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50er Jahre: Studenten verändern politische Kultur

Göttinger Zeitreise 50er Jahre: Studenten verändern politische Kultur

Zeitreise des Göttinger Tageblattes, Stadtarchivs und Städtischen Museums Göttingen: Nicht nur Privatleute, auch die Stadt stellt für die Geschichtswerkstatt Fotografien und Filmmaterial zur Verfügung. Darunter auch Bilddokumente, die zeigen, wie sich die Stadt in den 1950er Jahren von den erzkonservativen Grundmustern der Nachkriegszeit löst.

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1955: Protest gegen die Ernennung des Kultusministers Leonard Schlüter.

Quelle: Städtisches Museum Göttingen

Während der nationalsozialistischen Herrschaft war politischer Protest verboten. Auch nach Kriegsende untersagten die Besatzer öffentliche Versammlungen. Die Bevölkerung aber war ohnehin weit entfernt von abweichender politischer Meinungsäußerung: „Die politische Kultur vor dem Zweiten Weltkrieg und dem Nationalsozialismus war stark national-konservativ“, sagt Ernst Böhme, Leiter des Stadtarchives und Städtischen Museums. Daran schließe die Nachkriegszeit an.

Hinsichtlich eines Wertewandels nahm die Universitätsstadt in Deutschland nicht gerade eine Vorreiterrolle ein. „All das hat sich in Göttingen mit großer Verzögerung entwickelt“, betont Böhme. Begünstigt wurde das nationalistische Beharren durch die Stadtverwaltung, an der Spitze Oberbürgermeister Hermann Föge, „hoch angesehen, Gegner der Nazis, aber national-konservativ ausgerichtet“, beschreibt Böhme das Stadtoberhaupt der Jahre von 1948 bis 1956. Sprachrohr und Verstärker des deutschnationalen Milieus war das während der Zeit des Nationalsozialismus regimefreundliche Göttinger Tageblatt, „diese Stimmung hielt sich bis in die 60er Jahre“.

Zu Beginn der 50er Jahre begann sich, ausgehend von der Universität, das politische Klima zu verändern. Von 1951 an gab es Maikundgebungen, wiederbelebt unter anderem von den Gewerkschaften. 1952 polarisierte der schon unter den Nazis aktive Regisseur Veit Harlan anlässlich der Aufführung seines Films „Hanna Amon“ die Stadt. Es kam zu Studentenprotesten, Kundgebungen und Gegendemonstrationen, bei denen antisemitische Parolen laut wurden.

1953 erzürnte sich die Studentenschaft gegen einen Fackelzug korporierter Studenten im Zuge der städtischen 1000-Jahr-Feier, der von der Universitätsleitung verboten worden war (Tageblatt berichtete). Ab Mitte der 50er Jahre, so Böhme, war eine Veränderung spürbar. „Die Bereitschaft, sich mit der NS-Zeit auseinanderzusetzen, wuchs.“ Vor allem Studenten und jüngere Dozenten waren Initiatoren des Protestes.

Manchmal auch höhere Uni-Instanzen. Als Leonhard Schlüter, ehemals von den Nazis verfolgter Halbjude und nach dem Zweiten Weltkrieg ins rechtsextreme Lager übergewechselt, 1955 Kultusminister wurde, traten Rektor und Senat voller Sorge um das Ansehen der Universität zurück. Die Studentenschaft ging auf die Barrikaden. Tausende zeigten sich von 1957 an in Demonstrationszügen solidarisch mit den 18 Wissenschaftlern um Otto Hahn und Carl Friedrich von Weizsäcker, die sich mit einer „Göttinger Erklärung“ gegen die atomare Aufrüstung gewandt hatten. Diesmal gab es nicht nur aus dem Universitätsumfeld Unterstützung. Böhme: „Stellungnahmen kamen auch aus dem Rat und aus der Göttinger Bevölkerung.“

Infos über die „Göttinger Zeitreise“ unter der Internetadresse www.goettinger-zeitreise.de.

Von Katharina Klocke

Zeitreise des Göttinger Tageblattes, Stadtarchivs und Städtischen Museums Göttingen: Nicht nur Privatleute, auch die Stadt stellt für die Geschichtswerkstatt Fotografien und Filmmaterial zur Verfügung. Darunter auch Bilddokumente, die zeigen, wie sich die Stadt in den 1950er Jahren von den erzkonservativen Grundmustern der Nachkriegszeit löst.

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