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Vor 140 Jahren entsteht die Göttinger SPD

Der Weg vom Arbeiterverein zur Partei Vor 140 Jahren entsteht die Göttinger SPD

Die Göttinger SPD feiert in diesem Jahr 140-jähriges Bestehen. Anlass für eine Zeitreise ins 19. Jahrhundert: 1873 gründete ein Bremer Schuhmachergeselle nach dem Vorbild des zehn Jahre zuvor von Ferdinand Lasalle gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins eine Göttinger Ortsgruppe – die Keimzelle der Göttinger Sozialdemokratie.

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Wahrscheinlich 1930: Wahlkampf in Holtensen.

Göttingen. Rund 50 Lohnarbeiter traten dem Göttinger Arbeiterverein 1873 bei. Unter dem preußischen Vereinsgesetz war die politische Arbeit jedoch nicht leicht zu organisieren.

Die Polizei überwachte den Zusammenschluss – und verbot ihn wegen angeblicher Verstöße gegen das Versammlungsrecht. Eine erneute Initiative 1976 wurde durch das Gesetz gegen die Sozialdemokratie ( Sozialistengesetz) verhindert. Nach dessen Auflösung gründeten ortsansässige Handwerker im Jahr 1891 auf Initiative des zugezogenen Malers Heinrich Sommer den „Sozialdemokratischen Wahlverein“.

Die Stadt Göttingen hatte rund 15 000 Einwohner, davon 800 Studenten. Die Mitgliederzahlen des neuen Vereins stiegen nur langsam: 1908 zählte er 200 Genossen, 1910 schließlich 256, weil mittlerweile laut Reichsvereinsgesetz auch Frauen in Parteien eintreten durften. Agieren konnte die Partei nur sehr eingeschränkt: Treffen und Versammlungen waren es nur in geschlossenen Räumen möglich.

Die Polizei kontrollierte fast sämtliche Zusammenkünfte und die Einhaltung bürgerlicher Vereinsstatuten. Zudem war es schwierig, eine Unterkunft zu finden. Zum einen zögerten viele Wirte aus Furcht vor polizeilicher Aufmerksamkeit, zum anderen fürchteten sie ein Ausbleiben der zahlungskräftigen studentischen und soldatischen Kundschaft, heißt es in einer zum 130-jährigen Bestehen von Klaus Wettig herausgegebenen Chronik der Sozialdemokratie in Göttingen (Verlag Die Werkstatt).

Erstes Vereinslokal

Das erste Vereinslokal wurde die Gaststätte der Witwe Achilles (Neustadt 29), später die Kaiserhalle am Wilhelmsplatz . Dort trafen sich die Mitglieder, lauschten den Berichten und Referaten der Parteiaktivisten, lasen sich Artikel aus den politischen Zeitungen vor und besprachen politische Skandale und tägliche Ereignisse. Wichtigstes Ziel der Sozialdemokraten war eine Änderung der Gesellschaftsordnung. Höhepunkte des Parteilebens waren Kundgebungen und Festivitäten am 1. Mai, dem Arbeiter-Tag.

Die Novemberrevolution erreichte Göttingen am 9. November 1918. Im Bürgerpark wurde ein Arbeiter- und Soldatenrat gewählt, an den Oberbürgermeister Georg Calsow und der Garnisonsälteste die Verantwortung für die Geschicke der Stadt übergaben. Gewalttätige Auseinandersetzungen gab es zum Auftakt der Weimarer Republik in Göttingen nicht. Während des Kapp-Putsches im März 1920 setzte sich die SPD auch in Göttingen an die Spitze des Generalstreiks gegen die republikfeindlichen Putschisten.

Die Göttinger SPD und die Gewerkschaften waren im Aufwind, was die Mitgliederentwicklung zeigte. Die Planung eines Volkshauses wurde beschlossen und zu diesem Zweck 1921 ein Trägerverein namens „Solidarität“ gegründet. Im gleichen Jahr noch wurde der „Bürgerpark“ am Maschmühlenweg gekauft und umgebaut.

„Haus des Volksblattes“

Im September konnte das neue Volksheim bezogen werden. In einen  Anbau zogen Druckerei und Verlag des „Volksblattes“ ein, Zeitung der Göttinger SPD. 1924 wurde das „Haus des Volksblattes“ eröffnet. Dort befanden sich auch die Parteibüros.

Göttingen hatte ein zentrales Kommunikations- und Aktionszentrum der Göttinger Arbeiterbewegung bekommen: mit Raum für Versammlungen, Bibliothek, Gaststätte und Kaffeegarten. Das Zentrum war der politische Mittelpunkt der Göttinger Arbeiterbewegung. Und ab 1930 Rückzugsort gegen die Aggressionen der Nationalsozialisten.

Bis zum 26. April 1933: Zum ersten Mal besetzte die SA das Volksheim, nachdem sie es zuvor mehrfach angegriffen hatte. Nach einer zweiten Besetzung im Mai übernahmen nationalsozialistische Organisationen das Haus in Gänze. Sie nannten es euphemistisch „Haus der deutschen Arbeit“.

Die Göttinger SPD feiert in diesem Jahr 140-jähriges Bestehen. Anlass für eine Zeitreise ins 19. Jahrhundert

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Landjugendzeit und zarten Banden

„Sie spielen zwar keine Beatmusik, aber sie sind eine moderne, aufgeschlossene Jugend.“ Das schrieb im Jahr 1967 das Göttinger Tageblatt. Und weiter: „Die Mädchen unter ihnen tragen keine Miniröcke, und dennoch käme niemand auf die Idee, sie als rückständig zu bezeichnen.“

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