Mut und die Weitsicht Dedeckes. Die Göttinger Geschäftsleute seien damals der Idee gegenüber aufgeschlossen und von der Mehrsprachigkeit der Beilage angetan gewesen.

Indes sei die Sonderbeilage arbeits- und zeitaufwendig, und wegen der Mehrsprachigkeit auch teuer gewesen, erinnert sich der heute 76-Jährige.

Für die türkischen, griechischen und jugoslawischen Inhalte beauftragte das Tageblatt eigens Übersetzer. Ulla Borchard fällt dabei eine Anekdote ein, die heute zum Schmunzeln anregt, seinerzeit aber für Entsetzen der Beteiligten sorgte.

„Damals fiel eine Platte mit den fertig gesetzten Bleilettern herunter, und alle Lettern purzelten auf den Boden“, schildert Borchard. „Keiner von uns konnte die ausländischen Lettern wieder korrekt zusammensetzen. Es musste extra jemand geholt werden.“

Immerhin, die mehrsprachige Sonderbeilage des Tageblatts erregte bundesweit Aufsehen, weil sie etwas Neues war, aber auch, weil sie die Menschen auf die Situation der Gastarbeiter aufmerksam machte.

Auf die Lebensumstände der Gastarbeiter aufmerksam machen

Dedecke schrieb später an seine Mitarbeiterin Borchard: Auch wenn die Beilage „die Probleme der Gastarbeiter“ nicht habe erschöpfend behandeln können, „so wird diese Beilage doch dazu beigetragen haben, unseren Gastarbeitern das Gefühl zu geben, daß man sich um sie kümmert“.

Die Texte der Sonderbeilage handelten unter anderem von Hinweisen, die etwa „die Stimmung eines jugoslawischen Gastarbeiters in der Vorweihnachtszeit“ erklären sollten. Etwa damit, dass die Sozialistische Föderation Republik Jugoslawien ein Vielvölkerstaat sei, der sich aus drei Kulturkreisen zusammensetze.

„Die Tradition der Serben, Kroaten, Bosniaken, Mazedonier, Slovenen, Montenegriner, Albaner und der Ungarn, also die nationale Herkunft, ist der Schlüssel zum Verständnis der vorweihnachtlichen Stimmung der Gastarbeiter“, schrieb Borchard seinerzeit.

Auch praktische Hinweise für die Gastarbeiter gab die Beilage. So wurde darüber informiert, dass die Deutsche Bundesbahn „200 Sonderzüge in die Heimat“ fahren lasse und dafür eine höhere Fahrpreisermäßigung gewährt werde. Auch auf den „Arbeits- und Spielkreis für türkische Kinder“ wurde hingewiesen.

Großer Wert werde darauf gelegt, so heißt es in dem Bericht dazu, „daß neben den kleinen Türken auch Kinder anderer Nationalitäten in den Kreis kommen, denn die Türken sollen nicht nur untereinander Kontakte knüpfen, sondern Freundschaften auch außerhalb des Spielkreises fortsetzen können“.

„Die ist nämlich einfach faul, sonst fehlt ihr nichts“

Schon vor Erscheinen der Sonderbeilage berichtete das Tageblatt immer wieder über die Lebensumstände der Gastarbeiter und machte auf Missstände aufmerksam. Ulla Borchard hat einige der Texte archiviert. Besonders gut erinnert sie sich noch an den Fall einer 24-jährigen Jugoslawin.

Ruza L. habe monatelang unter quälenden Kopfschmerzen gelitten und sich schlapp gefühlt. Doch ihr Hausarzt habe trotz mehrerer Untersuchungen nichts bei ihr finden können. Im Tageblatt-Text vom 29. November 1973 wird der Mediziner zitiert: „Ja ich habe sie rausgeschmissen. Die ist nämlich einfach faul, sonst fehlt ihr nichts.“

Borchard schrieb damals auch den Folgeartikel unter dem Titel: „Aus Angst vor einer unheilbaren Krankheit stürzte sich 24-jährige Jugoslawin aus dem dritten Stock in die Tiefe.“ Möglicherweise habe es sich nur um ein sprachliches Missverständnis gehandelt, so formulierte es Borchard damals.

Und weiter: „Ihren Leidensweg beendete dieser Sprung in die Tiefe aber nicht. Die 24-Jährige überlebte ihn. Mit zerschmetterten Beinen lag sie in dem Hinterhof in der Weender Straße.“

Thema in der damaligen Berichterstattung war auch die oft „menschenunwürdige“ Wohnsituation der Gastarbeiter. Borchard beschrieb am 24. November 1973 den Fall von Karlo und Josef I..

„Nicht viel besser als Tiere im Stall“

Die beiden Jugoslawen, Vater und Sohn, hatten die Tageblatt-Redakeurin samt Fotografen in ihre „Bleibe in der Hannoverschen Straße“ eingeladen. „Seit März“, so Borchards Text, „hausen sie in einem 20 Quadratmeter großen früheren Gästezimmer im ,Gesellschaftshaus‘ in Weende.“

330 Mark hätten sie „für eine spärlich möblierte, schon baufällige Butze“ , die noch dazu unbeheizt gewesen sei, bezahlen müssen. „Die Toilette nebenan können sie nicht benutzen“, heißt es in dem Artikel weiter.

Und: „Ein Schild sagt warum: Wegen Einsturzgefahr geschlossen.“ Dass die beiden Männer „nicht viel besser“ gewohnt hätten, „als Tiere im Stall“, bringe sie fast täglich zur Verzweiflung, schilderten die Männer den Tageblatt-Mitarbeitern. Borchard zitierte Karlo: „Immer nur arbeiten, dann nach Hause kommen und nix Feuer, ist schon Scheiße!“

Dennoch gefalle ihm die Arbeit und er wolle noch bleiben. Skeptisch sei er allerdings, so steht es im damaligen Zeitungsartikel, „daß Gastarbeiter in Deutschland auf die Dauer willkommen sind“. Und wieder zitiert Borchard Karlo: „Wann Willy Brand sagt ,weg‘, dann müssen wir eben gehen.“

„Solidarität und Toleranz sind unerläßlich"

Übrigens kam in dem Bericht über Karlo und Josef I. auch Eckardt Modrach, damals kaufmännischer Angestellter der Firma Rettberg in Herberhausen, zu Wort: „Es ist im übrigen eine große Schweinerei vom deutschen Staat, daß beispielsweise ein verheirateter Jugoslawe wie Karlo oder sein Vater, die für ihre Frauen sorgen müssen, hier in die Steuerklasse I eingestuft werden, die für Ledige.“

Rückblickend glaubt Borchard, dass die Berichterstattung des Tageblatts dazu beigetragen habe, „dass die Leute hellhörig geworden sind“ und für die Gastarbeiter die „Situation um einiges besser“ geworden sei.

Levi und Busch stellten in ihrem Grußwort zur Tageblatt-Sonderbeilage fest: „Solidarität und Toleranz sind unerläßlich, wenn wir uns mehr als bisher jenes Minderheitenproblems bewußt werden wollen, das die immer größer werdende Anzahl von ausländischen Arbeitnehmern mit ihren Familien darstellt.“

► Alles zur Ausstellung Movements of Migration im Internet

Digitales Wissensarchiv und Zeitreise

„Movements of Migration – neue Perspektiven auf Migration in Göttingen“ unter diesem Motto präsentierten im März 2013 sieben Göttinger Künstler die Ergebnisse eines dreisemestrigen Forschungsprojektes am Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie der Universität Göttingen in einer Ausstellung.

Dazu zählte ein „Walk of Migration“ mit verschiedenen Stationen in der Stadt. Die Text-, Bild- und Tondokumente, die die Forscher zusammengetragen haben – weit mehr, als in der Ausstellung zu sehen waren – sind Teil des digitalen Wissensarchivs.

Es soll die nachhaltige Aufarbeitung und Archivierung der Göttinger Migrationsgeschichten garantieren, sagt Projektleiterin Prof. Sabine Hess. Vor allem soll das digitale Wissensarchiv weiterhin bestückt werden.

Kontakt: per E-Mail an s.hess@uni-goettingen.de und Telefon 05 51 / 392 53 49.

 
Die Göttinger Zeitreise ist ein Geschichtsprojekt des Tageblattes und der Stadt Göttingen. Derzeit werden Filme und Fotografien – vor allem aus den 80er-Jahren – gesucht. Kontakt: per E-Mail an redaktion@goettinger-tageblatt.de und Telefon 05 51 / 90 17 66.
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