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Göttinger Zeitreise Planungssünden: Fachwerk weicht dem Abrissbagger
Thema Specials Göttinger Zeitreise Planungssünden: Fachwerk weicht dem Abrissbagger
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17:12 10.08.2012
Trauriges Bild: Fachwerk muss weichen. Quelle: Städtisches Museum
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Göttingen

Besonders zornig gingen viele Einwohner Ende der 60er-Jahre gegen den Abriss des Universitäts-Reitstalls am Weender Tor auf die Barrikaden – ohne allerdings die auf Großstadtkurs navigierenden Stadtplaner zu beeindrucken. Der Abriss hatte eine Großdemonstration und erste Hausbesetzungen zur Folge. Das zweieinhalb Jahrhunderte alte Gemäuer fiel städtischen Plänen für ein Verwaltungszentrum mit Rathaus, Schwimmhalle und Volkshochschule zum Opfer. Ein solcher Komplex wurde letztlich jedoch nicht gebaut.

 
Das Jahr 1974 gehörte zu „den turbulentesten in der Innenstadt-Erneuerung“, schreibt Hans-Dieter von Frieling in „Erneuerung oder Kahlschlagsanierung?“ (Göttingen ohne Gänseliesel, 1988): Flächensanierung in der Neustadt, Eröffnung des Hertie-Warenhauses und des Induna-Zentrums samt futuristischer Fußgängerbrücke an der Weender Landstraße. Das Hertie-Kaufhaus wird als mächtiger, geschlossener Baukörper empfunden – „ein Solitär ohne Beziehung zu seiner Umgebung“, schreibt Maren Christine Härtel (Göttingen. Geschichte einer Universitätsstadt, Band 3, 1999).

Ein ähnliches Urteil fällt Härtel über das 1972 errichtete Appartement-, Geschäfts- und Bürohaus der Gothaer-Versicherung: „die ausgewiesene Verbindung zu der kleinmaßstäblichen Nachbarbebauung mag sich heute beim Betrachter kaum einstellen“. Auch für dieses Bauwerk mussten alte Göttinger Wohnhäuser weichen.

Die Schaffung einer „modernen Stadt“ ging in der ersten Hälfte der 70er-Jahre weiter – trotz Festlegung eines Planungsleitbildes. Im Jahr 1971  wurde ein Sanierungsbeirat gegründet, dem neben Grundeigentümern auch Mieter von Wohn- und Gewerbeobjekten angehörten. Dass Ende der 70er Jahre weitere Häuser im Reitstallviertel abgerissen wurden, konnten die engagierten Bürger jedoch ebenso wenig verhindern wie die Hausbesetzer, die um ihren Wohnraum kämpften.

„Weender str. 79. das dürerhaus bleibt stehn / obwohl dürer tot ist / obwohl wir leben / wird unser haus abgerissen“, schreibt Manfred Hausin in „Wem gehört die Stadt“ (Verlag Bert Schlender, 1974). In derselben Veröffentlichung beklagt auch der Göttinger Wolfgang Bittner, „nahezu alles, was in Göttingen auf stadtplanerischem Sektor geschieht, zeugt von einer ungeheuren Einfallslosigkeit und scheint entweder auf Zufall oder aber auf Privatinitiative zu beruhen; wobei zu berücksichtigen ist, daß letztere zumeist in den Händen von Geldmagnaten und Konzernen liegt.“

Vom Abriss bedrohte Häuser wurden besetzt und von der Polizei geräumt. 1977 waren das unter anderem die Gebäude Weender Straße 77 und 79: Von Frieling beschreibt die Ereignisse als „größten Polizeieinsatz, den die Göttinger Häuserkämpfer je erlebt haben“. Sieben Hundertschaften der Polizei wurden eingesetzt, um Demonstranten und Sympathisanten von den Häusern fernzuhalten. Verhindert wurde der Abriss nicht.

Als „katastrophales Beispiel einer verfehlten städtischen Baupolitik“, so Härtel, wurde auch die Sanierung des Quartiers Neustadt betrachtet. Alte Fachwerkbebauung aus der Zeit um 1500 wich modernen Wohnbauten. Das Abrissargument lautete „schlechte Bausubstanz“. Modernisierungskosten wurden höher veranschlagt als Neubaukosten.

Ein Wandel im Umgang mit historischer Baustubstanz vollzog sich in der Stadt offenbar ab Mitte der 70er-Jahre, als die Sanierung des Johanniskirchviertels angegangen wurde. Die Denkmalschutzbehörde wies das Areal als „in sich geschlossenes Fachwerkensemble“ aus.
Im Planungsleitbild der Stadt von 1988 heißt es zur baulichen Vergangenheitsbewältigung: „Die nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgten Einbrüche in das Innenstadtgefüge sind darauf zurückzuführen, daß (...) der Begriff Baufreiheit gründlich mißverstanden wurde.

Heute ist technisch fast alles machbar, der Wunsch nach maximaler Ausnutzung steht über allem (...) Das sind die Gründe dafür, daß der Innenstadt in den vergangenen 30 Jahren an einigen Stellen irreparable Schäden zugefügt werden konnten.“ Inzwischen, so urteilten die Stadtplaner von 1988, habe sich das Bewusstsein gewandelt: „Es besteht in weiten Teilen der Bevölkerung Einigkeit darüber, dass man die Gestalt einer Altstadt nicht ganz dem freien Spiel der Kräfte überlassen darf.“

Die Göttinger Zeitreise ist eine Geschichtswerkstatt des Tageblattes in Zusammenarbeit mit der Stadt Göttingen. Derzeitige Reise-Etappe sind die 1970er-Jahre. Dafür werden noch Fotografien, vor allem aber Filmsequenzen aus privatem Besitz gesucht. Kontakt: über goettinger-zeitreise.de oder unter Telefon 05 51 / 90 17 66 sowie per E-Mail.

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