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Göttinger Zeitreise Vor 40 Jahren kommt Terry Schofield aus Los Angeles nach Göttingen
Thema Specials Göttinger Zeitreise Vor 40 Jahren kommt Terry Schofield aus Los Angeles nach Göttingen
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19:40 16.10.2013
Freunde seit 40 Jahren: Göttingens Meistercoach Terry Schofield (r.) und Walther Meyer, sein früherer Trainer und Spartenleiter beim SSC. Quelle: Vetter
Göttingen

Brauchen wir zur Stärkung‘ lautete die Antwort auf meine erstaunte Frage.“ Für den 25 Jahre alten US-Amerikaner eine bizarre Szenerie und ein Verhalten, das dem Absolventen der University of California in Los Angeles (UCLA) bis dahin undenkbar erschien.

Schofield war Ende der 60er- und Anfang der 70er-Jahre einer der Stars der Bruins, die dreimal in Folge (1969 bis 71) amerikanischer Collegemeister wurden.

Unter Trainerlegende John Wooden, der den NCAA-Titel zwischen 1963 und 1975 zehnmal holte, spielte er zusammen mit dem späteren NBA-Star Kareem-Abdul Jabbar, der damals noch Lew Alcindor hieß, und seinem Freund John Ecker, dem späteren Ehemann von Leichtathletik-Doppelolympiasiegerin Heide Rosendahl, der nach seinem UCLA-Abschluss beim SSC-Konkurrenten TuS Bayer Leverkusen angeheuert hatte.

Ecker war es auch, der Schofields Wechsel nach Göttingen initiierte. „John wusste, dass mein Engagement in Bordeaux geplatzt war und der SSC als einziger deutscher Klub die Ausländerposition – nur eine war erlaubt – nicht besetzt hatte.

Er rief bei Walther Meyer, dem Abteilungsleiter des SSC und Coach des Bundesligateams, an – und der setzte alle Hebel in Bewegung, damit ich nach Göttingen komme“, erzählt Schofield. Nachdem Meyer vom SSC-Vorsitzenden August Schütte grünes Licht bekommen hatte, einigte er sich mit dem früheren UCLA-Star auf den Wechsel.

Eingeschlagen wie eine Bombe

Für 600 D-Mark im Monat und die Zusage einer Lektoren-Stelle im Englischen Seminar der Georgia Augusta, die Schofield bis zur Pensionierung Ende September dieses Jahres innehatte. „Meine Mutter hat auf dem Atlas Göttingen gesucht und festgestellt, dass es nur 15 Kilometer entfernt vom Eisernen Vorhang liegt. ,Da lasse ich dich nicht hin. Was ist, wenn die Russen einmarschieren‘, hat sie gesagt. Ich hab es trotzdem gemacht“, lacht Schofield.

Beim SSC schlug er ein wie eine Bombe. „Mein erstes Spiel – gegen den Deutschen Meister Bayer Leverkusen mit meinem Freund John Ecker – haben wir zwar knapp verloren, aber ich habe über 50 Punkte gemacht und wurde in der Saison mit 43 Punkten im Schnitt Topscorer der Liga“, erinnert sich Schofield.

Zu Meyer, mit dem ihm bis heute eine enge Freundschaft verbindet, habe er sofort einen Superdraht gehabt, erzählt der seit vielen Jahren mit Frau und Tochter in Angerstein lebende Amerikaner: „Nicht zuletzt wegen Walther bin ich in Göttingen geblieben, und Walther hat sich erfolgreich für mich eingesetzt, als mich der SSC nach meiner ersten Saison als Trainer 1978 feuern wollte, weil wir die Playoffs knapp verpasst hatten.

Ich durfte bleiben, und zwei Jahre später waren wir Deutscher Meister“, erinnert Schofield an den ersten von drei nationalen Titeln, die SSC beziehungsweise ASC (nach der Fusion 1980 mit der TG 46) unter der Ägide Schofield neben zwei DBB-Pokalsiegen bis 1985 feiern konnten. Mit seinem Nachfolger Wilbert Olinde auf der Ausländerposition, der ebenfalls für UCLA gespielt hatte.

Familiäre Atmosphäre

Der 1928 geborene Meyer war schon vor dem Zweiten Weltkrieg von Emil Göing, einziges Mitglied des deutschen Olympiateams 1936 aus Göttingen, mit Basketball infiziert worden. 1947 war Meyer, später stellvertretender Abteilungsleiter der Gothaer-Versicherungen, Mitbegründer der Basketball-Sparte beim SV Hellas und von 1948 bis 1977 deren Abteilungsleiter (auch nach der Fusion 1969 mit dem Schwimmverein Göttingen zum SSC).

Zudem war er Spielertrainer, organisierte schon 1948 die erste Deutsche Meisterschaft in Göttingen, und war ab 1963 Coach des Bundesligateams, bis ihn Schofield 1977 ablöste.

Walther war aber nicht nur Abteilungsleiter und Trainer“, unterstreicht dessen Nachfolger. „Er hat nach Training und Spielen die Halle sauber gemacht, hat mit aufgebaut und Getränke verkauft. Vor allem aber war er wie ein Vater für alle Spieler. Wir konnten jederzeit auch mit persönlichen Problemen zu ihm kommen.

Ich war ungeheuer beeindruckt von der familiären Atmosphäre und dem lockeren Umgang in Göttingen. Das kannte ich aus den USA überhaupt nicht. Auch später als Trainer in Bamberg habe ich das nicht erlebt. Da wurde mir in meiner ersten Saison sogar mit Kündigung gedroht, weil ich nach einem Sieg mit durch die Kneipen gezogen bin. In Göttingen war das nie ein Problem“, versichert Schofied.

Leidenschaft Nachwuchsarbeit

Auch Meyer schwärmt noch heute von den vielen gemeinsamen Erlebnissen – wie vom letzten Spiel der Saison 1973/74, als es gegen den BSC Köln in der Wörthhalle um den Klassenverbleib ging. „Die Halle war für 450 Zuschauer konzipiert, doch gut 2000 drängten sich in jeder Ecke und Fensternische.

Weil der Boden wegen der hohen Luftfeuchtigkeit extrem rutschig war, haben wir uns Puder von den Tänzern besorgt und auf dem Spielfeld verstreut“, erzählt er. „Gegen die Glätte hat es ja auch geholfen, aber beim Dribbeln warst du in eine dichte Staubschicht gehüllt“, ergänzt Schofield. Immerhin: Der SSC gewann und blieb in der ersten Liga. Der Kölner Protest wurde vom DBB-Beobachter abgelehnt.

Leidenschaft von Meyer und Schofield war die Nachwuchsarbeit. Gemeinsam trainierten sie die A-Jugend des Vereins, die in ihrer Zeit mehrmals Deutscher Meister wurde, und als Bundesliga-Coach rekrutierte Schofield („Im ersten Meisterteam spielten sieben Göttinger“) die heimischen Talente zum Teil auf ungewöhnliche Weise:

„Ich hatte gehört, dass es in Waake einen 17-jährigen, 2,04 Meter großen Fußball-Torwart namens Armin Sowa gibt. Ich bin hingefahren, habe mit seiner Mutter gesprochen und ihn überredet, auf Basketball umzusteigen. Ein paar Jahre später war er einer der besten deutschen Center und Kapitän des Nationalteams. Und Ecki Lodders habe ich zum ersten Mal auf einer Freibadwiese gesehen.“

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