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Als der Nabel noch aus Plexiglas war

Fußgängerzone 1975 Als der Nabel noch aus Plexiglas war

Es war eine Hassliebe in den 70er Jahren: die Göttinger und der „teuerste Plastik-Baumkuchen Deutschlands“ (Göttinger Tageblatt, 28. August 1977).

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Der Nabel: Die Kreuzung von Weender, Theater- und Prinzenstraße ist der zentrale Ort in der Fußgängerzone. Ab 1975 zierte eine rund fünf Meter hohe Plexiglas-Säule die Kreuzung.

Quelle: Reimer

Göttingen. Für die einen stellte der rund fünf Meter hohe, beleuchtete Brunnen mit Plexiglassäule auf der Kreuzung von Weender, Theater- und Prinzenstraße den „Clou“ für die Möblierung der noch jungen Göttinger Fußgängerzone dar. Andere hätten sich bei der Ausgestaltung des zentralen Platzes lieber „etwas Schmiedeeisernes, ein Gegenstück zum Gänseliesel“ gewünscht. Im Rückblick erinnert vieles an den jüngst mit Eifer geführten „Modullum-Modell-Seitenstraßen-Streit“ um die neuen Laternen für die Fußgängerzone.

Zerstört: Das erste Exemplar des „Baumkuchens“ hält vier Stunden, dann hatten „Rowdys“, die Säule zerstört.

Quelle: Archiv

Gehalten hat der Plexiglas-brunnen zwei Jahre. Denn der Ärger mit dem damals 50 000 Mark teuren Werk eines Kölner Künstlers begann früh, sehr früh. Nur vier Stunden hatte die erste Säule am Nabel gestanden, dann wurde der Brunnen in der Nacht vom 21. zum 22. Oktober 1975 das „Opfer von Rowdies“, wie der heutige Stadtsprecher Detlef Johannson im Tageblatt schreibt. Totalschaden. Entsetzt gibt sich der damalige Stadtbaurat Herbert Wiltenstein: „Wir wollten doch an dieser Stelle etwas errichten mit dem Ziel, die Stadt zu bereichern.“ Der Ersatz wird am 7. April 1976 aufgestellt. Doch mit dem Brunnen wird immer wieder Schabernack getrieben:  Mal gelb, mal rosa, mal lila färbten Unbekannte das Wasser in dem Brunnen. Einsetzender Algenwuchs brachte die Farbe Grün ins Spiel. Eine fehlende Entkalkungsanlage tat ihr Übriges. Pro Reinigung hatte die Verwaltung 380 Mark veranschlagt, mindestens alle drei Monate.

Im Juni 1977 wagte die CDU im Rat den entscheidenden Schritt: Die Säule muss weg, forderte sie und hatte die Spitzen der Verwaltung auf ihrer Seite. Die FDP zögerte noch und fragte nach den Kosten für Unterhaltung und Umsetzung der Säule. Und die SPD argumentierte, dass es das von der CDU beschriebene „einheitliche Stadtbild“ gar nicht gebe. „Neues und Altes muss verbunden werden.“ Die Stadt solle nicht vor „ein paar Schmierfinken“ kapitulieren und dem Bürger noch länger Gelegenheit geben, sich mit Kunst im öffentlichen Raum Raum anzufreunden, argumentierte SPD-Ratsherr Manfred Kahlweit damals. Und auch Oberbaurat Klaus Boie hielt „der Säule bislang treu die Stange“, schreibt Johannson. Boie: „Ich war dafür, dass die Säule dahin kommt. Ich bin auch dafür dass sie bleibt.Doch in Politik und Rathaus haben sich die Säulengegner in Position gebracht. CDU-Mann Günther Nahme machte sich für einen Kandelaber oder einen Findling stark. Stadtbaurat Wiltenstein schlägt eine „Brunnenschale mit fünf Wasserstrahlern oder eine Riesenplasitk“ vor.

Das Ende eines „traurigen Kapitels der Göttinger Gegenwart“, so Wiltenstein, kam im August 1977. Die Säule wurde abmontiert. Am Ende kostete das „Desaster“, wie es das städtische Rechnungsprüfungsamtes 1978 formulierte, 80 000 Mark. Als Lehre, so hieß es, sei es nur opportun, solche Bau- und Kunstwerke uneingeschränkt der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, die vom Material und von der Konstruktion her die Wahrscheinlichkeiten böten, durch verständnislose Menschen nicht zerstört zu werden. Seit 1982 steht an der Stelle eine massive Bronzeplastik. Ohne Brunnen.

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