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Riesenschlangen, Saufen und Buden kreuz und quer

Geschichte des Weihnachtsmarktes Riesenschlangen, Saufen und Buden kreuz und quer

Länger und bewegter als gemeinhin vermutet ist die Geschichte des Göttinger Weihnachtsmarktes. Zeitweise geriet das Treiben am Alten Rathaus sogar zum öffentlichen Ärgernis, gegen das die Behörden mehrfach einschritten. Die heutigen Auseinandersetzungen um Holzschnitzel und Glühweinbudenstandorte hätten die damaligen Bürger, Behörden und Polizei wohl mit Kopfschütteln quittiert.

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Im Jahr 1964 noch mit Stadtbussen statt Fußgängerzone: winterliche Idylle.

Quelle: Städtisches Museum

Göttingen. Nachgewiesen sind Verkäufe eindeutig weihnachtlicher Waren vor dem Alten Rathaus seit dem Jahr 1846, weiß Thomas Holbein, beim Ordnungsamt der Stadt verantwortlich für die Organisation des Weihnachtsmarktes und die Abstimmung mit den Budenbetreibern.

Holbein befasst sich allerdings nicht nur mit dem aktuellen Geschehen ums Alte Rathaus, sondern hat auch historische Dokumente zusammengesucht – und dabei zum Teil Erstaunliches herausgefunden.

Schon vor 1846, belegen die Dokumente, wurde es vor dem Alten Rathaus zur Weihnachtszeit lebendig.

Eins der ältesten Fotos des Göttinger Christmarkts: Budenszenen, wahrscheinlich vor 1900.

Eins der ältesten Fotos des Göttinger Christmarkts: Budenszenen, wahrscheinlich vor 1900.

Quelle:

Auf dem vierteljährlich abgehaltenen Jahrmarkt wurden im Dezember verstärkt Zitronen, Orangen und Gewürze, später auch  Spielwaren wie Ausschneidebogen oder Zinnfiguren angeboten.

Gegen das Treiben von Wahrsagern, Handliniendeutern und Glücksspielern, die auch schon damals die Gunst der weihnachtlichen Stunden nutzen wollten, gehen die Behörden bereits um 1800 vor.

Mitte des Jahrhunderts entwickelt sich zwischen königlicher Polizeidirektion und städtischer Polizei ein Streit darüber, wer die Regelungsmacht über den nun etablierten Christmarkt, wie der Markt damals hieß, besitzt.

Eins der ältesten Fotos des Göttinger Christmarkts: Budenszenen, wahrscheinlich vor 1900.

Eins der ältesten Fotos des Göttinger Christmarkts: Budenszenen, wahrscheinlich vor 1900.

Quelle:

Nachdem der Markt zuvor streng reguliert war – so durften beispielsweise nur Einheimische ihre Waren feilbieten, die Zahl der Buden war auf zwölf, die Öffnungszeit auf nur wenige Tage vor dem Weihnachtsfest  beschränkt – erlebt der Markt in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts einen Aufschwung.

Verkauft werden zu dieser Zeit unter anderem Göttinger Honigkuchen, Zuckerwaren, Nüsse, Kastanien, Göttinger Würste, getrocknetes Obst, frisches Obst, Spielzeug, Baumschmuck, Zinnfiguren, Weihnachtsbäume, verzierte Weihnachtsruten oder auch Scherzartikel.

Die Begleiterscheinungen des Marktes aber werden der Obrigkeit zunehmend suspekt.

„Senator Eberwein“, schreibt der Historiker Günther Meinhardt  1980 in den „Göttinger Monatsblättern“, „zählte einmal hundert Drehorgelmänner und Straßenmusikanten.“

Dagegen schrien die Budenbesitzer beim Anpreisen ihrer Waren an. Meinhardt weiter: „Die schlimmsten der Darbietungen waren aber die der Menagerien und Schaubuden“ mit Schaustellung exotischer Tiere, Feuerschluckern und Akrobaten.

Sehr überschaulich: ein Göttinger Weihnachtsmarkt in den 1930er Jahren.

Sehr überschaulich: ein Göttinger Weihnachtsmarkt in den 1930er Jahren.

Quelle:

„Zufrieden war nur der berühmte Altphilologe Geheimrat Sauppe, denn der behauptete, er könne sich nun viel besser in die Atmosphäre des römischen Amphitheaters zur Zeit Neros versetzen. (...) Oberbürgermeister Merkel hatte freilich weit mehr Sorge, dass die Riesenschlange, mit der jeder Menageriebesitzer auftrat, einmal entkommen und in der Stadt das größte Unheil anrichten könnte.“

Auch ein Behördenvertreter beschwert sich 1885 über „unnützen Trubel u. Randal“ auf dem Christmarkt. Im gleichen Jahr berichtet ein Beobachter in der Göttinger Zeitung, der Markt biete Gelegenheit für eine „ganze Anzahl männlicher Individuen zum Saufen vom  frühen Morgen bis zum späten Abend, insbesondere unter dem Vorwande beim Verkaufe von Tannenbäumen“.

Außerdem ermuntere der Markt „die Jugend zu vielen Unfuge, namentlich abends“.  Zu diesem Zeitpunkt wird der Christmarkt bereits zwei Wochen vor dem Fest eröffnet. 

Die Polizei versucht, das unübersichtliche Treiben in geregelte Bahnen zu lenken: „Um nun eine gewisse Ordnung bei Vertheilung dieser Handelstellen herzustellen“, lässt der „Polizeicommissarius“ im Jahr 1886 mitteilen, „habe ich Weihnachten vor zwei Jahren die betreffenden Buden, welche sonst kreuz und quer standen, in zwei gerichtete Reihen aufstellen lassen.“

Dieses Verfahren habe sich „in in jeder Hinsicht bewährt“. 1893 vermerkt ein städtischer Assessor allerdings, „die Zahl der Budeninhaber mehrt sich von Jahr zu Jahr“.

Im gleichen Jahr beschwert sich eine langjährige Standbetreiberin, es sei „verschiedentlich vorgekommen, dass meine Bude sowohl wie auch andere bei Nachts beschädigt sind.

Vor zwei Jahren sind sogar die Kisten, worin ich Spielwaren Nachts über eingeschlossen, erbrochen und zum Theil ausgeräumt.“

Um die Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert lieferte die damalige Obrigkeit ein Paradebeispiel einer schlanken, aber rigorosen Verwaltung: „Am Freitag, den 18. des Monats, Nachmittags 2 ½ Uhr“, heißt es in den Amtlichen Bekanntungen vom 9. Dezember 1901, „findet auf dem Marktplatz die Vertheilung der Plätze der Verkaufsbuden des Christmarktes statt und haben sich die Betheiligten rechtzeitig daselbst einzufinden. (…) Das Aufstellen von Buden und Tannebäumen ohne polizeiliche Erlaubnis ist verboten. Die Polizei-Direction, Bunge.“

Im gleichen Jahr werden die Vorschriften weiter verschärft: Die Behörden fordern, „für die Buden eine bestimmte Größe anzugeben, da theilweise Buden vom 4 ½ bis 5 ½ Meter zur Vertheil. kamen und hierdurch ein Reihe Platz verloren ging. Der Christbaumverkauf fand auf dem Johanniskirchhof statt, es war hierzu die Erlaubnis des Superintendanten Brügmann eingeholt.

Bei diesem Verkaufsständen ist es unbedingt nothwendig, die Größe des Standes vorzugeben. (…) Am 24. Dezember Abend um 10 Uhr waren die Buden entfernt und der Platz gesäubert“.

Damit sei zum ersten Mal der Verkauf von Weihnachtsbäumen dokumentiert, sagt Weihnachtsmarkt-Organisator Holbein.

Und zum ersten Mal wird der traditionelle Göttinger Christmarkt auch als Weihnachtsmarkt bezeichnet – vielleicht, um sich von im süddeutschen Raum gebräuchlichen Benennungen abzugrenzen.

Nach dem ersten Weltkrieg ist die Ordnung wiederhergestellt, der Göttinger Weihnachtsmarkt läuft in geordneten Bahnen und beschaulicher Größe ausschließlich in der letzten Woche vor dem Fest ab. Der ersten Weihnachtsmarkt nach dem Zweiten Weltkrieg findet erst 1948 statt.

Größere Aufregung gibt es erst wieder Anfang der 60er Jahre: Wegen der Ausweitung der Weender Straße soll der Markt auf das Trümmergelände am Bahnhof ausweichen – ein Plan, der bald kassiert wird.

Dass der Markt auf Dauer am Alten Rathaus stattfindet, klärt sich Mitte der 1960er Jahre, als beschlossen wird, die damals vielbefahrene Weender Straße zur Fußgängerzone umzubauen.

Die Göttinger Zeitreise ist ein Gemeinschaftprojekt des Göttinger Tageblattes und der Stadt Göttingen. Aus den vergangenen Jahrzehnten werden Fotografien und Filme gesucht.

Weitere Informationen unter goettinger-zeitreise.de oder unter Telefon 05 51 / 90 1-7 66.
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