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Entstehung des Neuen Rathauses, Teil 2

Wöchentlich ein Stockwerk Entstehung des Neuen Rathauses, Teil 2

Es ist eines der Göttinger Wahrzeichen und prägt die Silhouette der Stadt: das 17-stöckige Neue Rathaus. Mit seiner Entstehung beschäftigt sich eine  zweiteilige Zeitreise bis in die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Heute der zweite Teil: Turmbau am Geismar Tor.

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Großbaustelle: Um einen Kern herum werden die Stockwerke des neuen Verwaltungsgebäudes aufgebaut.

Quelle: Raulf-Archiv

Die Architekturbüros Gerhard Brütt / Heinrich Matthies sowie Friedrich Wagener hatten 1975 als Arbeitsgemeinschaft den Auftrag zum Bau des geplanten neuen Verwaltungsgebäudes erhalten. Anregungen holten sich Architekten und städtische Auftraggeber bei einer Rundreise durch deutsche Städte: „Bevor endgültig über die Pläne entschieden wurde, sahen wir uns die Rathäuser in Wolfsburg, Münster und Offenbach an“, erzählt Zeitzeuge Hans Schlüter, als ehemaliger Mitarbeiter des städtischen Amtes für Hochbau in den 70er-Jahren maßgeblich an der Planung beteiligt.

Auch ein Detail stand im Mittelpunkt der Besichtigungstouren: Der künftige Ratssaal sollte rund ausgestaltet sein und ohne akustische Hilfsmittel auskommen. „Das wünschte sich Oberstadtdirektor Kurt Busch“, erinnert sich Heinrich Matthies, Architekt im Ruhestand. „Für die Planung der Verwaltungsräume befragten wir die Ämter, weil ihnen ein Mitspracherecht bei der Gestaltung eingeräumt werden sollte.“ Im Februar 1976 beschloss der Rat den Beginn des Bauvorhabens. „Kampfabstimmung um neues Rathaus – Aber jetzt wird endgültig gebaut“, lautete am 7. Februar die Schlagzeile im Göttinger Tageblatt. Der Auftrag ging an die Bietergemeinschaft Raulf /Ebel/Dawe. Veranschlagte Kosten: rund 33 Millionen Mark. Mit dem Beschluss billigte der Rat auch, das entstehende Verwaltungsgebäude künftig als „Neues Rathaus“ zu bezeichnen.

Gebaut werden sollte in drei Abschnitten: Turm mit Ratssaal, Parkdeck und darüber zwei flache Bürotrakte sowie ein Nebengebäude an der Reinhäuser Landstraße. Bald darauf wurde die Baustelle am 82er-Platz (heute Hiroshimaplatz) eingerichtet. Eine riesige Baugrube entstand. Im Mai war das Fundament fertiggestellt: Rund 2,60 Meter hoch verschlang es 500 Tonnen Eisen und 3200 Tonnen Beton, berichtete das Tageblatt am 3. des Monats. Es gab einen Verorgungsengpass: „Drei Tage lang war in Göttingen kein Beton aufzutreiben“, hieß es in dem Zeitungsbericht. Die Göttinger konnten nahezu stündlich den Baufortschritt verfolgen: „Die Wirbelsäule des neuen Rathauses wächst jede Stunde um 16 Zentimeter“, titelte das Tageblatt. Wöchentlich entstand so ein Geschoss des achteckigen Turms.

85 Arbeiter arbeiteten rund um die Uhr im Schichtdienst. 70 davon waren arbeitslose Handwerker aus dem Baugewerbe, für deren Beschäftigung die Bundesanstalt für Arbeit der Stadt Göttingen einen Zuschuss zahlte. Im Dezember wurde für den ersten Bauabschnitt Richtfest gefeiert. Mittlerweile hatte sich herausgestellt, dass der rund 70 Meter hohe Rathausturm nicht nur rein optisch als Riese erschien.

Es ist eines der Göttinger Wahrzeichen und prägt die Silhouette der Stadt: das 17-stöckige Neue Rathaus. Mit seiner Entstehung beschäftigt sich eine  zweiteilige Zeitreise bis in die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Heute der zweite Teil: Turmbau am Geismar Tor.

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Auch für Fernseh- und Rundfunkwellen erwies sich das Gebäude als schier unüberwindbares Hindernis. „Machtlos gegen TV-Störungen im Schatten des gigantischen Turms“ titelte das Tageblatt, als es sich am 15. Januar 1977 mit Störungen des TV-Genusses von Rathaus-Anliegern beschäftigte. Im Schatten des Bauwerks versagten Rundfunk- und Fernsehantennen. Die Erklärung eines Fernsehtechnikers: „Beton und Eisen stören jeden Empfang oder nehmen ihn gänzlich weg.“ Die Antennen wurden auf den Sender am Hohen Meißner ausgerichtet, um das erste und zweite Programm wieder störungsfrei zu empfangen. NDR III ging einigen Göttingern jedoch dadurch verloren. Über ihren Bildschirm flimmerte fortan das dritte Fernsehprogramm des Nachbarlandes Hessen.

Im Februar 1977 beschloss der Rat der Stadt, den zweiten Bauabschnitt, eigentlich erst für das Jahr 1980 vorgesehen, parallel zu starten, um erneut Zuschüsse und ein zinsgünstiges Darlehen der Nürnberger Arbeitsvermittler zu bekommen. Die Architektenbüros arbeiteten fieberhaft an der weiterführenden Planung während unter städtischer Bauleitung die Arbeiten auf dem 82er-Platz weitergingen. „Einmal in der Woche hatten wir eine Baubesprechung mit Architekten, Ingenieuren und Verwaltung“, erinnert sich Schlüter. Im April 1978 entschied der Stadtrat, den dritten Bauabschnitt – das heutige Stadtarchiv –  anzugehen, was bis Herbst 1980 in die Tat umgesetzt wurde. Die bereits fertiggestellten Gebäude des ersten und zweiten Bauabschnitts waren im September 1978 bereit für den Einzug.

Am 8. Dezember sollte das Neue Rathaus offiziell und mit vielen Gästen eröffnet werden. Am Tag des großen Festes aber zeigte sich der Winter von seiner unfreundlichen Seite: „Gegen 17 Uhr sollte es losgehen, um 16 Uhr kam der Eisregen“, erzählt Schlüter. Viele Gäste von außerhalb blieben aus, andere mussten von der Feuerwehr abgeholt werden, weil sich, so berichtete das Tageblatt tags darauf, nicht einmal Göttingens Taxifahrer auf die Straßen wagten.

Nicht immer verlief die Anreise der Gäste, die sich dennoch auf den Weg gemacht hatten, ohne Komplikationen. Ein Besucher rutschte aus und brach sich die Hand. Andere schlidderten im Schneckentempo über die Autobahn nach Göttingen: „Der Oberbürgermeister aus Kiel, ein Freund von Busch, kam mit zweistündiger Verspätung an“, erinnert sich Matthies. Schlüter traf die Tücke des Winters erst auf dem Heimweg.  „Ich musste auf Socken gehen und mich am Zaun den Berg hochziehen.“

Die Göttinger Zeitreise ist eine Geschichtswerkstatt des Tageblattes und der Stadt Göttingen. Informationen im Internet unter goettinger-zeitreise.de.

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Es ist eines der Göttinger Wahrzeichen und prägt die Silhouette der Stadt: das 17-stöckige Neue Rathaus. Mit seiner Entstehung beschäftigt sich eine zweiteilige Zeitreise bis in die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Heute der erste Teil: das Jahrzehnt des Pläneschmiedens.

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