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Göttinger Zeitreise „Mit Ach und Krach und immer wieder aufs Neue“
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20:50 25.05.2012
Um 1977: Das Junge Theater ist mittlerweile im Carl-Otfried-Müller-Haus zuhause. Quelle: Städtisches Museum
Göttingen

Die beiden Jahre am Jungen Theater in Göttingen unter Scheffs Ägide (...) gehören zu meinen schönsten Zeiten am Theater.“ So sollte sich später Evelyn Hamann erinnern. Hans-Gunther Klein alias Scheff holte sie 1968 an sein Theater. Es waren Hamanns erste Bühnen-Engagements. Sie schreibt: „Von den 24 Stunden, die ein Tag hat, waren wir alle 48 Stunden im Theater, auch die Freizeit wurde im Theaterkeller verbracht.“

Hamann erinnert sich an „die Begeisterung und den Einsatz, mit dem alle Beteiligten für Scheffs Theater gearbeitet haben“. Und dieser Einsatz war wohl auch nötig in dem Theater, für das Klein 1957 mit der aufgekauften Konkursmasse des Zimmertheaters Tangente den Grundstein legte, mit 25 Jahren. „Mit Ach und Krach“ und „immer wieder aufs neue“, wie das Göttinger Tageblatt 1970 schrieb, sollte das Junge Theater fortan die finanziellen Hürden nehmen

H.-G. Klein

Die Gagen der Schauspieler lagen unter dem Durchschnitt. „Das Mißverhältnis zwischen Erfolg, künstlerischer Anerkennung, Vereinnahmung für das Image der Stadt und finanzieller Unterstützung“: Das habe das JT von Anfang an begleitet, schrieb Carola Gottschalk (in: „Maxibauten – Miniröcke. Die Sechziger Jahre in Göttingen“, Städtisches Museum Göttingen.)

Die ersten Jahre verbrachten Klein und sein Team auf Wanderschaft. Denn schon 1958 wurde ihnen in der Weender Straße 11 gekündigt. Von da an probte die Gruppe im Tanzsaal des „Frankfurter Hofes“ und der „Bielefeld‘schen Schmiede“ in der Angerstraße. Man trat im Saal des Nansenhauses oder bei Gastspielen  außerhalb Göttingens auf.

1960 dann das Ende der Odyssee: für 15 Jahre wurde das JT sesshaft in der Geismarlandstraße 19, dort, wo heute das Lumière Filme zeigt. JT-Intendant Andreas Döring erinnert sich „mit Grausen“ daran, dass man in diesem engen Raum einmal Theater gespielt hat. Die Schauspieler richteten weitgehend eigenhändig ihr Theater ein. Mit Improvisation von Garderobe, Büro und Foyer. Aber 1967 sollte das Haus verkauft werden. Der Verein der Freunde des Jungen Theaters unter Horst Wattenberg kaufte daraufhin das Gebäude.

Zum Jahreswechsel 1975 / 1976 folgte dann der bis dato letzte Umzug. Im Januar 76 nahm das JT den Betrieb im Carl-Otfried-Müller-Haus in der Hospitalstraße 1 auf, als Teil des von der Stadt eingerichteten Kultur- und Aktionszentrums (KAZ). Der Einstand wurde mit dem Jugendtheaterstück „Bravo, Girl“ gegeben, in dem jugendliche Laien mitwirkten. Seit der Premiere von „Tom Sawyer“ 1970 / 71 war die Kinder- und Jugendarbeit Teil des JTs. Zur Eröffnung schickten NDR und Radio Bremen Teams, so viele Besucher habe es in Göttingen „kaum je an einer Stelle zuvor gegeben“, meldete der Blick.

Spielzeit 1968/69: Evelyn Hamann in Sartres „Die ehrbare Dirne“.

Im KAZ wurden nun auch andere Medien mit einbezogen. Es gab Filmvorführungen und Musikabende. Vor allem aber konnte das Junge Theater dank der räumlichen Möglichkeiten bei seinen Inszenierungen fortführen, was mit der Premiere von Peter Weiss‘ Drama „Marat / Sade“ unter der Regie von Achim Plato 1971 / 72 seinen Anfang genommen hatte: Die Durchbrechung der Trennung von Bühne und Zuschauerraum.

Gerda Neumann schrieb über die Premiere für das Göttinger Tageblatt:  „Schon beim Betreten des Foyers merkte der Besucher, daß hier Besonderes vorging. In Grüppchen ließ man die Zuschauer durch die Kellerräume wandern, die als Irrenanstalt im Stile des 18. Jahrhunderts ausgestattet waren. (...) Beim Eintritt in den Zuschauerraum bot sich ein ungewohntes Bild: Eine breite schräge Rampe führte von der Bühne nach unten. Die Sitzreihen waren an die Wände gedrängt worden.

So ergab sich statt des Guckkastens eine Arena inmitten der Zuschauer. (...) Hin und wieder setzten sich einige Darsteller zwischen die Zuschauer und agierten dort weiter, was die verlegen lächelnden Gäste zu befremden schien.“ Der Literaturwissenschaftler Heinz Ludwig Arnold schrieb in der Frankfurter Rundschau: „Es gab einen Beifall, wie er in diesem Hause selten ist: mit Recht für diese Inszenierung“. Beim Gastspiel in Hamburg sollte eine dreißig Meter lange Schlange vor der Kasse stehen, wie Klein, laut Tageblatt „über das ganze Gesicht“ strahlend, später berichtete.

Mit der „Marat / Sade“-Inszenierung 71 / 72 ging das JT unkonventionelle Wege. Und darum war es ihm von Anfang an gegangen. Klein und seine Truppe spielten Beckett, als kaum jemand in Deutschland Beckett spielte. Sie gaben Stücke von Lenau, Sartre und Ionesco, als die Autoren „noch nicht durch das Etikett ‚moderne Klassik‘ geadelt waren“, wie der damalige Tageblatt-Kulturredakteur Hans-Christian Winters 1982 in den Göttinger Monatsblättern schrieb.

„Das JT stellte diese Autoren (...) konsequent zur Diskussion“, so Winters weiter. Denn das JT war gegründet worden „als geistige Herausforderung, als Beitrag zum Hinterfragen dessen was ist, was unsere Gesellschaft bedeutet, wohin die Reise geht“. So der frühere Hildesheimer Regierungspräsident Hans Kellner.

Nicht jedem gefiel der Ansatz. In der Fuldaer Volkszeitung ist über ein Gastspiel von Becketts „Warten auf Godot“ 1958 zu lesen: „In der Pause verließen nicht wenige (darunter auch der Rezensent) teils verärgert, teils amüsiert und kopfschüttelnd den Saal“. Carola Gottschalk dazu zusammenfassend: „Das Unverständnis dem absurden Theater gegenüber ist noch weit verbreitet“.

Programmheft 1976 / 77:Theater mit gesellschaftskritischen Fragen.

Gottschalk an anderer Stelle: „Das Theater der Nachkriegszeit ist ein Theater der Klassiker, der alten Konzepte, der alten Männer“. Schon allein deshalb bestand die Truppe, mit der Klein den künstlerischen Weg ausarbeitete, stets aus Nachwuchsdarstellern, -bühnenbildnern und -regisseuren, die unbekannt waren. (Unter ihnen waren neben Evelyn Hamann Bruno Ganz und Claus Peymann. Die französische Sängerin Barbara sang im JT ihr Chanson „Göttingen“.)

Ende der 60er Jahre begann das JT neben modernen Autoren verstärkt politische Stoffe aufzuführen: „Das Interesse an politischen Fragen und deren Verarbeitung auf der Bühne nahm zu, erweiterte das Spektrum und beeinflußte die Stückauswahl“, resümierte die damalige Dramaturgin Regina Leßner 1977.

Dazu passte es, sich auch innerbetrieblich von der hierarchischen Ordnung zu trennen. 1970 führte das JT einen Theaterrat ein, in dem Schauspieler und Mitarbeiter ein möglichst großes Mitspracherecht erhalten sollten. Eine überarbeitete Satzung trat 1975 in Kraft: Mit der Maßgabe, dass auch die neue Form nicht endgültig sei. Ein „Mitbestimmungsmodell, das ständig in der Diskussion bleibt“, sollte es sein, so Leßner.

In der Diskussion blieben auch die Inszenierungen: 1973 noch sorgte die JT-Fassung von Richard Wagners Oper „Der fliegende Holländer“ für Wirbel. Eine „bisweilen haarsträubende Attacke gegen den Kult von Bayreuth“ war es laut dpa-Meldung wohl gewesen. Ein Besucher schrieb an das JT: „Ihr Schmierenkomödianten! Nicht Wagner, Euch selbst habt Ihr mit der schmutzigen Persiflage lächerlich gemacht. (...)

Geismarlandstraße 19: Die Schauspieler richten ihr Theater weitgehend allein her.

Lernt erst einmal Lesen und Schreiben, und vor allem Wagners Musik richtig kennen und schätzen“. Aber das JT hatte sich mittlerweile Respekt und Anerkennung erspielt, auch über Göttingens Grenzen hinaus. Und so wurde der „Fliegende Holländer“ trotz der Empörung des Briefeschreibers 1974 für den Südwestdeutschen Rundfunk aufgezeichnet.

Die Göttinger Zeitreise ist eine Geschichtswerkstatt des Tageblattes in Zusammenarbeit mit der Stadt Göttingen. Derzeitige Reise-Etappe sind die 70er-Jahre. Dafür werden unter anderem noch Fotografien und vor allem Filmsequenzen aus privatem Besitz gesucht.
Kontakt: über goettinger-zeitreise.de oder unter der Telefonnummer 05 51 / 90 17 66 sowie per E-Mail an redaktion@goettinger-tageblatt.de.

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