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Polizisten üben Stechschritt und Feuer mit Panzerfaust

Jubiläums-Jahrgang Polizisten üben Stechschritt und Feuer mit Panzerfaust

Die Meldung musste zackig kommen: „Stube 222 belegt mit sieben Wachtmeistern, alle auf und gesund!“ Das war an irgendeinem beliebigen Wochentag des Jahres 1962, immer aber morgens punkt sechs. 

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Jubiläums-Jahrgang beim Jubiläums-Treffen: Sie waren der 25. Anwärterkurs und treffen sich nach 50 Jahren wieder in der alten Ausbildungsstätte.

Quelle: Heller

Aufstehen der Lehrhundertschaft, gleich nach dem ersten Knacken der Lautsprecher auf dem Kasernenflur. Knarzige Durchsage, dann hatte der Stubenälteste Reinhard Brandes Meldung zu machen – immerhin noch im Schlafanzug.

50 Jahre später ist Stube 222 nicht mehr ganz vollzählig und gesund. Immerhin: Von den 31 Polizeischülern des Jubiläumsjahrganges 1962, des 25., der in der Landespolizeischule je zum Polizeidienst ausgebildet wurde, sind 14 gekommen. Und ein Ausbilder gar: Hauptwachtmeister Winkelmann, wie er einst einschließlich mit Dienstgrad genannt wurde.

Mehr als 1000 Schüler gemustert

Ernst-Günter Winkelmann lebt noch immer in Hann. Münden, hat 36 Jahre Polizeischule hinter sich und in elf Jahren als Ausbilder mehr als 1000 Schüler mit scharfem Blick gemustert und zur Disziplin erzogen. Dabei hat er selber viel lernen müssen – etwa den vollständigen Umbau der Ausbildung vom militärischen Drill samt Exerzieren im Stechschritt und scharfem Feuer mit schweren Waffen zum heute praxisorientierten Polizeistudium mit Schwerpunkten wie Recht, Psychologie und Deeskalationsstrategien.

Winkelmann ist längst pensioniert, seine einst jungen Polizeischüler auch. 68 sind sie im Schnitt. Seit dem feierlichen Gelöbnis in Anwesenheit von Innenminister Bennemann am 8. November 1962 haben sie sich viele Male getroffen: mal in Polizeikasernen, mal in Heimatorten der Kollegen, jetzt eben am alten Ausbildungsort.

Paddeltour und Stadtbummel

Die Erinnerungsreisen derer, die einst in Münden Polizisten wurden, haben heute einen gehörigen Anteil an den jährlich rund 160 000 Übernachtungen in der Drei-Flüsse-Stadt. Die heutige Polizeiakademie stellt dafür Quartiere. Die älteren Semester aber gehen lieber ins Hotel.

Paddeltouren auf der Weser, Stadtbummel, Café-Besuch in der Aegidienkirche – das gehört oft zum Programm der Ex-Polizeischüler, immer aber auch der Austausch von Erinnerungen. „Weißt Du noch...“, heißt es dann – und alle lachen. Oder wundern sich rückwirkend noch. Etwa, warum zur Polizeiausbildung damals das Schießen mit der Panzerfaust auf dem Truppenübungsplatz Ehra-Lessien gehören musste. Oder Schneeschippen wie die Moorsoldaten. Dass man nicht Polizist wurde ohne Freischwimmer, leuchtet hingegen auch heute noch ein.

Einer von ihnen, Kurt Branding, hat seine Erinnerungen aufgeschrieben unter dem Titel „Es gab auch schöne Tage“. Eines der Kapitel beschreibt, wie er im „Lehrschwimmbecken“, einem eiskalten Tümpel, beinahe untergegangen wäre. Das wäre das Ende des Polizeischülers Branding gewesen. „Lebensretter“, sagt er, war Kollege Brandes, der als guter Schwimmer die Innenbahn nahm und ihm immer wieder entlastend die Hand unter den Leib hielt. Der schlechte Schwimmer blieb ein Polizist – 41 Jahre bis zur Pensionierung.

Wie einst beim Militär

Die hat auch Erwin Knöll lange hinter sich, aber seine alte Uniform passt immer noch. Sogar den Tschako hat er auf dem Kopf, die soldatische Kopfbedeckung, halb Helm, halb Hut, wie sie bis Mitte der 60-er noch zur Wachuniform gehörte. Die Beine stecken in einer Art Reiterhose und Stiefeln. „Steg geputzt?“, fragt scharf einer der Kollegen. Klar, dass das Leder zwischen Sohle und Hacken blank ist. Wie einst beim Militär gehörte der Steg-Test auch bei den Polizeischülern zu den Schikanewerkzeugen vieler Ausbilder.

Sie alle haben 1972 Heinz Oestergaards Designer-Uniform (moosgrün/beige) als Symbol des gesellschaftlichen Wandels bei der Polizei erlebt. Etwa zur gleichen Zeit war es aus mit dem Drill der Polizeischüler in Hann. Münden. Polizisten wurden Zivilisten in Uniform, die geschworen hatten, „Gerechtigkeit gegenüber Jedermann“ zu üben. „Ich meine, dass es mir ganz gut gelungen ist“, schreibt Branding in seinem Erinnerungsbuch zur Pensionierung. Dem stimmen die Kollegen von Stube 222 zu.

Die Göttinger Zeitreise ist ein Gemeinschaftprojekt des Göttinger Tageblattes und der Stadt Göttingen. Aus den 1970er-Jahren werden Fotografien und Filme gesucht. Infos unter goettinger-zeitreise.de oder Telefon 05 51 / 90 17 66.

Landespolizeischule
Die Landespolizeischule Niedersachsen ist 1946 auf Weisung der britischen Militärregierung gegründet worden und ist das wichtigste Institut für Aus- und Fortbildung der Polizei im Land. 1997 wurde sie in das Bildungsinstitut der Polizei umgewandelt, 2007 der Polizeiakademie Nienburg angegliedert. Standort ist die ehemalige Gneisenau-Kaserne der Wehrmacht am Rande des Stadtteils Gimte. Gegen Ende des Weltkriegs war ein Teil des Oberkommandos des Heeres in der 1934 erbauten Kaserne untergebracht, danach ein britisches Bataillon. Am 11. Juni 1946 begann der erste Polizeianwärterlehrgang. Der 25. Lehrgang beendete vor 50 Jahren die Ausbildung und wurde im November 1962 vereidigt. Ihren Höhepunkt erlebte die Schule in den 70-er-Jahren. Damals waren zeitweise bis zu 1400 Polizisten in Aus- oder Fortbildung in Hann. Münden.
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