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Forschungsprojekt der Universität Göttingen: Migration in Göttingen

Verdrängte Realität Forschungsprojekt der Universität Göttingen: Migration in Göttingen

Je kleiner die Stadt, in der sie leben, um so größer scheint die Angst der Menschen, über ihre eigene Migrations-Geschichte zu berichten. Diese Erfahrung hat das Forscherteam um Sabine Hess, Professorin am Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie der Uni Göttingen gemacht.

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60er-Jahre: Deutsche und griechische Frauen in der Großküche des Uniklinikums.

Quelle: „Movements of Migration“ / EF

Göttingen. Während eines einjährigen Projektes versuchten 14 Studierende der Geschichte und Gegenwart der Migration in Göttingen nachzuspüren. Etliche Gespräche seien erforderlich gewesen, um überhaupt erst einmal das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, schildert Hess. Es sei erstaunlich, dass so viele Menschen nur „off records“ erzählen wollten. Die Göttinger „Community“ sei etwa im Vergleich zu einer Großstadt wie München so eng, dass viele Angst vor Repression und vor negativen Schlagzeilen gehabt hätten, vermutet die Forscherin. Vielleicht auch vor der eigenen Aufarbeitung, ergänzt sie.

Realitäten und verdrängte Geschichten

Dennoch trage das Projekt „Movements of Migration – Neue Perspektiven auf Migration in Göttingen“ dazu bei, Realitäten und verdrängte Geschichten der Migration darzustellen. Immerhin hätten  18,5 Prozent der Göttinger Stadtbevölkerung Migrationshintergrund, kämen aus 172 verschiedenen Ländern. Dabei seien die temporär hier studierenden Ausländer oder Menschen ohne Papiere nicht mitgezählt.

Das Projekt wolle leid- und freudvolle Wege von Aufbruch und Ankommen, aber auch das Ringen um Anerkennung und Teilhabe rekonstruieren und  „in der Stadtöffentlichkeit sichtbar machen“ . Die Forscher interessierten sich nicht nur für die Vergangenheit, sondern auch für die Gegenwart der Migration und deren „stadtpolitischen Versuche, sie zu steuern und zu regulieren“.

Nicht angekommen

Laut Hess hätten ganz viele der interviewten Migranten davon berichtet, dass sie „nie Anerkennung für ihre Arbeit“ erfahren hätten. Andere hätten auch nach vielen Jahren noch das Gefühl, „nicht angekommen zu sein“. Auch hörten die Studenten in den Gesprächen mit den Menschen – quer durch alle Schichten, vom Akademiker bis zum einfachen Arbeiter – von „emotionalen Verlusten“ oder „rührende Geschichten von Freundschaft“.

Das Material, das während der Forschungsarbeit für das „digitale Wissensarchiv“ zusammengetragen wurde, umfasst Dokumente, Fotos, Tonaufnahmen und Filme. Dazu zählen etwa zwei Fotografien aus den 60er-Jahren, die dem Projekt von Privatleuten überlassen wurden. Eine zeigt deutsche und griechische Frauen in der Großküche des Uniklinikums. Laut Hess ist es „ das einzige Foto aus der Zeit , welches auf die starke Präsenz vor allem der griechischen Frauen in der Gastarbeitsmigration verweist“. Es mache deutlich, dass die Uni bereits ab den 60er-Jahren auch ein großer Arbeitgeber von Gastarbeiterinnen war.

Fotoapparate verboten

Das zweite Bild zeigt feiernde Männer in der Wohnbaracke von Holz Henkel. „Dieses Bild hätte eigentlich so gar nicht zustande kommen dürfen, denn bei Holz Henkel waren Fotoapparate verboten und die Baracken waren streng kontrolliert“, erläutert Hess.
Der Ausstellungsparcours „Walk of Migration“, der auf Basis des digitalen Wissensarchivs  in Zusammenarbeit mit sieben bildenen Künstlern die Forschungsergebnisse widerspiegelt, führt „die Stimmen der Migration in den öffentlichen Stadtraum“. An verschiedenen Stationen, etwa am Bahnhof, an der Goetheallee oder am Marktplatz werde die Bandbreite der Migration in Göttingen erlebbar gemacht.

In einer dieser Stationen gehe es  am Beispiel von Holz Henkel um die Ausstellung der Geschichte des Arbeitskampfes von 75 Griechen im Jahr 1963, die das Forscherteam „bis nach Athen zurück recherchiert“ habe. Über ein Hörspiel und einen Comic werde dies künstlerisch in einem Container am Bahnhof umgesetzt, verrät Hess.

Digitale Wissensarchiv

Ausgangspunkt für den „Walk of Migration“ ist das digitale Wissensarchiv, das beim Kunstverein im Künstlerhaus, Gotmarstraße 1, angesiedelt ist.  Thematische Bereiche der Stadtplanung, der Migrationspolitik, der vergessenen Proteste und der Migrationswege gestern und heute wurden für das Projekt im Kunstverein „in eine installative Erzählung gebracht“, heißt es im Begleittext der Ausstellung. Dabei bestehe die Möglichkeit der Partizipation, erläutert Hess den Wiki-Gedanken dahinter. Das digitale Wissensarchiv solle „nur als Anfang eines Aufarbeitungsprozesses der Migrationsgeschichte in Göttingen verstanden werden“ und sei „auf das Mittun der Migration selbst angewiesen“.

Die Überführung der Forschungsergebnisse in Zusammenarbeit mit sieben bildenden Künstlern in „installative Repräsentationen“ erlaube, „einen Modus des Erzählens und Darstellens“, der vielschichtiger, analytischer und polyfoner sei, „als es klassische museale Ausstellungskonzeptionen und filmische Arbeiten vorsehen“. Ausstellung und digitales Wissensarchiv basieren laut Hess auf neuester Technik. In der Ausstellung werde zum Beispiel der Film über die Liebesgeschichte eines staatenlosen Paars in eine Foto-Illustration integriert.

Von behördlicher und institutioneller Seite habe es nur vereinzelt Unterstützung für das Projekt „Movements of Migration“ gegeben, finden sich kritische Anmerkungen im Begleittext zur Ausstellung. Und weiter: „Vielmehr wiesen verschiedene Stellen wie das Universitätskrankenhaus unsere Anfrage als zu speziell zurück oder teilten uns wie zahlreiche Firmen und das Arbeitsamt mit, dass die Akten längst vernichtet worden seien und sie sich an nichts erinnern könnten.“

60er-Jahre: Feiernde Männer in einer Wohnbaracke von Holz Henkel. © EF

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Diverse Veranstaltungen

„Movements of Migration – neue Perspektiven auf Migration in Göttingen“ lautet der Titel des Forschungsprojektes und der Veranstaltungsreihe, die am Montag, 25. Februar, ihren Auftakt im Neuen Rathaus hat. Ab 20 Uhr geht es um Migration als Teil der Stadtgeschichte, Erfahrungen, Fallstricke und Forderungen.

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