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Jahrzehnt der Studentenproteste

Wandel Jahrzehnt der Studentenproteste

Erste Ansätze für politische Proteste gab es bereits in den 1950er Jahren. Aus der Universität heraus wurde der gesellschaftliche Wandel deutlich. Auf einen Fackelzug von Burschenschaftlern anlässlich der 1000-Jahr-Feier reagierte die Studentenschaft mit einer Gegendemonstration. Proteste gab es auch gegen die Ernennung des als rechtsradikal geltenden Kultusministers Leonhard Schlüter sowie gegen Aufführungen von Filmen des zur Zeit der Nationalsozialisten linientreuen Regisseurs Veit Harlan. Auch gegen atomare Bewaffung gingen die Göttinger auf die Straße.

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Gegen den Bildungsnotstand: Proteste am Göttinger Markt im Jahr 1965.

Quelle: Städtisches Museum

In den 60er Jahren war es zunächst die innere Beschaffenheit des universitären Systems, die die Menschen demonstrieren ließ. In seiner Abhandlung zur Universitätsgeschichte (aus „Göttingen. Geschichte einer Universitätsstadt“, Bd. 3) beschreibt Hans Joachim Dahms die Unzufriedenheit der Studierenden und Lehrenden mit „der inneren Reform der Hochschulen“. Die Diskussion um den „Bildungsnotstand“ führte auch in Göttingen zu Protesten. Weitere Anlässe waren ebenfalls 1965 das Niedersächsische Konkordat und 1968 die Notstandsgesetze, die im Krisen- oder Katastrophenfall Grundrechte einschränkten. „Aus unserer Sicht waren die Gesetze ein Beleg dafür, daß sich die Bundesrepublik zum autoritären Staat und zur formierten Gesellschaft entwickelte“, begründet der ehemalige Göttinger Student Erwin Ratzke, Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (aus: „Göttingen ohne Gänseliesel“), warum die Gesetzesvorlagen den Studenten Grund für Proteste boten.

„Ins Rollen“ aber kam die Studentenbewegung laut Ratzke erst durch die tödlichen Schüsse auf Benno Ohnesorg während einer Demonstration gegen den Schahbesuch im Juni 1967 und den Vietnamkrieg. „Die APO (außerparlamentarische Opposition) entwickelte sich zügig zu einer breiten, sozialen Bewegung … Viele Studenten, die bis dato brav ihr Studienpensum absolviert und statt der Politik den Tanztee im Sinn hatten, fanden plötzlich starkes Interesse an gesellschaftspolitischen Themen.“ Auch solche mit Göttinger Hintergrund: Proteste gab es laut Dahms gegen „Pressekonzentration und -manipulation“ – gemeint war das Götttinger Tageblatt. Auch der Abriss des alten Universitätsreitstalls führte zu Protesten.

In der Anfangsphase der Studentenrevolte gab es zwischen Studierenden und Hochschullehrern noch so etwas wie Einvernehmen. Das schwand mit der Zeit. Denn die Vorlesungen wurden nicht nur dazu genutzt, im eigenen politischen Sinne Öffentlichkeit herzustellen, sondern sie wurden auch gezielt gestört. Mancher Professor geriet ins agitatorische Fadenkreuz der protestierenden Studenten – etwa ein dem liberalen Lager angehörender Romanist, der wegen eines Zerwürfnisses mit einem seiner Mitarbeiter auf Plakaten geschmäht wurde. Vorangegangen war sein Einschreiten gegen seinen Assistenten, der ein Jahr lang in einem Proseminar Mao Tsetung behandelt hatte – statt, wie angekündigt, Balzac.

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