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Große Bewährungsprobe nach drei Jahren

Hilfsaktion zu Beginn der 80er-Jahre / Teil 2 Große Bewährungsprobe nach drei Jahren

Zeitreise zum Beginn einer Städtepartnerschaft: Im Zuge der Aussöhnungspolitik im Vorfeld des Warschauer Vertrages, den Polen und Deutsche 1970 unterzeichneten, gab es in der Stadt Göttingen bereits Bestrebungen, eine Partnerschaft mit einer polnischen Stadt einzugehen. Zwar wurde dieser Plan erst 1978 realisiert. Dennoch war die Partnerschaft zwischen Göttingen und Thorn eines der ersten deutschen Städtebündnisse. Teil 2 und Schluss: Erster Austausch und Hilfsaktion.

Göttingen. Den Flitterwochen folgt der Ehealltag“ titelte das Göttinger Tageblatt in der Ausgabe vom 30. November 1978.

Nach Diskussionen im Rat und in der Bevölkerung war die Rahmenvereinbarung über eine Städtepartnerschaft Göttingens mit der polnischen Stadt Thorn (Torun) in beiden Städten unterzeichnet worden – als zweite deutsche Partnerschaft mit einer polnische Kommune. Verhandlungen, Kompromisse, Sprachregelungen etwa „zum Vertriebenen-Thema“ und die Rahmenvereinbarungen waren in der Folge bundesweit Vorbild für viele Städtepartnerschaften, die noch folgten. „Göttingen hatte Pionierarbeit geleistet“, sagt Detlef Johannson, seit 1978 Sprecher der Stadt Göttingen.

Die Partnerschaft mit Leben zu füllen, erwies sich als Aufgabe, die mit viel Fingerspitzengefühl angegangen werden musste. So wünschte das Politbüro in Warschau keinen Jugendaustausch. Auch private Unterbringung der Teilnehmer – sei es in Thorn oder Göttingen – war nicht erlaubt. „Übernachtung im Hotel war Pflicht, alle Kontakte mussten über das jeweilige Rathaus laufen“, berichtet Rolf Vieten, seit 1976 Göttinger Kämmerer und von 1980 bis 1988 Oberstadtdirektor.

„Wenn wir reden wollten, gingen wir in ein kleines Wäldchen“, erzählt Ulla Borchard, von 1978 bis 2001 Leiterin des städtischen Amtes für Tourismus und internationale Beziehungen. Jeder Göttinger benötigte ein Visum. In der Anfangszeit seien die Besuche in Göttingen für viele Polen ein Anlass gewesen, über Flucht nachzudenken, berichtet Johannson „Manch einer wollte nicht wieder in den Bus einsteigen, um zurückzufahren.“

Da sei zum Beispiel ein junger Busfahrer gewesen, der sich gleich nach der Ankunft abgesetzt habe, „und dann hat er auch noch eine Trompete mitgenommen“, erinnert sich Borchard an ein Schicksal – und die aufgeregten Telefonate, die diesem Vorfall folgten.

Jahresprogramm des Austauschs

Einmal jährlich trafen sich offizielle Delegationen und legten das Jahresprogramm des Austauschs fest. Das deutsche Theater hatte noch vor Unterzeichnung erste Kontakte geknüpft und mit einem künstlerischen Austausch begonnen. 1979 etwa besuchten Vertreter des DT das nordpolnische Theatertreffen. Eine Abordnung des Jugendringes fuhr nach Polen, die Stadt schickte eine Fotoausstellung „Göttingen vom Mittelalter bis heute“ in die Partnerstadt. „Es gab eine Vielzahl von Aktivitäten, die aber auch alle in Protokollen festgehalten werden mussten“, sagt Vieten.

Ungeachtet der staatlichen Überwachung und Kontrolle fühlten sich die damaligen Akteure in Thorn herzlich aufgenommen. Kaum eine Spur von Ressentiments, obschon Spuren deutscher, während des Zweiten Weltkrieges begangener Greueltaten allgegenwärtig waren. „Denkt nur mal an Barbarka“, sagt Borchard. Im Wald bei Thorn hatte die Gestapo von Oktober bis Ende Dezember 1939 mehr als 600 Polen aus Thorn und Umgebung erschossen. Daran erinnert ein Mausoleum auf dem Friedhof Barbarka.

Ein Jahr nach Start der Partnerschaft fanden sich in Göttingen Menschen zusammen, um die beginnende Freundschaft zwischen den beiden Städten durch kulturelle und gesellschaftliche Bildung zu unterstützen. „Die Partnerschaft darf nicht nur im Rathaus bleiben“, fand Norbert Baensch, damals Chefdramaturg des Deutschen Theaters und Gründungsvorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Göttingen, die zu Beginn des Jahres 1979 aus der Taufe gehoben wurde, damit „Deutsche und Polen mehr voneinander erfahren“. 

Gründung der Gewerkschaft Solidarnosc

Im Dezember 1981, ein Jahr nach Gründung der Gewerkschaft Solidarnosc unter Lech Walesa, hatten die Göttinger die Gelegenheit, ihre Solidarität mit den polnischen Partnern unter Beweis zu stellen. In Polen wurde das Kriegsrecht ausgerufen. In Thorn wie überall in Polen brach Notstand aus. Die Akteure der Partnerschaft und viele Göttinger Bürger beschlossen, den Freunden zu helfen. Vieten, Borchard und Oberbürgermeister Artur Levi brachen gegen den Willen des niedersächsischen Innenministeriums zu einer Fahrt nach Thorn auf. „Da herrschte so eine große Not“, sagt Borchard.

Es erging ein Spendenaufruf an die Bevölkerung. Die Deutsch-Polnische Gesellschaft, allen voran Baensch und der spätere Vorsitzende Reinhard Caspari, starteten in Caspari-Transportern Fahrten mit Hilfsgütern in Richtung Thorn. Später wurden die Kräfte zusammengelegt. Der Spediteur Hans-Jürgen Herbold stellte der Stadt einen Zwölftonner zur Verfügung – darauf fand Platz, was die Thorner entbehrten: Nahrungsmittel, Medikamente, Hygieneartikel, Kleiderspenden und medizinisches Gerät. „Das war eine unglaubliche Solidaraktion der Göttinger und eine Bewährungsprobe für die Partnerschaft“, beschreibt Johannson die Zeit des Notstands in Thorn. „Die Bürger waren viel weiter als manch einer in der Politik“, ergänzt Vieten.

Später in den 80er-Jahren brachte die Solidarnosz-Bewegung eine Lockerung der polnischen Partnerschafts-Politik mit sich. 1988 konnten Thorn und Göttingen zehnjähriges Jubiläum feiern. Nach den ersten freien Wahlen überreichte der neue Stadtpräsident Ulla Borchard einen Stadtplan, „ich wusste gar nicht, warum er so gerührt war – weil darauf zum ersten Mal das Sperrgebiet kartiert war“, erinnert sich die 70-Jährige.

Noch immer nehmen die Zeitzeugen der ersten Jahre Anteil an der Entwicklung der Stadt an der Weichsel. Borchard hält nach wie vor Kontakt zu Freunden aus den ersten Partnerschaftsjahren. Auch Johannson denkt gern an die Anfänge zurück: „Ich bin froh, dass ich die ersten 35 Jahre miterleben konnte. Bei Besuchen habe ich gesehen, was aus Thorn geworden ist. Früher war es dort trist und dunkel, heute ist es eine pulsierende Stadt.“

Für die Geschichtswerkstatt Göttinger Zeitreise werden noch Filme und Fotografien aus den 70er-Jahren gesucht. Infos unter Telefon 05 51 / 90 17 66.

  Zeitzeugen erinnern sich

Baensch

  Zeitzeugen erinnern sich an den Beginn der Städtepartnerschaft Göttingen/Thorn. Norbert Baensch (78) war von 1963 bis 1999 Chefdramaturg des Deutschen Theaters.

Baensch war zudem 1979 Gründungsvorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Göttingen.

Borchard

Ulla Borchard (70), ehemalige Lokalchefin des Tageblattes: 1978 wurde Borchard Leiterin des Amtes für Tourismus und internationale Beziehungen bei der Stadt Göttingen

Johannson

 Detlef Johannson (60) war zur Zeit der Entstehung der Städtepartnerschaft stellvertretender Lokalchef des Tageblattes.

1978 wechselte er zur Stadt und ist seitdem für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Vieten

Rolf Vieten (71) war 1976, als die Partnerschaft sich anbahnte, Göttinger Stadtdirektor und Kämmerer.

Schon vor Unterzeichnung der Vereinbarungen gehörte er Verhandlungsdelegationen an. Von 1980 bis 1988 stand er der Göttinger Stadtverwaltung als Oberstadtdirektor vor.

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Städtebündnis mit Thorn

Im Zuge der Aussöhnungspolitik im Vorfeld des Warschauer Vertrages gab es in der Stadt Göttingen Bestrebungen, eine Partnerschaft mit einer polnischen Stadt einzugehen. Zwar wurde dieser Plan erst 1978 realisiert. Dennoch war die Partnerschaft zwischen Göttingen und Thorn eines der ersten deutschen Städtebündnisse.

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