Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° stark bewölkt

Navigation:
Irrungen, Wirrungen und Opfer eines Überfalls

Göttinger Gänseliesel Irrungen, Wirrungen und Opfer eines Überfalls

Seit 111 Jahren beansprucht das junge Mädchen mit dem Federvieh einen Platz vor dem Alten Rathaus: Im Jahr 1901 wurde das Gänseliesel aufgestellt. Das Bronzemädchen des Bildhauers Paul Nisse und des Architekten Heinrich Stöckhard  blieb dort 78  Jahre lang – bis zu einem Anschlag, bei dem es um ein Haar den Kopf und seine Gänse einbüßte.

Voriger Artikel
Als der Nabel noch aus Plexiglas war
Nächster Artikel
Polizisten üben Stechschritt und Feuer mit Panzerfaust

Göttinger Tageblatt am 28. Mai 1979: Überfall auf das Gänsemädchen.

Quelle: Repro: Hinzmann

Göttingen. Drei Monate lang mussten die Göttinger im Jahr 1979 ohne ihr Wahrzeichen auskommen, dann wurde es nach der Reparatur wieder auf den Markt gebracht. Aber ist es wirklich das echte Liesel, das Generationen frischgebackener Doktoren seither küssten? Zeitreise zum  Ende der 70er-Jahre – in die Ära der Gänseliesel-Affäre.

Seit Jahrhunderten war der Platz vor dem Alten Rathaus dem Löwenbrunnen vorbehalten, einer „geschmacklosen Fontäne“, wie Göttingens Oberbürgermeister Georg  Merkel 1888 bedauerte. Doch erst sein Nachfolger Georg Calsow startete einen Künstler-Wettbewerb und ersetzte die Löwen durch das Gänseliesel, den zweitprämierten Wettbewerbsbeitrag, der in der Bevölkerung auf große Sympathien stieß. 1967 wurde die Bronzefigur samt Baldachin für einige Zeit abgebaut: „Unser Gänseliesel ist bis zum Frühjahr 1968 zu einer Auffrischungskur vom Sockel gestiegen, es kommt bestimmt wieder“, stand auf einem Schild, das vor dem Rathaus aufgestellt wurde. Mit seiner Rückkehr erhielt der Gänselieselbrunnen dann einen neuen Standort.

Zehn Jahre später: Eine Göttinger Blumenhändlerin baute an einem Sonnabend Ende Mai 1978 ihren Stand auf. Dabei bemerkte sie, dass das Liesel nicht auf seinem Platz stand. Die Frau rief die Polizei – und die Beamten fanden die beim versuch einer Entführung lädierte Brunnenfigur im Wasserbecken. „Rowdys beschädigten das Gänseliesel schwer“, schrieb Tageblatt-Redakteur Hermann Hillebrecht in der Ausgabe vom 28. Mai. Der Kopf des Liesels stand unnatürlich schief, eine Schulter war gerissen, der Kopf einer Gans abgebrochen, und einer zweiten fehlte ein Flügel. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung  wurde das bronzene Mädchen samt Zubehör in die Werkstatt der Kunstschmiede Senge gebracht. Dort verschwand das Gänseliesel für drei Monate.

Sensation um das Fähnchen auf dem Baldachin

Während die Kunstschmiede ihr Genesungswerk verrichtete, gab es eine kleine Sensation um das Fähnchen auf dem Baldachin. Was kaum einer bemerkt hatte: Jenes Detail fehlte bereits seit einigen Jahren. Und dann tauchte es plötzlich wieder auf. Der Sohn eines Göttinger Stadtführers entdeckte die Wetterfahne im Urlaub über dem Sofa eines finnischen Freundes, der sie 1971 während seines Studiums bei einem Göttinger Schrotthändler erstanden hatte. Aber das Fähnchen, so stellte sich später heraus, war bereits ein Nachbau, der nach dem Diebstahl der ursprünglichen Brunnenspitze auf den Baldachin gesetzt worden war.

Original und Fälschung, zunächst nicht erkannt – das gleiche Schicksal erlitt später auch das Gänsemädchen selbst. Die Affäre begann während der Reparaturarbeiten 1979. Als das Gänseliesel aus der Werkstatt kam, hatte es einen Zwilling, der Ende August auf den Sockel kam. Die Stadt hatte vorausschauend einen Abguss in Auftrag gegeben, um die Originalbronze künftig Vandalen und kletternden Doktoren zu entziehen. Die Kopie wurde ohne Wissen der Bevölkerung aufgestellt und erwies sich zwei Jahrzehnte lang unbeanstandet als brave Vertretung. Das Original wurde unter größter Geheimhaltung im Städtischen Museum verwahrt. Erst im Jahr 2001, als das Liesel 100. Geburtstag feierte, durfte das Original wieder ans Licht der Öffentlichkeit. Es erhielt einen Platz im Museumsfoyer am Ritterplan – und durfte von da an unter Aufsicht  wieder Doktoren küssen.

Die Göttinger Zeitreise ist ein Gemeinschaftprojekt des Göttinger Tageblattes und der Stadt Göttingen. Aus den 1970er-Jahren werden Fotografien und Filme gesucht. Infos: unter goettinger-zeitreise.de oder Telefon 05 51 / 90 17 66.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Der Wochenrückblick vom 9. bis 15. Dezember 2017