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Die „geflickschusterte Verwaltung“ zusammenlegen

Neues Rathaus, Teil 1 Die „geflickschusterte Verwaltung“ zusammenlegen

Es ist eines der Göttinger Wahrzeichen und prägt die Silhouette der Stadt: das 17-stöckige Neue Rathaus. Mit seiner Entstehung beschäftigt sich eine zweiteilige Zeitreise bis in die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Heute der erste Teil: das Jahrzehnt des Pläneschmiedens.

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Noch kein Rathaus in Sicht: Das klassizistische Amtshaus am Geismar Tor sollte erhalten werden.

Quelle: Paul

Von der umgebauten Halle der Kaufleute und Tuchhändler aus wurde seit dem 14. Jahrhundert die Hansestadt Göttingen verwaltet: Zwischen 1369 und 1443 war das am Markt gelegene Rathaus entstanden. Rund 600 Jahre lang erfüllte es seinen Zweck – bis sich die Einwohnerzahl vervielfachte. Durch die Universitätsgründung (1734) und den Eisenbahnanschluss (1854) siedelten um 1900 bereits 30 000 Menschen im Stadtgebiet. Die städtische Verwaltung benötigte mehr Raum. 1902 wurde das Stadthaus, heute Stadtbibliothek, an der Gotmarstraße gebaut. Göttingen wuchs immer weiter: Flüchtlingszuzüge nach Ende des Zweiten Weltkrieges und erste Eingemeindungen 1963 und 1965 führten zu einem rasanten Bevölkerungsanstieg .

Es ist eines der Göttinger Wahrzeichen und prägt die Silhouette der Stadt: das 17-stöckige Neue Rathaus. Mit seiner Entstehung beschäftigt sich eine zweiteilige Zeitreise bis in die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts.

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Mitte der 60er-Jahre lebten nach der städtischen Stadtistik 110 000 Menschen in der Stadt.   Rund 10 000 Einwohner kamen hinzu, als 1973 weitere Nachbargemeinden angeschlossen wurden. Der Stadtrat tagte seit Kriegsende behelfsmäßig in der Aula der Voigtschule, dann im Jugendfreizeitheim. Die städtische Verwaltung war an rund 20 verschiedenen Orten untergebracht. Göttingen besaß eine „dezentralisierte, geflickschusterte Verwaltung“, deren Wege „für den Bürger zur Odyssee geworden“ waren, stellte 1978 Oberstadtdirektor Kurt Busch in einer Tageblatt-Kolumne zum Rathausbau fest.

1965 kaufte die Stadt den Reitstall, „das Land ließ ihn verfallen“, erinnert sich Hans Schlüter, damals als Bauoberamtsrat in Diensten des städtischen Hochbauamtes und in den 70er-Jahren Mitglied einer Arbeitsgruppe der Stadtverwaltung zur Vorbereitung des Rathausbaus am Geismar Tor. Der Rat beschloss 1969, die Planung für einen Rathausneubau auf dem Areal des mittlerweile abgerissenen Reitstalls durch einen Architektenwettbewerb einzuleiten. „100 Büros machten mit“, berichtet Schlüter, heute 86 Jahre alt. „Rund 21 000 Quadratmeter Fläche sollten bebaut werden, weil die Stadtwerke mit eingeplant waren“, weiß Heinrich Matthies, ehemals Architekt bei Brütt und Matthies.

Schlüter

Schlüter

Quelle:

Der Flächenbedarf hatte sich vier Jahre zuvor aus einer Voruntersuchung ergeben. Dezernate, Ämter, Stadtbücherei und VHS sollten im neuen Verwaltungsgebäude untergebracht werden. Auch ein Kaufhaus mit Parkhaus gehörten zum Konzept. Nach der Voruntersuchung schieden neun Standorte aus. Übrig blieben das Reitstallgelände und der Platz am Geismar Tor.

Matthies

Matthies

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Den Wettbewerb für das Reitstallareal gewann ein Braunschweiger Archiktekturbüro, sagt der 86-jährige Matthies, seit 1995 im Ruhestand. Auch Schlüter erinnert sich an Details: „Die Pläne hatten einen Kostenrahmen von 60 Millionen Mark, der aber sicher noch überschritten worden wäre.“ Zu teuer für eine Stadt, die viele große Projekte zu schultern hatte. Es gab einen weiteren Grund, warum aus dem Verwaltungszentrum am Weender Tor nichts wurde: Die Verhandlungen zum kauf weiterer Grundstücke liefen schleppend, erklärte Busch im Tageblatt-Artikel von 1978. Das habe im Zusammenspiel mit steigenden Baupreisen dazu geführt, dass „die Pläne in der Schublade blieben“.

Die Dringlichkeit für den Bau eines neuen Verwaltungsgebäudes wuchs jedoch mit weiteren Eingemeindungen Anfang der 70er-Jahre. Den Ausschlag für den bereits angedachten Standort am Geismar Tor gab laut Maren Christine Härtel („Göttingen. Geschichte einer Universitätsstadt, Band 3) unter anderem die direkte Nachbarschaft zum 1956 errichteten Landkreisgebäude. „Außerdem besaß die Stadt dort schon einige Grundstücke“, erzählt Schlüter.

1974 startete die Stadt eine „beschränkte Ausschreibung eines Gutachtens zur Erlangung von Entwurfsvorschlägen für den Neubau eines Verwaltungsgebäudes in Göttingen“. Schlüter: „Wir suchten aus den Wettbewerbsteilnehmern drei Göttinger Büros aus, die gute Entwürfe eingereicht hatten“. Darunter Jochen Brandi, Brütt und Matthies sowie Friedrich Wagener. Das klassizistische Amtshaus musste erhalten werden. Andere angrenzende Häuser sollten gekauft und abgerissen werden. „Wir bekamen ein Raumprogramm und mussten verbindliche Kosten berechnen“, sagt Matthies. Nach Vorliegen der Gutachten stellte die Jury fest, dass die Fläche für die angestrebte große Lösung zu klein war. Zwei der Architekturbüros – Brütt/Matthies und Wagener – mussten ihre Entwürfe zusammenlegen und gemeinsam überarbeiten. 1975 erhielten die Architekten den Zuschlag für den überarbeiteten Gemeinschaftsplan.

Die Göttinger Zeitreise ist eine Geschichtswerkstatt des Tageblattes und der Stadt Göttingen. Informationen im Internet unter goettinger-zeitreise.de.

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