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Volkstanz und politische Diskussionen: 50 Jahre Landjugend im Kreis Göttingen

Landjugendzeit und zarten Banden Volkstanz und politische Diskussionen: 50 Jahre Landjugend im Kreis Göttingen

„Sie spielen zwar keine Beatmusik, aber sie sind eine moderne, aufgeschlossene Jugend.“ Das schrieb im Jahr 1967 das Göttinger Tageblatt. Und weiter: „Die Mädchen unter ihnen tragen keine Miniröcke, und dennoch käme niemand auf die Idee, sie als rückständig zu bezeichnen.“

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Landjugend tanzt: Heinrich Harriehausen mit seiner späteren Ehefrau Anna-Margarete (r.) und Inge Pickel (v. l.), Hannelore Halsa und Christine Schlote.

Quelle: Schmidt

Göttingen/Rosdorf. Heute, zum 50. Jahrestag der Gründung der Kreisgemeinschaft Göttingen der Niedersächsischen Landjugend, schmunzeln die, die damals gemeint waren, über Moden wie Beat und Minirock. Und sie erinnern sich in ihrem „grünen Blatt“, das heute „Land & Forst“ heißt, daran, wie man „zarte Bande bei Schlagern geknüpft“ hat.

Denn aus der Landjugendzeit und den zarten Banden sind inzwischen teils vielköpfige Landwirtsfamilien geworden – mit Söhnen und Töchtern, die die Höfe weiterführen, oder mit Enkeln, die sich auf die nächste Agrar-Generation vorbereiten.

Zum Beispiel das Ehepaar Harriehausen in Groß Schneen: Er, damals angehender Landwirt, besuchte die Landwirtschaftsschule und auch viele Lehrgänge der ländlichen Volkshochschule Mariaspring bei Eddigehausen. Abends wurde bei den 14-tägigen Seminaren auch schon einmal das Transistorradio angestellt und getanzt.

Landjugend-Mädchen mit Erntekrone: Kirmes 1966 in Rosdorf. ©Schmidt

Landjugend-Mädchen mit Erntekrone: Kirmes 1966 in Rosdorf. ©Schmidt

Quelle:

Zu den Kursen der Mädchen wurden auch die Jungen eingeladen. So lernten sich Heinrich Harriehausen und seine spätere Frau Anna-Margarete kennen bei „Rote Lippen soll man küssen“ und anderen Schlagern der Zeit. Vorerst aber war noch alles unorganisiert. Am 4. März 1963 setzten sich Harriehausen, Ernst Bartens, Gertrud Friedrich, Dieter Lutze und einige mehr zusammen, um eine offizielle Landjugendgruppe zu gründen.

Jeden Mittwoch sollte geübt werden, aus dem ganzen Landkreis kamen sie mit Auto oder Moped nach Mariaspring und später ins Weender Jugendheim. Landesverband und Landvolk sahen das gern. Sie spendierten gar ein Tonbandgerät und finanzierten den Tanzlehrer Günter Barfknecht, als sich die neue Gruppe entschloss, auch Volkstanz einzuüben.

In den nächsten Jahren – Harriehausen war der erste Vorsitzende – fehlte diese Tanzgruppe mit ihrem Repertoire von rund 20 Tänzen bei keinem Landvolktag. Öffentliche Auftritte bei verschiedenen Kirmesfeiern oder bei den überregionalen so genannten „musischen Treffen“ in Hamburg, Braunschweig, Holzminden oder Jever festigten die Gemeinschaft.

Bei der 1000-Jahr-Feier in Göttingen am 2. Juli 1966 trat man selbstverständlich ebenfalls auf. Die Jungen mit roten Westen, die Mädchen im dunkelblauen Kleid mit gelben Blumen, weißer Bluse und Schürze. Die Trachten hatte alle eine Frau Lott aus Ballenhausen für sie geschneidert. Und es knüpften sich zarte Bande zwischen den Tänzern, die zu etlichen neuen Bauernfamilien führten.

Erinnern sich: Anna-Margarete und Heinrich Harriehausen (l.) mit Dieter Lutze.

Erinnern sich: Anna-Margarete und Heinrich Harriehausen (l.) mit Dieter Lutze.

Quelle:

Doch Landjugend, das war immer mehr als tanzen, feiern und Gemeinschaft pflegen. Bildungsveranstaltungen gehörten dazu. Das Tageblatt, so erinnert sich Harriehausen, habe oft eine wichtige Rolle gespielt, wenn man sich zusammensetzte und politische Berichte diskutierte oder sich Vorträge über agrarpolitische Themen anhörte.

Auch wenn sich die rund 35 Tänzer der ersten Jahre teils über Jahrzehnte nicht getroffen haben,  „aus den Augen verloren haben wir uns nie“ , sagt Harriehausen. Und so hofft er, der fünf Jahre Landjugend- und später Landvolk-Vorsitzender war, dass es heute bei der Jubiläumsfeier manches Wiedersehen gibt.

In den Maschhöfen in Rosdorf trifft man sich heute um 15 Uhr bei Kaffee und Kuchen. Die Torten haben die einstigen Landjugend-Mädchen, die heute auf den Höfen die Seniorinnen sind, natürlich selber gebacken. Und vielleicht legt ja noch einer Musik von damals, von Elvis, Freddy Quinn oder Cliff Richard auf, etwa „Rote Lippen soll man küssen“.

80er-Jahre-Film geplant

Die Zeitreise in die Göttinger Stadtgeschichte – ein Gemeinschaftsprojekt des Tageblattes und der Stadt Göttingen –  geht weiter. Gesucht werden vor allem Fotografien und Videos aus den 80er-Jahren, aus denen im kommenden Jahr ein Film entstehen soll.

Neben diesem Jahrzehnt beschäftigt sich die Zeitreise aber in den nächsten Monaten auch mit weiter zurückliegenden Epochen.

Kontakt: im Internet unter goettinger-zeitreise.de, per E-Mail an redaktion@goettinger-tageblatt.de oder telefonisch unter 05 51 / 90 17 66.

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